ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Thomas Mann und die Frauenheilkunde: „Nenne ich ausgedehnten Befund“

VARIA: Feuilleton

Thomas Mann und die Frauenheilkunde: „Nenne ich ausgedehnten Befund“

Dietl, J.

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Die Novelle „Die Betrogene“ verrät erstaunliche Sachkunde in der Gynäkologie.

Der 78-jährige Thomas Mann veröffentlicht 1953 seine letzte Erzählung „Die Betrogene“ (9). Rosalie von Tümmler, Offizierswitwe, feiert ihren fünfzigsten Geburtstag mit ihren Kindern Eduard, 16, und Anna, 28, in geselliger Runde. „Nicht ganz ohne Anstrengung; denn seit längerem schon, und so gerade an diesem Abend, litt ihr Wohlbefinden unter organisch-kritischen Vorgängen ihrer Jahre, dem stockenden, bei ihr unter seelischen Widerständen sich vollziehenden Erlöschen ihrer physischen Weiblichkeit. Es schuf ihr ängstliche Wallungen, Unruhe des Herzens, Kopfweh, Tage der Schwermut und einer Reizbarkeit, die ihr auch an jenem Festabend einige der zu ihren Ehren gehaltenen launigen Herrenreden als unleidlich dumm hatten erscheinen lassen.“
Rosalie von Tümmler leidet unter den typischen Beschwerden des Klimakteriums. Diese lassen sich in vasomotorische und psychische Symptome einteilen (7). Deren Ursache ist in einem erniedrigten Östrogenspiegel zu suchen. Unterschreitet dieser einen bestimmten kritischen Wert, so kann es zu einer Funktionsänderung des hypothalamischen Temperaturzentrums und zur Beeinflussung zentralnervöser Kernareale kommen, die unter anderem auch für die Regulation der Schlafphasen verantwortlich sind (7).
Tochter Anna wurde mit einem Klumpfuß geboren und ist von bitterer Liebesenttäuschung gezeichnet. Sie widmet sich ganz der abstrakten Malerei und lebt mit der Mutter in einem engen Vertrauensverhältnis (10). Grundthema ihrer Gespräche ist das Verhältnis von Körper und Seele. „Fräulein von Tümmler litt von jeher an heftigen Leibschmerzen, wenn ihre Regel im Anzuge war, – es hatte nichts auf sich damit, war nur eine längst gewohnte, auch von ärztlicher Seite als solche angesprochene konstitutionelle Unannehmlichkeit, die nun einmal in den Kauf zu nehmen war.“
Eine Dysmenorrhö kann bereits einige Monate nach der Menarche auftreten und beruht auf lang anhaltenden dolenten Uteruskontraktionen. Meistens besteht eine primäre Dysmenorrhö bei jungen Mädchen im Adoleszentenalter. Sie bessert sich häufig nach der ersten Schwangerschaft. Bei der Entstehung spielen auch psychische Faktoren keine unwesentliche Rolle, da oft eine zunehmende Schmerz- und Erwartungsangst vorliegt. Die sekundäre Dysmenorrhö ist meistens Ausdruck einer manifesten Endometriose und tritt typischerweise bei Frauen im reproduktiven Alter auf.
Im Gespräch mit ihrer Tochter bedauert Frau von Tümmler ihre ausbleibenden Monatsblutungen. „Sei nur froh und stolz mit deinen dreißig Jahren, dass du in voller Blüte stehst deines Blutes. Glaube mir: ich wollte beliebige Leibwehen gerne in Kauf nehmen, wenn es mir noch ginge wie dir. Aber leider will es mir nicht mehr so gehen, immer spärlicher und unregelmäßiger geschah es mir, und seit zwei Monaten schon ist es überhaupt nicht mehr eingetreten . . . Die Anpassung der Seele an die neue Körperverfassung, die ist das schwierigste.“
Nach dem physiologischen Verlöschen ihrer zyklischen Monatsblutungen verliebt sich die 50-jährige Witwe in den 24-jährigen Amerikaner Ken, den Nachhilfelehrer ihres Sohnes. Er erregt Rosalies heftige Leidenschaft, und sie bemerkt bei sich selbst trotz einer gewissen Unpässlichkeit Zeichen der Verjüngung. „Es kam hinzu, dass, so sehr sie litt, ihre Erscheinung damals ein Neuerblühen, eine Verjüngung ins Auge fallen ließ . . . die Erhöhung ihrer Gesichtsfarbe, die sich aus gelegentlichem Erbleichen rasch wiederherstellte, die Beweglichkeit der Züge ihres voller gewordenen Gesichtes.“
Wegen ihrer bürgerlichen Moralvorstellungen plagt sie das schlechte Gewissen, das sie in Gesprächen mit der Tochter zu erleichtern versucht. Als sie glaubt, ihre zyklische Monatsblutung kehre zurück, deutet sie dieses als Zeichen „der Natur“ für ihre wiedererlangte Weiblichkeit. „Triumph . . . Triumph, es ist mir wiedergekehrt, mir wiedergekehrt nach so langer Unterbrechung, in voller Natürlichkeit und ganz wie es sich schickt für eine reife, lebendige Frau! . . . Was tut die große, gute Natur für ein Wunder an mir . . .“
Trotz einer aufkommenden bedenklichen körperlichen Schwäche unternimmt Rosalie einen sonntäglichen Ausflug in einen nahe gelegenen Schlosspark. Dabei gesteht sie Ken in einer leidenschaftlichen Umarmung ihre Liebe, und man vereinbart, die kommende Nacht gemeinsam zu verbringen.
Aber dieser nächtliche Liebesbesuch kommt nicht zustande. „Die Nacht, gegen Morgen, befiel sie schwere Unpässlichkeit . . . was sie als Wundertat der Natur und hohes Werk des Gefühls gepriesen, erneuerte sich auf unheilvolle Weise . . . ohnmächtig fanden die Herbeieilenden, Tochter und Magd, sie in ihrem Blut.“
Thomas Mann (links Hermann Hesse) beschreibt in seiner Novelle „ein Vorkommnis“, das ihn „sofort produktiv anzog“. Foto: Thomas-Mann-Archiv, Zürich
Thomas Mann (links Hermann Hesse) beschreibt in seiner Novelle „ein Vorkommnis“, das ihn „sofort produktiv anzog“. Foto: Thomas-Mann-Archiv, Zürich
Der gerufene und bislang verschmähte Dr. Oberlos-
kamp hält eine Einweisung in eine „gynäkologische Klinik“ für unbedingt erforderlich. „Die bimanuelle Untersuchung . . . ließ einen für das Alter der Patientin viel zu großen Uterus, beim Verfolgen des Eileiters unregelmäßig verdicktes Gewebe und statt eines schon sehr kleinen Ovariums einen unförmigen Geschwulstkörper erkennen. Die Curettage ergab Karzinomzellen, dem Charakter nach vom Eierstock herrührend zum Teil; doch ließen andere nicht zweifeln, dass im Uterus selbst Gebärmutterkrebszellen in voller Entwicklung begriffen waren. ,Nenne ich ausgedehnten Befund‘“, sagt Professor Muthesius zu seinem Assistenten Knipperges. Trotz des fortgeschrittenen Tumorgeschehens entschließt er sich zu einer Operation. „Die Totalexstirpation bis zum letzten Bindegewebe im kleinen Becken und zu allem lymphatischen Gewebe kann allenfalls Lebensverlängerung bringen.“
Doch der Tumor war in seinem Wachstum bereits zu sehr ausgebreitet. „Nicht nur, dass alle Beckenorgane bereits vom Verderben befallen waren: auch das Bauchfell zeigte . . . die mörderische Zellenansiedlung, alle Drüsen des lymphatischen Systems waren karzinomatös verdickt . . . ,Nun sehen Sie sich die Bescherung an, Knipperges‘, sagte Muthesius, ,. . . Das kann man nicht alles herausschneiden. Wenn Sie zu bemerken glauben, dass das Zeug auch in beide Harnleiter schon metastatisch hineingewachsen ist, so bemerken Sie recht. Die Urämie kann nicht lange säumen . . . Ich leugne gar nicht, dass die Gebärmutter das Fressgezücht selbst produziert. Und doch rate ich Ihnen, meine Vermutung zu übernehmen, dass die Geschichte vom Eierstock ausging, – von unbenützten granulösen Zellen nämlich, die seit der Geburt da manchmal ruhen und nach dem Einsetzen der Wechseljahre durch Gott weiß welchen Reizvorgang zu maligner Entwicklung kommen. Da ward denn der Organismus, post festum, wenn Sie so wollen, mit Estrogenhormonen überschüttet, überströmt, überschwemmt, was zur hormonalen Hyperplasie der Gebärmutter-Schleimhaut mit obligaten Blutungen führt.‘“
Rosalie von Tümmler muss-
te nicht lange leiden. „Das urämische Koma senkte sie bald in tiefe Bewusstlosigkeit . . . Rosalie starb einen milden Tod . . .“
Medizinischer Hintergrund
Thomas Mann beschreibt in seiner letzten Novelle unter fachkundiger Hilfe einen Ovarialtumor, der imstande ist, Östrogene zu produzieren und zur Endometriumshyperplasie beziehungsweise zum Endometriumskarzinom führt. Dabei bedient er sich eines vertrauten Arztes, nämlich des Dr. Frederick Rosenthal aus Kalifornien (5). Die Idee zu dieser Erzählung stammt von Katia Mann, die ein ähnliches Krankheitsbild in ihrem Bekanntenkreis erlebte (6). Thomas Mann hatte Dr. Rosenthal erstmals 1946 im Exil in Kalifornien wegen einer Lungenerkrankung konsultiert. Er war eigentlich der Hausarzt Heinrich Manns (1). Dr. Rosenthal hatte damals einen Lungenspezialisten hinzugezogen, der eine Bronchoskopie veranlasste, die zur Diagnose eines Bronchialkarzinoms führte. Thomas Mann überstand die anschließende schwere Operation in Chicago in erstaunlich guter Verfassung (2, 8) und war bis an sein Lebensende rezidivfrei.
Dr. Rosenthal erteilte Thomas Mann am 11. Mai 1952 in einem fünfseitigen Brief und einer siebenseitigen Expertise „Zur Physiologie und Pathologie der Eierstöcke im Zusammenhang mit Erscheinungen in den Wechseljahren“ die entsprechende medizinische Auskunft (5). Er schreibt: „Reden Sie nicht vom Gebärmutterkrebs! Als Grundursache des Ihnen vorschwebenden Leidens ist ein von den Eierstöcken ausgehendes Karzinom zu betrachten! Außerdem müssen Sie unbedingt wissen, was Hyperestrogenismus ist! Wollen Sie genaueres erfahren? Bedenken Sie, im Jahre 1934 haben E. Nowak und J. N. Brawner im American Journal of Obstetrics and Gynecology (28:637) in einem Studium von 36 Fällen die Bösartigkeit und Symptomatologie nachgewiesen von dieser eigenartigen Erkrankung, die im Anfang nur Symptome des Hyperestrogenismus mit dem überraschend erfreulichen Wiederaufblühen der Patientin zeigt, aber nicht lange diese grausige Täuschung aufrecht erhält und sehr bald die tragischen Illusionen zerstört und den Körper vernichtet.“
Am 16. Mai 1952 unterbricht Thomas Mann seine Arbeit am „Felix Krull“ und beginnt mit der Erzählung „Die Betrogene“. „Ich bin zurzeit oft recht müde, aber arbeite stetig, nicht gerade an dem Krull-Manuskript im Augenblick, sondern an einer Novelle, die, denke ich, das weitläufige Werk ganz wohltuend unterbrechen wird. Ich möchte einmal wieder mit etwas fertig werden.“ (An Ida Herz, unveröffentlichter Brief; 2).
Thomas Mann hielt sich an Rosenthals Exposé ziemlich genau, angefangen von der bimanuellen Untersuchung, über die Curettage bis hin zur Eröffnung der Leibeshöhle mit deren Fressgezücht. Auch die „hormonale Hyperplasie der Gebärmutterschleimhaut mit nachfolgenden Blutungen“ hat er direkt übernommen (5).
Die Diagnose
Bei dem bei Rosalie von Tümmler diagnostizierten Tumor handelt es sich um einen Östrogen-produzierenden adulten Granulosazelltumor des Ovars. Granulosazelltumore gehören zu den so genannten Keimstrangtumoren. Diese entstehen typischerweise perimenopausal mit einem Altersgipfel zwischen 50 und 53 Jahren. Endokrine Manifestationen werden bei mehr als 75 Prozent der Patientinnen beobachtet. Die meisten Granulosazelltumoren produzieren Östrogene und können abnormale uterine Blutungen verursachen. Gelegentlich werden auch Progesteron oder Androgene sezerniert. Östrogene bedingen eine bessere Durchblutung der Haut durch Erweiterung und Vermehrung von Kapillaren; durch Wassereinlagerung und Zunahme des Kollagengehalts wird die Haut dicker (7). Außerdem kommt es zu einem Spannungsgefühl und Anschwellen der Brüste. Granulosazelltumoren führen in mehr als 50 Prozent zu einer Hyperplasie des Endometriums und gehen in bis zu 13 Prozent mit einem Adenokarzinom des Endometriums einher (3). Die intraabdominelle Ausbreitung kann dem epithelialen Ovarialkarzinom ähnlich sein mit Befall des Peritoneums im Sinne einer Peritonealkarzinose und/oder der retroperitonealen Lymphknoten. Eine schlechte Prognose geht mit einer extraovariellen Absiedlung und einem Alter über 40 Jahre sowie einer hohen Mitoserate einher (4).
Schlussbemerkung
Am 18. März 1953 beendet Thomas Mann die Erzählung, und „Die Betrogene“ erscheint als Buch im September 1953 bei S. Fischer, Frankfurt am Main. Dazu bemerkt er: „Ich habe mir den Stoff nicht ausgedacht; er kam zu mir als Anekdote aus dem Leben, als Vorkommnis, von dem ich hörte und das mich packte durch die grausame Natur-Dämonie, die sich darin ausdrückt, und, da es mich betroffen machte, mich sofort produktiv anzog“(2). Am 27. August 1954 besucht er anläss-
lich einer Ausstellung des Düsseldorfer Kunstvereins Schloss und Park Benrath, den Schauplatz seiner Erzählung. Thomas Mann stirbt am 12. August 1955 an den Folgen einer Arteriosklerose.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. med. J. Dietl
Direktor der Universitäts-Frauenklinik
Josef-Schneider-Straße 4
97080 Würzburg
E-Mail: j.dietl@mail.uni-wuerzburg.de
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