ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1996Queen Mum und ein britisches Hüftgelenk

POLITIK: Die Glosse

Queen Mum und ein britisches Hüftgelenk

Rühle, Wolfgang

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LNSLNSLNSLNS In Großbritannien, wo eine kalte Altersgrenze die Durchschnittsbevölkerung von teuren Behandlungen ausschließt oder auf oft überlebenslange Wartelisten setzt, hat eine nette und ganz außerordentlich alte, wenn auch außerordentlich rüstige Dame ein neues Hüftgelenk bekommen. Das ganze Land nahm tägliche Kommuniqués über erste Schritte und schmerzfrei durchschlafene Nächte entgegen. Lastwagenladungen mit Blumen und Geschenken blockierten die Klinikzufahrten, manche Verehrerinnen harrten tagelang vor den Toren aus. Eine der königlichen Reiterstaffeln exerzierte mehrfach vor dem Hospital.
Niemand grummelte. Die Dame ist immerhin die 95jährige Königinmutter. Oder anders: Die Dame ist die immerhin 95jährige Königinmutter. Dies bringt sie, vermutete die Times zu Recht, ins Guinness-Buch der Rekorde als bisher älteste Empfängerin eines Hüftgelenks. Warum nimmt die Nation das auch medizinisch heikle Ereignis so und nicht, wie man es wohl zu Recht hierzulande vermuten dürfte, mit leiser Anklage bis direktem Aufruhr? Die wichtigste publizierte Meinungsäußerung war die von Prinz Charles über den "eisernen Willen" seiner Großmutter: "Bei ihr hat der Geist über den Körper gesiegt."
Es ist Zwei- oder – we are British – Dreiklassenmedizin, da kann nicht drumherumgeredet werden. Zwar können viele, und nicht nur ärmere, Alte kaum mehr öffentlich ihre Meinung dazu sagen. Bei ihnen muß der eiserne Wille in anderer Weise über den Körper siegen: wenn sie nicht mehr laufen können und schwerste Schmerzen leiden ohne verläßliche Aussicht auf ein Hüftgelenk, eine Niere, eine Dialyse oder eine teure rechtzeitige Krebsbehandlung. Und auch wenn die Queen Mum als letzte unumstrittene Ikone des britischen Königshauses ein soziales Sedativum ist, bleibt es beeindruckend, wie offenbar ausgeglichen – oder vielleicht auch nur resigniert – ein Volk die weitgehende Rationierung von Therapie als Normalität akzeptiert.
Es ist nicht so, daß man es der knuddeligen alten Dame nicht gönnt, so wie man es aber jedem alten Menschen wünschen würde. Es geht auch nicht um Kritik an den Ärzten des Londoner King Edward VII Hospital for Officers, die ein solches soziales Dilemma nicht mit den Mitteln ärztlicher Kunst lösen können und sollen. Es geht auch nicht etwa um zweifelhafte Vorteilsnahme; Queen Mum ist Selbstzahlerin. Es geht um die Grabesstille, mit der Medien und Volk die Formel "Wer zahlt, bekommt" verinnerlicht haben, mit der wir schon in den Anfängen – Rezeptgebühren, Fahrtkosten, Wartezeit, die Debatte um Grundversorgung und Wahlleistungen – zunehmend Akzeptanzprobleme haben.
Die Folgerung? Sowohl der, der strikt für fixierte Zuteilungskriterien eintritt, als auch der, der diese mit großem Gestus weit von sich weist, läuft Gefahr, englische Verhältnisse zu bekommen. Die Devise ist nicht "Wehret den Anfängen", sondern "Gestaltet sie". Dr. med. Wolfgang Rühle
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