ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Übelkeit und Erbrechen: Setrone bei Antiemese Mittel der Wahl

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Übelkeit und Erbrechen: Setrone bei Antiemese Mittel der Wahl

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): A-957 / B-778 / C-712

Kreutzberg, Karin

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LNSLNS Übelkeit und Erbrechen gehörten bis Anfang der 90er- Jahre zu den am meisten
gefürchteten Nebenwirkungen einer Zytostatika- oder Strahlentherapie und veranlassten die Patienten häufig, die Behandlung abzubrechen oder zu verweigern. Dies änderte sich durch die Einführung von
5-HT3-Antagonisten (Setrone). Durch diese stark antiemetisch wirkenden Substanzen ist es heute möglich, eine Hochdosis-Chemotherapie oder Ganzkörperbestrahlung durchzuführen und hochemetogene Substanzen sogar ambulant zu verabreichen.
Goldstandard bei Übelkeit
Setrone würden heute als Goldstandard bei der Behandlung von Therapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen gelten, erklärte Prof. Hans-Joachim Schmoll (Halle) bei einem Presseseminar der Firma GlaxoSmithKline in München. Nach einer Patientenumfrage steht zwar Übelkeit immer noch ganz oben auf der Liste der befürchteten Nebenwirkungen bei einer Zytostatika- oder Strahlentherapie, Erbrechen aber ist in der „Post-Setronzeit“ auf Platz fünf im Ranking der Patienten gefallen.
Zurzeit sind vier Vertreter verfügbar: Ondansetron, Granisetron, Topisetron und Dolasetron. Ondansetron (Zofran®) wird am häufigsten verschrieben. Mit diesem Setron, das vor zehn Jahren als erster Vertreter der Wirkgruppe auf den Markt kam, wurden in klinischen Studien 30 000 Patienten behandelt. Bei Chemo- und Strahlentherapie sowie nach Operationen könne durch eine Prophylaxe beziehungsweise Therapie mit diesem Setron Emesis und Nausea weitgehend unterdrückt werden, sagte Schmoll. So wird bei einer Behandlung mit Cisplatin in bis zu 73 Prozent der Fälle, bei weniger emetogenen Substanzen bei 85 Prozent und unter einer Strahlentherapie sogar bei 97 Prozent der Patienten das Erbrechen vollständig verhindert. Der Behandlungserfolg lässt sich durch die zusätzliche Gabe von Steroiden noch erhöhen.
Ein weiteres Einsatzgebiet, auf dem Setrone die Angst der Patienten vor den emetogenen Nebenwirkungen einer Anästhesie weitgehend bannen konnten, ist die postoperative Emesis und Nausea (PONV), an der 20 bis 30 Prozent der Patienten in den ersten 24 Stunden nach Inhalationsanästhetika leiden. Bei Risikokonstellation kann dieser Prozentsatz sogar auf 80 Prozent steigen. Da die unselektive Gabe von prophylaktischen Antiemetika weder aus medizinischen noch finanziellen Gründen Sinn macht, hat Dr. Christian Apfel (Würzburg) ein einfaches, risikoadaptiertes Schema entworfen, in dem vier Faktoren die individuelle PONV-Gefahr berechnen lassen:
c weibliches Geschlecht
c Vorerfahrung mit PONV oder Reiseübelkeit
c Nichtrauchen und
c postoperativer Einsatz von Opioiden.
Liegen zwei oder drei dieser Faktoren vor, handelt es sich um einen Risikopatienten, bei dem eine Prophylaxe angebracht ist. Durch die vorbeugende Gabe von Setronen am Ende der Operation hat nahezu die Hälfte der Patienten postoperativ keine Beschwerden. Wenn aber Übelkeit oder Erbrechen nach Narkose auftreten, sollte unverzüglich antiemetisch behandelt werden, weil mehr als die Hälfte der Patienten wiederholt erbrechen.
Noch nicht zugelassen sind Setrone bei Opioid-induziertem Erbrechen und Übelkeit, wenn auch die Erfahrung für ihren Einsatz bei dieser Indikation spricht. Zwischen zehn und 50 Prozent der Patienten, die wegen starker Schmerzen Opioide erhalten, entwickelten initial eine akute Emesis, die von den Betroffenen als unangenehmste Nebenwirkung dieser starken Schmerzmittel bezeichnet werde und der häufigste Grund für eine Therapieverweigerung darstelle, berichtete Dr. Franz Bernhard Ensink (Göttingen).
In einer Studie an 4 511 Patienten, in der 30 Prozent innerhalb von sechs Stunden postoperativ nach Opioidgabe erbrechen mussten, konnte Ondansetron die Symptome besser lindern als Metoclopramid. In einer anderen Erhebung an 2 574 Patienten, die wegen starker Nacken- und Rückenschmerzen Opioide erhielten, wurde durch 8 mg oder 16 mg Ondansetron bei 62 Prozent beziehungsweise 69 Prozent der Patienten das Erbrechen ganz verhindert.
Auch in der Kinderonkologie haben sich durch Setrone die Therapiemöglichkeiten erhöht. In Deutschland erkranken jährlich 1 800 Kinder unter 15 Jahren neu an Krebs, am häufigsten an einer Leukämie. Ihre Behandlung mit einer Kombinationschemotherapie bezeichnete Prof. Heribert Jürgens (Münster) dank der 5-HT3-Antagonisten als einen Erfolgsbeweis. 75 Prozent der jungen Patienten können zurzeit geheilt werden. Eine Antiemese mit Setronen gehört heute zum Standard bei der pädiatrisch-onkologischen Behandlung, wobei nach einer Klinikumfrage in 96 Prozent der Fälle Ondansetron eingesetzt wird. Die Substanz erweist sich nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern als gut verträglich. Wegen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Obstipation muss sie in weniger als ein Prozent der Fälle abgesetzt werden.
Ein noch ungelöstes Problem ist die verzögerte Emesis, das heißt Erbrechen nach Zytostatikatherapie mit einer Latenz von zwei bis fünf Tagen. Durch optimale antiemetische Prophylaxe wird die Gefahr zwar abgeschwächt, aber nicht gebannt. Vor allem unter den hochemetogenen Substanzen Cisplatin, Carboplatin, Cyclophosphamid und Mitomycin ist eine verzögerte Emesis zu befürchten. Nach neueren Erkenntnissen wird diese Form des Erbrechens über die Substanz P gesteuert, die an Neurokininrezeptoren bindet. Hoffnung wird daher auf die neu entwickelten NK1-Antagonisten gesetzt, die sich zurzeit in klinischen Phase-III-Studien befinden. Dr. med. Karin Kreutzberg
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