ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Aktienmarkt: Alles Lug und Trug?

VARIA: Wirtschaft

Aktienmarkt: Alles Lug und Trug?

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): A-961 / B-812 / C-768

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Sowohl Banken als auch die Chefs der Börsen-AGs vertreten nicht die Interessen der Kleinaktionäre, glauben immer mehr von Kursverlusten genervte Anleger. Börsebius untersucht Licht und Schatten einer Glitzerwelt, der Hunderttausende verfallen.

Der Mann lächelt seit Jahren in die Fernsehkameras der Welt. Verspricht das Blaue vom Himmel. Ließ sich von TV-Stars wie Tatortkommissar Manfred Krug (dem die Leute eh alles glauben) helfen, Aktien für teures Geld unter die Leute zu bringen. Alles ungestraft, bisher wenigstens. Daueroptimist Ron Sommer, Chef der Deutschen Telekom AG, hat seit dem Börsengang des ehemaligen Staatsmonopolisten unzähligen Anlegern schlaflose Nächte, angefressene Nerven und wohl auch etliche Wutanfälle beschert.
Kursfiasko
Die T-Aktie entwickelt sich zu einem T-Saster sondergleichen. Auf über 100 Euro in der Spitze hochgejubelt, legte der Telekomwert einen beispiellosen Niedergang bis derzeit rund 17 Euro hin. Eine sagenhafte Geldvernichtung für einen deutschen Blue Chip, vor allem vor dem Hintergrund der glühenden Bekenntnisse des Vormannes Sommer, welch tolles Unternehmen der Aktionär da gekauft habe. Jeder Fernsehauftritt des „Münchhausen zu Sommer“ müsse ihm „eigentlich um die Ohren gehauen werden“, bekannte mir gestern erst ein entsetzter Anrufer. Ob das ein probates Mittel wäre, den Konzernchef vorsichtiger auftreten zu lassen, vermag ich nicht zu beurteilen, verstehen kann ich den leidgeprüften Kleinsparer schon.
Seit Monaten redet Sommer von Dividendenkontinuität und Abbau des horrenden Schuldenberges. Leere Versprechen. Die tiefrote Bilanz des vergangenen Jahres zwang die Deutsche Telekom endgültig zu einer Dividendenkürzung um 40 Prozent. Der geplatzte Verkauf des Kabelnetzes an Liberty Media lässt die Verbindlichkeiten auf einem horrend hohen Niveau.
Soll bloß keiner sagen, das wäre alles überraschend gekommen. Das Kartellamt signalisierte monatelang, dass es dem Deal nicht zustimmen werde. Die Deutsche Telekom hätte sich längst nach einem potenten Käufer umsehen können. Der lange – und vollmundig – angekündigte Börsengang von T-Mobile steht auch noch in den Sternen. Dieses peinliche Missmanagement ist ein Offenbarungseid erster Güte.
Schurkenstück Babcock
Ein Einzelfall? Keineswegs. Es wimmelt in der Community deutscher Börsengesellschaften von Vorständen, denen das Wohl und Wehe ihrer Aktionäre anscheinend ziemlich gleichgültig ist. Als jüngstes Beispiel mag die Deutsche Babcock AG herhalten. Dort hat Vorstandschef Klaus G. Lederer als treibende Kraft die Mehrheitsbeteiligung HDW an die US-Gesellschaft One Equity Partners verkauft. Pikant: Der neue Chef bei HDW soll Lederer (!) heißen. Der „Trickkünstler“ hat also quasi mit sich selbst verhandelt. Die Aktionäre quittierten diesen Deal – verständlich – mit einem dramatischen Kurssturz.
Die Rolle der Depotbanken speziell beim letzten Aktionärstreffen am 19. März dieses Jahres kann auch nicht kritikfrei bleiben. Meines Erachtens wären sie im Sinne der Anteilseigener verpflichtet gewesen, angesichts der aktuellen Ereignisse die Entlastung des Vorstands zu verweigern.
Es kann an dieser Stelle nicht darum gehen, das Topmanagement deutscher börsennotierter Aktiengesellschaften in Bausch und Bogen zu verdammen. Es käme nur ein ungerechtes Urteil heraus. Es gibt viele verantwortungsbewusste Leute, denen das Interesse der Aktionäre sehr wohl am Herzen liegt. Das gilt auch für viele Banken. Aber es gibt eben auch bei Geldinstituten manche Berater, denen das schnelle Drehen eines Depots näher liegt als ein kontinuierlicher Vermögensaufbau. Zudem gibt es im großen weiten Feld von Börsenzeitschriften wie auch TV-Magazinen jede Menge Gurus, die mit Charisma und Chuzpe Anleger in Werte reinjagen, aus denen sie bestenfalls arg zerrupft wieder rauskommen.
Übrigens halte ich viele Finanzinnovationen für ziemlich gut geeignet, Kleinsparern den Kopf zu verdrehen und den Blick zu vernebeln, weil sie die Produkte entweder nicht verstehen oder von den Werbeaussagen so entzückt sind, dass sie bedenkenlos zugreifen. Dazu zähle ich auch Aktienanleihen und Turbo-Zertifikate.
Anlegerfalle: Der eigene „Größenwahn“
Warum funktioniert das eigentlich alles so gut? Warum fallen selbst aufgeklärte und sonst besonnene Investoren immer wieder auf heiße Tipps herein, warum werden den Banken so genannte neue Finanzinstrumente aus den Händen gerissen, warum vertrauen wir (oder Bundesfinanzminister Hans Eichel) Eloquenzen wie Ron Sommer weiterhin, wider besseres Wissen, wider die immer aufs Neue gemachten schlechten Erfahrungen?
Es kann meiner Meinung nach nur damit zusammenhängen, dass der Anleger selbst auch nicht ganz unschuldig daran ist, dass Lug und Trug in der Aktienwelt funktionieren. Wer kennt nicht die aufkeimende Gier, eine Aktie nicht verkaufen zu können, wenn sie 50 Prozent Gewinn gemacht hat, sie soll gefälligst 100 Prozent steigen. Wie anders ist es zu verstehen, wenn eine fallende Aktie nicht am Anfang der Abwärtsbewegung verkauft wird, sondern erst wenn sie sich halbiert hat.
Der eigene „Größenwahn“ verbietet einem oft genug zuzugeben, einen Fehler gemacht zu haben. Auf dieser Schiene gedeihen auch heimlicher Respekt vor Unternehmenslenkern und Bankexperten. Die müssen es doch einfach drauf haben, aus viel Geld noch mehr Geld zu machen – und erst recht aus wenig Geld viel. So schließt sich ein Teufelskreis. Über diese Zusammenhänge nachzudenken vermag der erste wichtige Schritt zu sein, dem Honig auf der Leimrute früh genug zu misstrauen. Reinhold Rombach
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