ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Diagnostik des Schilddrüsenknotens: Falsche Zahlen

MEDIZIN: Diskussion

Diagnostik des Schilddrüsenknotens: Falsche Zahlen

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): A-949 / B-805 / C-761

Popert, Uwe

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LNSLNS Die Autoren gehen von einer Prävalenz nodulärer Schilddrüsenveränderungen von etwa 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung und von etwa drei bis fünf Schilddrüsenkarzinomen pro 100 000 Einwohner und Jahr in Deutschland aus und gaben gleichzeitig an, dass etwa 5 Prozent aller Schilddrüsenknoten maligne seien. Nun, jeder Gymnasiast kann errechnen, dass entsprechend der erstgenannten Zahlen nur maximal 0,25 Promille (!) der Knoten maligne sein können. Tatsächlich stammen die genannten „5 Prozent“ aus anderen Zusammenhängen, nämlich aus Ländern ohne Jodmangel – mit entsprechend völlig anderen Relationen von gut-/bösartigen Schilddrüsenveränderungen – und wurden gedankenlos auf deutsche Verhältnisse übertragen. Das ist nicht nur ein kleiner bedeutungsloser Rechenfehler, denn wenn man die korrigierten Prävalenzen zum Beispiel zur Evaluation der Schilddrüsen-Feinnadelaspirationsbiopsie verwendet, dann findet man bei Punktionen un-
ter deutschen allgemeinmedizinischen Verhältnissen bestenfalls in etwa 1 Promille einen malignen Befund. (Nimmt man die Zahlenverhältnisse von Gharib, wären es sogar nur etwa 0,5 Promille).
Das heißt dann, auf 1 000 Punktionen findet man einen richtigen malignen Befund. Allerdings vergrößert sich entsprechend den Bayesschen Wahrscheinlichkeitstheorien die Zahl falschpositiver Befunde um ein Vielfaches, und eine Breitenanwendung dieser diagnostischen Methode würde zu einer Gefahr für jeden Schilddrüsen-Patienten. Das lag sicher nicht in der Intention der Autoren. Anders als im Flussdiagramm der Grafik 2 angegeben, muss also dringend nach der
TSH-Bestimmung noch unbedingt ein Screening auf Malignitätsindikatoren erfolgen.
Noch wichtiger erscheint mir allerdings die Frage, warum den Autoren diese beiden schweren kongruenten Schnitzer nicht aufgefallen sind. Die Antwort ist vermutlich einfach: Die angegebenen Zahlen decken sich mit ihrer alltäglichen Realität als Spezialisten, und die angegebenen Prävalenzen entsprechen denen ihres – von Primärärzten erfolgreich vorsortierten – Klientels.
Damit wären die Kernaussagen des fachlich sehr anspruchsvollen Artikels dann auch auf ihre eigene Klientel anwendbar. Allerdings bleibt dann die Frage, ob eine derart kleine Fachgruppe einen so breiten Raum im Deutschen Ärzteblatt verdient.
Sollte dieser Artikel dagegen für die breite Masse der praktizierenden Ärzte gedacht gewesen sein, dann sind derartige fachärztliche Flussdiagramme eine grobe Irreführung. Realistische Flussdiagramme beziehungsweise Leitlinien von und für Allgemeinmediziner sind dagegen dringend erforderlich: Es bleibt zu hoffen, dass diese dann mindestens ebenso viel Raum einnehmen werden. Angesichts der sich abzeichnenden Disease-Management-Programme für die häufigsten Erkrankungen wäre das dringend erforderlich. Immerhin – es geht um einen Großteil der Bevölkerung. Und um einen Schutz vor medizinischem Overkill.

Uwe Popert
Dörnbergstraße 21
34119 Kassel
E-Mail: U.Popert@g-n-n.de

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