ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002„Riester-Rente“: Abwarten statt abschließen

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„Riester-Rente“: Abwarten statt abschließen

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): A-964 / B-813 / C-769

Jobst, Peter

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Die Broschüre „Private Altervorsorge“ kann kostenfrei bestellt werden. Bundesverband deutscher Banken, Fax: 0 30/16 63-12 99, Internet: www.bankenverband. de/rente
Die Broschüre „Private Altervorsorge“ kann kostenfrei bestellt werden. Bundesverband deutscher Banken, Fax: 0 30/16 63-12 99, Internet: www.bankenverband. de/rente
Hohe Kosten, geringe Flexibilität, nachgelagerte Besteuerung: Die Nachteile der „riester-geförderten“ Produkte werden in der Werbung verschwiegen.

Die Sicherheit der gesetzlichen Altersversorgung ist gefährdet. Die Fortschritte im Gesundheitswesen, aber auch strukturelle Veränderungen in der Bevölkerung haben dazu geführt, dass immer mehr Rentner durch immer weniger Berufstätige „finanziert“ werden müssen. Die nahe liegende Lösung – eine Beitragserhöhung – ist jedoch wegen ohnehin hoher Lohnnebenkosten wirtschaftspolitisch nicht durchsetzbar, sodass nur die zweite Möglichkeit übrig bleibt: Leistungen kürzen.
Nach den Plänen der Bundesregierung wird das durchschnittliche gesetzliche Rentenniveau in den kommenden Jahren durch verschiedene Maßnahmen von derzeit 70 auf 67 Prozent des lebenslangen Durchschnitts-Nettoeinkommens gesenkt. Weitere Einschnitte erscheinen möglich – und werden wahrscheinlich auch notwendig. Im Gegenzug hat der Gesetzgeber erstmals die Möglichkeit der eigenen, staatlich geförderten Altersvorsorge geschaffen.
Anleger, die ab dem kommenden Jahr mindestens ein Prozent, ab 2004 mindestens zwei Prozent, ab 2006 mindestens drei Prozent und ab 2008 mindestens vier Prozent ihres Einkommens in einen speziellen, von der neu geschaffenen Zertifizierungsstelle des Bundesaufsichtsamtes für das Versicherungswesen, Bonn, zugelassenen Sparvertrag einzahlen, erhalten eine staatliche Zulage beziehungsweise können die Ausgaben als Sonderausgaben steuerlich geltend machen – je nachdem, welche Förderung höher ausfällt.
Die neue Privatrente steht jedem offen, der in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert ist, also unter anderem Angestellten, versicherungspflichtigen Selbstständigen, Wehr- oder Zivildienstleistenden und sogar geringfügig Beschäftigten, sofern für sie Beiträge an die gesetzliche Rentenversicherung abgeführt werden. Von der Förderung ausgenommen sind Beamte, Angestellte des öffentlichen Dienstes mit Zusatzversorgung, alle freiwilligen Mitglieder der gesetzlichen Rentenversicherung und – was besonders gravierend erscheint, in der Werbung aber oftmals verschwiegen wird – die meisten Selbstständigen.
Die Anlage kann unter anderem in Versicherungsverträgen, aber auch in Bank- und Fondssparplänen erfolgen, die nach relativ strengen Vorgaben konzipiert und als förderungsfähige Anlageform anerkannt sein müssen. So darf die Rente im Regelfall nicht vor dem 60. Lebensjahr ausgezahlt werden, es muss sich um eine lebenslang garantierte Rente in gleich bleibender oder steigender Höhe handeln, der Kunde muss ständig über die Wertentwicklung der Anlage informiert werden, und die Kosten müssen gleichmäßig verteilt werden. Zudem muss der Anbieter eine Garantie darüber abgeben, dass dem Anleger zu Beginn der Auszahlungsphase zumindest das eingezahlte Kapital zur Verfügung steht – was wegen der langen Laufzeiten dieser Verträge schon ein Signal dafür ist, dass in erster Linie die Anbieter an der neuen Privatrente verdienen. Auch muss der Vertrag Wechselmöglichkeiten zu anderen Produkten und/oder Anbietern erlauben.
Marketingkampagne
Wenige Wochen nach Bekanntgabe der neuen Vorsorgemöglichkeiten hat die Finanzbranche ihre bisher größte Marketingkampagne gestartet. Insbesondere Versicherungsgesellschaften warben für ihre „Riester-Produkte“ – zum Leidwesen der Verbraucherschützer, die vor einem übereilten Abschluss warnen und manche vollmundigen Versprechungen mit einstweiligen Anordnungen stoppten. Durchaus zu Recht, denn mittlerweile zeichnen sich die Nachteile der „Riester-Policen“ immer deutlicher ab.
So sehen die jetzt angebotenen Verträge oftmals eine extrem hohe Kostenbelastung vor, die allein den Anbietern zugute kommt: Bis zu zwölf Prozent der Beiträge plus bis zu acht Prozent der staatlichen Zulagen berechnen manche Versicherungsanbieter für „riesterfähige“ Anlageformen, sodass die Rendite erheblich unter den Erträgen einer klassischen privaten Rentenversicherung liegt. Etwas günstiger können Kapitalanlagegesellschaften Anlagen auf Investmentfondsbasis anbieten. Ihnen macht jedoch die Forderung des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung zu schaffen, ihren Kunden zumindest die Erhaltung ihres Kapitals zu garantieren. Denn hierfür sind Sicherungseinrichtungen erforderlich, die in erheblichem Umfang an der Rendite zehren.
Obligatorische Verrentung
Hinzu kommt das Problem der relativ geringen Liquidität. Während zum Beispiel der Versicherte bei einer herkömmlichen privaten Rentenversicherung zum Ende der Ansparphase die Möglichkeit hat, wahlweise die Rente zu beziehen oder aber sich das Kapital auszahlen zu lassen, um es in eigener Regie anzulegen, ist bei den geförderten Anlageformen die Verrentung obligatorisch. Der Versicherte hat also keine Möglichkeit, zum Beispiel im Fall einer zu geringen Rendite seine Geldanlage selbst zu steuern. Vielmehr bleibt er „seiner“ Gesellschaft weitgehend ausgeliefert. Möglich bleibt nur der auch bereits in der Ansparphase vorgesehene Wechsel zu einem anderen Anbieter, wobei sich die Frage nach den damit verbundenen Kosten stellt.
Um vorzeitige Verfügungen für den Anleger möglichst unattraktiv zu machen, sieht das Rentenrecht vor, dass im Fall einer Kündigung die gesamte Förderung zurückgezahlt werden muss. Zudem erhält der Anleger auch hier nur den vergleichsweise niedrigen Rückkaufswert. Ein Ausstieg ist also mit erheblichen finanziellen Nachteilen behaftet. Stirbt ein Versicherter vor Rentenbeginn, werden nur die gezahlten Beiträge zuzüglich der erzielten Erträge an die Hinterbliebenen ausgezahlt. Die staatliche Förderung bleibt nur erhalten, wenn der Kapitalbetrag auf einen Altersvorsorgevertrag des überlebenden Ehepartners übertragen wird.
Ein weiterer, gravierender Nachteil der neuen Privatrente ist die nachgelagerte Besteuerung. Bisher unterliegen Leistungen aus einer privaten Rentenversicherung nur mit dem „Ertragsanteil“ der Einkommensteuer. Dieser richtet sich nach der Lebenserwartung des Versicherten bei Beginn der Rentenzahlung. Beginnt die Rente beispielsweise mit Vollendung des 60. Lebensjahres, beträgt der steuerpflichtige Ertragsanteil 32 Prozent der gezahlten Rente. Läuft die Rente ab dem 65. Lebensjahr, liegt der Ertragsanteil bei 27 Prozent, bei einem Beginn zum 70. Lebensjahr bei 21 Prozent. Leibrenten der neuen Generation sind jedoch in jedem Fall in voller Höhe steuerpflichtig. Legt man eine monatliche Rentenzahlung von zum Beispiel 1 000 Euro zugrunde, die mit dem 65. Lebensjahr beginnt, müssen bei einem herkömmlichen Vertrag lediglich 270 Euro bei der Einkommensteuererklärung deklariert werden, bei einem „Riester-Vertrag“ hingegen 1 000 Euro.
Ob der Gesetzgeber – wie von manchen Versicherungsvermittlern bereits prognostiziert – diese Diskrepanz zum Anlass nehmen wird, auch Leistungen aus der privaten Rentenversicherung künftig in voller Höhe zu besteuern, bleibt abzuwarten. Der Widerstand gegen eine solche Maßnahme aus Kreisen der Versicherungslobby ist groß, zudem erscheinen Umstellungen bei bereits bestehenden Policen unwahrscheinlich.
Nachteile zehren an Rendite
Vor diesem Hintergrund raten immer mehr Finanzexperten weiterhin zum Abwarten. Auch nach den Vorschriften des Gesetzgebers besteht kein Grund zur Eile. Die Förderung wird selbst dann gezahlt, wenn der Vertrag erst Ende 2002 abgeschlossen und angespart wird. Da die Förderung in den ersten Jahren ohnehin eher gering ist, kann der Abschluss auch auf eines der Folgejahre verschoben werden. Bis dahin sollte jedoch die Auswahl der angebotenen Anlagemöglichkeiten so groß sein, dass Verbraucher bequem vergleichen und die für sie günstigste Anlagemöglichkeit wählen können.
Derartige Vergleiche sollten nicht nur innerhalb der jeweiligen Produktkategorie vorgenommen werden. Vielmehr sollte die neue Privatrente auch anderen Geldanlagen gegenübergestellt werden. In vielen Fällen kann es sinnvoll sein, völlig auf die staatliche Förderung zu verzichten. Denn die Nachteile der geförderten Anlagemöglichkeiten – angefangen von den hohen Kosten über die geringe Flexibilität bis hin zur nachgelagerten Besteuerung – zehren derart an der Rendite, dass hierdurch zumindest ein beträchtlicher Teil der gezahlten Zulage beziehungsweise des Sonderausgabeneffektes verloren geht. Vorteilhafter ist dann oftmals der Abschluss eines Vertrages nach herkömmlichem Muster – soweit überhaupt noch ein Versorgungsbedarf besteht.
Hingegen ist die neue Privatrente immer dann attraktiv, wenn das Einkommen niedrig ist und/oder mehrere Kinder die vergleichsweise hohe Kinderzulage sichern. Gleiches gilt, wenn zum Beispiel der Ehemann aufgrund seiner beruflichen Stellung nicht „Riester-Renten-berechtigt“ ist, wohl aber die Ehefrau, die sich ein kleines Einkommen hinzuverdient und so bereits mit niedrigen Prämien gut gefördert wird. Aber auch hier sollten stets die verschiedenen Anlagemöglichkeiten und ihre Vor- und Nachteile einander gegenübergestellt werden. Peter Jobst
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