ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2002Börsebius zu Finanzinnovationen: Mit dem Turbo aus der Kurve

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius zu Finanzinnovationen: Mit dem Turbo aus der Kurve

Dtsch Arztebl 2002; 99(14): [60]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Nachdem es in letzter Zeit um Aktienanleihen etwas ruhiger geworden ist, sinnen die Banken auf noch innovativere Produkte, die dem Kunden eine viel versprechende Börsenwelt vorgaukeln sollen. Insbesondere das ärmliche zurzeit herrschende Zinsniveau am Kapitalmarkt verlockt viele Sparer, sich nach alternativen Investment-Formen umzuschauen – wer will sich schließlich mit mickrigen drei Prozent Festgeld zufrieden geben?
Die Geldinstitute nutzen diesen offenbar unausrottbaren Mehr-Ertragstrieb geschickt aus, wobei das Thema „Risiko“ oft genug mit schillernden Produktnamen (Global Formel I, Neue Märkte Welt) oder Beischmückungen (dynamisch, wachstumsorientiert) zugekleistert wird.
Als dernier cri müssen jetzt Turbo-Zertifikate herhalten, den Anleger in Gewinn-Stimmung zu versetzen. Der Clou soll sein, dass alles viel einfacher ist als mit Termingeschäften, Calls und Puts. Gleichwohl kann der Käufer der Zertifikate ebenso auf fallende oder steigende Kurse wetten, ohne den vermeintlich lästigen Papierkrieg bei Optionen.
Die niederländische Bank ABN Amro wirbt sehr offensiv („Vergessen Sie Optionsscheine“) für ihre Turbo-Zertifikate. Ähnliche Produkte gibt es auch von der BNP Paribas (Listed Stock Future), der Commerzbank (Turbo Bull Zertifikat) und auch der Deutschen Bank (Warrant Alternative Vehicles).
Akzeptiert wird diese Anlageform von den Renditejägern durchaus. Die Stuttgarter Optionsbörse Euwax weiß von enormen Umsätzen in solchen Papieren. Erstaunlich genug, wissen die Leute denn nicht, dass sie mit dem Papier in der Regel auch einen Aktienkredit aufnehmen? Wenn sie es wirklich wissen sollten, unterschätzen sie die verheerende Wirkung der so genannten Hebelwirkung, wenn die Kurse in die falsche Richtung laufen. Im Prinzip sind Turbo-Zertifikate nichts anderes als Futures, für Privatleute extrafein verpackt. Wo viel Risiko ist, da kann durchaus auch viel Rendite sein. Oder eben nicht. Wer Ihnen zur Zeit sechs bis sieben Prozent Zinsen verspricht, muss schon ein exzellenter Könner sein. Liegen die Renditevorgaben über acht Prozent, kann es sich meines Erachtens nur um einen Scharlatan oder einen Anbieter mit einem wenig ausgeprägten Gewissen handeln.
Rendite und Risiko korrelieren immer in höchstem Maße miteinander. Es kann nur ein Gebot der Fairness sein, auf diese Binsenweisheit transparent genug hinzuweisen. Dann ist die Gefahr, mit Turboprodukten aus der Kurve fliegen zu können, deutlich genug gemacht worden. Wer im Graben liegt, weiß dann aber auch, dass er es nicht anders verdient hat.
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