ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Diagnostik des Schilddrüsenknotens: Diagnostikschema nicht den Leitlinien entsprechend?

MEDIZIN: Diskussion

Diagnostik des Schilddrüsenknotens: Diagnostikschema nicht den Leitlinien entsprechend?

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): A-947 / B-811 / C-736

Kluge, Regine; Sabri, Osama

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LNSLNS Der im Artikel von Führer et al. in Grafik 2 empfohlene Algorithmus zur Diagnostik von Schilddrüsenknoten entspricht nicht dem allgemeinen Vorgehen an der Universität Leipzig. Den diesem Algorithmus zugrunde liegenden Behauptungen, dass 5 Prozent aller Schilddrüsenknoten szintigraphisch heiß und 85 Prozent kalt seien, muss für den deutschen Raum eindeutig widersprochen werden. Bekanntermaßen wird die Prävalenz der thyreoidalen Autonomie entscheidend von der regionalen Jodversorgung beeinflusst. Als Folge des eingeschränkten Jodangebots stellen sich in Deutschland und anderen Ländern mit grenzwertigem Jodmangel nicht 5 Prozent, sondern etwa 60 bis 80 Prozent der Schilddrüsenknoten szintigraphisch als „heiß“ dar (1, 2). Der Empfehlung, eine Szintigraphie nur
bei einem supprimierten TSH-Spiegel (< 0,05 mU/L) durchzuführen, kann auch deshalb nicht zugestimmt werden, weil autonome Adenome gerade unter der Bedingung des Jodmangels in etwa der Hälfte der Fälle keine pathologische Erniedrigung des TSH-Spiegels bewirken (3).
Ein für die epidemiologischen Verhältnisse in Deutschland angemessener Algorithmus wird durch die von der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin mit den Deutschen Gesellschaften für Endokrinologie (Sektion Schilddrüse) und Chirurgie (Chirurgische Arbeitsgemeinschaft Endokrinologie) abgestimmte Leitlinie zur Schilddrüsendiagnostik (4) vorgegeben. Hingegen stellt das in diesem Beitrag dargestellte Vorgehen offenbar nur die Meinung einzelner Autoren und kein begründetes rationelles Diagnostikschema dar. An der Universität Leipzig stellt deshalb auch heute die Schilddrüsenszintigraphie neben der Bestimmung der Schilddrüsenfunktionsparameter das wesentliche Instrument zur Beurteilung der funktionellen Aktivität eines Schilddrüsenknotens dar.
In dem Algorithmus wird die zwar im Text aufgeführte Aussage, dass die
Radiojodtherapie eine nebenwirkungsarme und effiziente kurative Therapieoption für benigne Schilddrüsenerkrankungen darstellt, leider nicht deutlich. Hierdurch muss der Eindruck entstehen, dass das chirurgische Vorgehen Methode der ersten Wahl sei. Hierzu ist anzumerken, dass bei dem in Deutschland obligaten dosimetrischen Therapieansatz Heilungsraten bei der Radiojodtherapie benigner Schilddrüsenerkrankungen von deutlich über 90 Prozent erreicht werden, die denen von chirurgischen Verfahren nicht nachstehen (5, 6, 7). Daher sollte diesem nebenwirkungsarmen Therapieverfahren, das den Vorteil der Nichtinvasivität aufweist, auch in diesem Schema der gebührende Platz eingeräumt werden.

Literatur
1. Pickardt CR: Jodexposition und Schilddrüsenautonomie. Nuklearmediziner 1989; 12: 205–212.
2. Knudsen N, Perrild H, Christiansen E, Rasmussen S, Dige-Petersen H, Jorgensen T: Thyroid structure and size and two-year follow-up of solitary cold thyroid nodules in an unselected population with borderline iodine deficiency. Eur J Endocrinol 2000; 142: 224–230.
3. Guhlmann CA, Seybold S, Rendl J, Börner W: Epidemiologie und Diagnostik der funktionellen thyreoidalen Autonomie. Nuklearmediziner 1995; 18: 251–
256.
4. Dietlein M, Dressler J, Joseph K, Leisner B, Moser E, Reiners C, Rendl J, Schicha H, Schober O: Leitlinien zur Schilddrüsendiagnostik. www.awmf-leitlinien.de. Nuklearmedizin 1999; 38: 215–218.
5. Sabri O, Zimny M, Schulz G, Schreckenberger M, Reinartz P, Willmes K et al: Success rate of radioiodine therapy in Graves’ disease: The influence of thyrostatic medication. J Clin Endocrinol Metab 1999; 84: 1229–1233.
6. Moser E, Pickardt CR, Mann K, Engelhardt D, Kirsch CM, Knesewitsch P et al: Ergebnisse der Radiojodbehandlung von Patienten mit immunogener und nicht-immunogener Hyperthyreose bei Anwendung unterschiedlicher Herddosen. Nuklearmedizin 1988; 27: 98–104.
7. Oexle C, Reinhardt M, Moser E: Erste Ergebnisse der Radioiodtherapie bei multifokaler und disseminierter Autonomie der Schilddrüse unter Verwendung eines TcTUs-adaptierten Dosiskonzepts. Nuklearmedizin 1998; 37:192–196.

Prof. Dr. med. Regine Kluge
Prof. Dr. med. Osama Sabri
Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin
Universität Leipzig
Liebigstraße 20 a
04103 Leipzig
E-Mail: sabri@medizin.uni-leipzig.de

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