ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Pharmaindustrie: Am Scheideweg

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Pharmaindustrie: Am Scheideweg

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): A-962 / B-822 / C-744

Löwe, Armin

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LNSLNS Die Aktien der großen Pharmakonzerne haben den Anlegern in den letzten 20 Jahren viel Freude bereitet. Ob dieser Trend anhält, darüber sind sich die Analysten uneins.

Nicht die zwischenzeitlich so hochgelobten Technologie- und Telekomaktien, sondern die Pharmatitel erwiesen sich in den letzten Jahren als stabile Wachstumsaktien – und dies trotz der weltweit ergriffenen Maßnahmen zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen. Seit 20 Jahren wachsen die Umsätze und Gewinne der großen Pharmafirmen mit zweistelligen Raten. Zeitweise arbeiteten viele große Pharmafirmen mit Gewinnmargen von 20 und mehr Prozent.
Weiter steigende Nachfrage
Die langfristigen Wachstumsperspektiven scheinen auch weiterhin günstig für die Branche: Die Menschen werden immer älter, immer mehr Krankheiten werden medizinisch behandelbar, und die heutigen Schwellenländer haben in der medizinischen Versorgung einen großen Nachholbedarf.
Skeptiker warnen allerdings, dass bei diesen optimistischen Zukunftsprognosen die Kosten zu wenig beachtet würden. Es bestehe zwar Bedarf, aber ob die Nachfrage ausreiche, sei wegen des fehlenden Geldes zweifelhaft. Zudem stünden die Pharmaunternehmen vor erheblichen Belastungen. Unter anderem gibt es Befürchtungen, im Rahmen der Branchenrotation könnten sich die Anleger von den (aufgrund ihres stabilen Wachstums) defensiven Titeln abwenden und in Erwartung eines konjunkturellen Aufschwungs die zyklischen Titel bevorzugen. Zwar haben die Pharmafirmen für das Jahr 2001 anders als die Technologieunternehmen steigende Gewinne ausweisen können (Tabelle), aber die goldenen Zeiten sind nach Meinung vieler Analysten vorbei.
Die Teilnehmer der zum achten Mal veranstalteten Pharmakonferenz des britischen Wirtschaftsmagazins „Economist“ begründen ihre Skepsis unter anderen mit den vielen auslaufenden Patenten in der Branche. In den Jahren 2000 bis 2005 verlieren Medikamente mit einem Jahresumsatz von mehr als 40 Milliarden Dollar ihren Patentschutz. Wie schmerzhaft dies für die Umsatzentwicklung eines Unternehmens sein kann, musste zum Beispiel im vergangenen Jahr Eli Lilly erleben, als der Patentschutz für das Antidepressivum Prozac – einen wahren Verkaufsschlager – endete. Hinzu kommt: Wegen der Bestrebungen, die Kosten im Gesundheitswesen nicht im bisherigen Umfang steigen zu lassen, halten zum Beispiel die US-Krankenversicherer die Ärzte an, zunehmend Nachahmerprodukte (Generika) zu verschreiben. Daher wird es für die großen Pharmafirmen immer schwerer, ihre Marktposition zu halten, wenn wichtige Patente auslaufen. In den USA, dem größten Pharmamarkt der Welt, ist der Anteil der Generika von 19 Prozent im Jahr 1984 auf 47 Prozent im Jahr 1999 gestiegen.
Selbst mit gigantischen Forschungsetats gelingt es den Pharmaunternehmen nicht, Ersatz für ihre Blockbuster-Medikamente (ab eine Milliarde Dollar Umsatz jährlich) zu finden. Die großen Firmen haben weniger Mittel mit Blockbuster-Potenzial in der Produkt-Pipeline als je zuvor.
Vor diesem Hintergrund vertreten Analysten die Meinung, dass die Strategie der großen Pharmaunternehmen, auf einige wenige Verkaufsschlager mit mehreren Milliarden Dollar Umsatz zu setzen, verfehlt sei. Noch aber sind die Analysten selbst fokussiert auf die Analyse der Unternehmen mit großen Produkt-Pipelines wie Pfizer und Eli Lilli. Für die großen Unternehmen ist es auch kaum eine Alternative, statt auf die Blockbuster auf viele mittlere Arzneien zu setzen, die stärker auf das Patientenprofil zugeschnitten sind. Denn hier sind längere Zulassungsfristen zu erwarten, und die Forschungsanstrengungen müssen auf viel mehr Produkte verteilt werden. Die Risiken werden zwar gestreut, aber auch die Chancen.
Joint Ventures wegen schlecht bestückter Pipelines
Immer größere Bedeutung erlangen in dieser Situation auch die Partnerschaften und Joint Ventures, die die großen Pharmaunternehmen mit Biotechfirmen eingegangen sind. Aber auch hier liegen Risiken, wie Bristol-Myers Squibb erfahren musste, als die US Food and Drug Administration das Krebsmittel von ImClone zurückwies. Zwei Milliarden Dollar hatte das US-Pharmaunternehmen in ImClone investiert. Doch wegen der schlecht bestückten Pipelines bleibt oft nur die verstärkte Zusammenarbeit mit Biotechfirmen.
Auch die Pharma- und Health-Fonds konzentrieren sich mittlerweile stärker auf die Titel der zweiten Reihe. Beim Medical BioHealth-Trends ist dies das Grundprinzip der Anlagestrategie. Er investiert in das ganze Spektrum des Gesundheitwesens (Emerging Pharma, Biotechnologie, Pharma, Medizintechnik, Genomik, Drug-Delivery und E-Health). Das schwierige Börsenjahr 2001 meisterte der Fonds mit einem Wertzuwachs von 36,6 Prozent. Armin Löwe
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