ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Diagnostik des Schilddrüsenknotens: Voreiliger Optimismus

MEDIZIN: Diskussion

Diagnostik des Schilddrüsenknotens: Voreiliger Optimismus

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): A-948 / B-804 / C-760

Reiners, Christoph

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LNSLNS Die Autoren geben am Ende praktische Empfehlungen für die Differenzialdiagnostik von Schilddrüsenknoten und beziehen sich in erster Linie auf Umfragen, die von amerikanischen oder nichtdeutschen europäischen Fachgesellschaften durchgeführt worden sind. Es wäre angemessen gewesen, wenn hier auf die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaften für Endokrinologie und Nuklearmedizin (1, 2) eingegangen worden wäre. Danach ist in Deutschland, wo die Struma im Gegensatz zum Ausland immer noch endemisch ist, von anderen Verhältnissen auszugehen. Dies betrifft in erster Linie die sehr viel größere Häufigkeit von funktionell autonomen „heißen Knoten“ und das Vorkommen von multinodulären Strumen. Aus diesem Grunde wird in Deutschland empfohlen, vor einer Feinnadelpunktion bei Schilddrüsen mit tastbaren und/oder sonographisch abgrenzbaren Herdbefunden mit einem Durchmesser > 1 cm eine Szintigraphie durchzuführen, um die funktionelle endokrine Aktivität des sonographisch entdeckten Herdbefundes und der restlichen Schilddrüse beurteilen zu können. Hieraus leiten sich direkte therapeutische Konsequenzen ab, da im Falle der fokalen oder multifokalen funktionellen Autonomie eine medikamentöse Therapie auf Dauer nicht erfolgreich sein kann. Würde man dem von Führer vorgeschlagenen diagnostischen Algorithmus folgen und eine Szintigraphie nur bei einem supprimierten TSH < 0,05 mU/L durchführen, wäre man nicht in der Lage, die gerade in Deutschland sehr häufigen Fälle von funktioneller Autonomie mit latenter Hyperthyreose und nicht komplett supprimiertem TSH-Spiegel zu erkennen. Bekanntlich finden sich in dieser Gruppe nicht wenige Patienten, die auch wegen kardialer Beschwerden einer definitiven Schilddrüsentherapie bedürfen (3, 4).
Dringend zu warnen ist vor einem voreiligen Optimismus zur Markerdiagnostik beim zytologischen Problemfall der follikulären Neoplasie. Bei der aktuellen Datenlage kann in diesen Fällen nicht auf eine histologische Sicherung verzichtet werden.
Unter dem Strich: Die zur Diskussion stehende Arbeit stellt eine schöne Übersicht über moderne Aspekte der Immunzytologie und Molekulargenetik von Schilddrüsenknoten dar. Als Grundlage für diagnostische oder therapeutische Entscheidungen ist sie zumindest für deutsche Schilddrüsenpatienten und dafür verantwortliche Ärzte nicht zu empfehlen.

Literatur
1. Ziegler R, Pickert CR, Willig RP: Rationelle Diagnostik in der Endokrinologie. Stuttgart–New York: Georg-Thieme-Verlag
2. Dietlein M, Dressler J, Josef K et al.: Leitlinien zur Schilddrüsendiagnostik. Nuklearmedizin 1999; 38: 215–218.
3. Sawin CT, Geller A, Wolf PA, Belanger AJ, Baker E, Bacharach P, d’Agostino RB: Low serum thyrotropin concentrations as a risk factor for older persons. N Engl J Med 1994; 331: 1249–1252.
4. Parle JV, Maisonneuve P, Sheppard MC, Boyle, P, Franklyn JA: Prediction of all-cause and cardiovascular mortality in elderly people from one low serum thyrotropin result: a 10-year cohort study. Lancet 2001; 358: 861–865.

Für die Arbeitsgemeinschaften Schilddrüse und Therapie der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin:
Prof. Dr. med. Christoph Reiners
Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin der
Universität Würzburg
Universitätsklinikum
Josef-Schneider-Straße 2
97080 Würzburg

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