ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2002Ausstellungen zur Anatomie: „Hier dient der Tod dem Leben“

THEMEN DER ZEIT

Ausstellungen zur Anatomie: „Hier dient der Tod dem Leben“

Dtsch Arztebl 2002; 99(15): A-1001 / B-831 / C-777

Tag, Brigitte

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Die geltenden Straftatbestände sind wenig relevant für die unbefugte
Verwendung der Leiche für anatomische Präparate. Aufgrund ethischer
Erwägungen muss diese jedoch strikt zustimmungsabhängig sein.

Der Tod setzt die Zäsur zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Aufbau und Zerfall. Mit dieser Grenzlinie konfrontiert, verwundert es kaum, dass das Sterben, der Tod und die Leiche in unserer erfolgs- und diesseitsbetonten Kultur häufig in Krankenhäuser, Leichenschauhäuser sowie auf Friedhöfe verdrängt sind. Zugleich suchen Hunderttausende die Begegnung mit dem Tod, indem sie von Wien, Basel bis Berlin anatomische Ausstellungen durchwandern. Das Ergebnis sind Unsicherheiten – nicht nur beim Umgang mit Sterbenden, sondern auch beim Umgang mit der Leiche.
Der tote Körper war – zumindest bis vor wenigen Jahren – primär für die Pathologie, Anatomie (1) und in begrenztem Umfang für die bildende Kunst von fachlichem Interesse. Außerhalb dieses eng umgrenzten Bereichs konzentrierte sich der Umgang mit der Leiche auf Trauerarbeit und Pietät sowie auf Vorkehrungen zum Schutz der Hinterbliebenen vor gesundheitlichen Gefahren infolge Verwesung. Erst der medizinische Fortschritt rückte die Leiche in den Mittelpunkt gesundheitspolitischer (2) und wirtschaftlicher Interessen (3). Einige der hierdurch entstandenen Rechtsfragen hat der Bundesgesetzgeber nach vorangegangener Verfassungsänderung (4) aufgegriffen und durch das Ende 1997 verabschiedete Transplantationsgesetz (TPG) geregelt. Der hiervon nicht erfasste sonstige Umgang mit der Leiche verblieb in der Gesetzgebungskompetenz der Länder. Hier gelten deshalb außer eigenen Bestattungsgesetzen auch vereinzelt Sektionsgesetze. Bundeseinheitliche Regelungen sind derzeit nur über den Umweg der Strafgesetzgebung möglich. Beispiele hierfür sind die Straftatbestände „Störung der Totenruhe“ (§ 168 StGB) sowie das „Verunglimpfen Verstorbener“ (§ 189 StGB).
Regeln über die Zulässigkeit der „Anatomie im Museum“ müssen daher aus den allgemeinen Grundsätzen abgeleitet werden. Ausgangspunkt ist die Frage nach dem Status der Leiche im System der geltenden Normen. Welche Pflichten haben wir ihr gegenüber, welchen Schutz kann sie beanspruchen? Erst wenn das beantwortet ist, können Anschlussfragen sinnvoll werden.
Der Tod zerbricht den konstitutiven Kern des „Mensch-Seins“. Der leblose Körper ist zur verweslichen Materie und damit zur Sache geworden (5). Die Objektsqualität zeigt sich exemplarisch an der erweiterten Zustimmungslösung von § 4 TPG. Danach darf der nächste Angehörige selbstständig über die Organe des Verstorbenen verfügen und einer Explantation zustimmen. Das Verfügungsrecht über den fremden Körper muss nur dem tatsächlichen oder mutmaßlichen Willen des Verstorbenen weichen. Aber auch die gesetzliche Anordnung, wonach mit dem Tod einer Person deren Vermögen als Ganzes auf die Erben übergeht (§ 1922 BGB), macht nur Sinn, wenn der Tod die Fähigkeit beendet, Träger von Rechten und Pflichten zu sein.
Die sich anknüpfende Frage, wem das Bestimmungsrecht über die Leiche zusteht, wird nicht im Erbrecht beantwortet. Denn der Körper des Verstorbenen war zu Lebzeiten keine Sache (6), stand damit nicht in dessen Eigentum und gehört bei Eintritt des Todesfalls nicht zum Nachlass (7). Er wird vielmehr herrenlos.
Herrenlosigkeit besagt, dass an der Leiche kein Eigentum besteht. Sie bedeutet aber nicht, dass die Sache dem Rechtsverkehr insgesamt und auf Dauer entzogen ist. Vielmehr anerkennt das Recht die Aneignung herrenloser Sachen (8). Rechtstatsächlich zeigt sich dies an den so genannten Anatomieleichen. Seit Jahrzehnten wird die häufig geübte Praxis, den eigenen Körper postmortal der Anatomie zu spenden, für zulässig erachtet (9). Dieses Verfügungsrecht wird teilweise sogar den Angehörigen und Verwaltungsträgern zugesprochen. So finden sich – unter verfassungsrechtlichen Aspekten bedenkliche – behördliche Erlasse, wonach es den Gemeinden oblag, darauf hinzuwirken, dass, soweit der Wille des Verstorbenen nicht entgegenstand, unbekannte Leichen oder Leichen Verstorbener, deren Angehörige nicht bekannt waren oder sich nicht um die Bestattung kümmerten, medizinischen Hochschulen zu Ausbildungszwecken übergeben werden sollten (10). Das Gleiche galt, wenn den Gemeinden von Kranken- oder Strafvollzugsanstalten Leichen zugewiesen wurden, wenn Angehörige nicht vorhanden waren oder diese der Überlassung an die Anatomie zustimmten (11).
Die Befugnis, den eigenen Körper postmortal an eine anatomische Einrichtung zu spenden, folgt aus der Verfassung. Zwar hat die Rechtsprechung den Inhalt des allgemeinen Persönlichkeitsrechts (12) nicht vollständig entfaltet, sondern seinen Schutzbereich jeweils anhand des zu entscheidenden Falles bestimmt (13). So ist die Freiheit zur Krankheit (14), die Organspende sowie das Recht auf den eigenen Tod (15) als Schutzgut des allgemeinen Persönlichkeitsrechts anerkannt. In gleicher Intensität wird aber das Recht auf individuelle Selbstbestimmung berührt, wenn der Einzelne über die postmortale Verwendung seines Körpers insgesamt entscheidet.
Zwar findet das personale „Seins- und Bestimmungsfeld“ (16) des Menschen mit dem Tod sein Ende. Damit wurde der leblose Körper aber nicht zur beliebigen Sache. Er zeugt von der durchlebten Geschichte einer konkreten Personalität, ist für die Hinterbliebenen Gegenstand von Trauer und Pietät. Die grundlegende Bedeutung dieser Umstände ergibt sich unmittelbar aus dem Transplantationsgesetz, den Bestattungsgesetzen und dem Erbrecht. Darüber hinaus hat das Bundesverfassungsgericht in seiner „Mephisto-Entscheidung“ (17) festgestellt, dass selbst Rechte mit höchstpersönlichem Charakter nach dem Tod des Rechtsgutsträgers gerichtlich geltend gemacht werden können.
Der Todeseintritt lockert, zerschneidet aber nicht vollständig das persönlichkeitsrechtliche Band zwischen dem Verstorbenen und seinem leblosen Körper (18). Vielmehr bleibt der Wille des Verstorbenen bindend: einerlei, ob er sich für oder gegen die anatomische Nutzung der Leiche entschieden hat. Dieses Zwischenergebnis ist auch im Hinblick auf die Schranken des postmortalen Persönlichkeitsrechts (19) bedeutsam. Denn nur solche Eingriffe müssen hingenommen werden, die verhältnismäßig, das heißt insbesondere zum Schutz öffent-
licher Interessen unerlässlich sind. Grundsätzlich ist die Rechtslage ein-deutig: Die postmortale Nutzung des menschlichen Körpers bedarf der zu Lebzeiten erklärten autonomen Spendeverfügung des Verstorbenen.
Liegt keine Spendeverfügung vor, stellt sich die Frage, ob die Leiche dennoch der Anatomie überlassen werden darf. Die Antwort hierauf war früher rasch gefunden – was sich anschaulich zeigt an den bereits genannten Erlassen und Richtlinien, an Präparaten ungeklärter Herkunft, anatomischen Schaustücken sowie aus Hinrichtungen stammenden Moorleichen.
Das Transplantationsgesetz gibt hier nur scheinbar eine Hilfestellung. Zwar billigt es den nächsten Angehörigen ein subsidiäres Entscheidungsrecht zu, wenn keine Organspendeerklärung des Verstorbenen vorhanden ist. Ob diese erweiterte Zustimmungslösung auch für die Verwendung der Leiche in der musealisierten Anatomie gilt, ist aber fraglich.
Das Totensorgerecht der Angehörigen ist ein so genanntes Pflichtrecht. Die Anordnungen des Verstorbenen bezüglich seines Leichnams sind durchzuführen und unberechtigte Einwirkungen Dritter auszuschließen. Ob es zudem eine Körperspende legitimieren darf, kann nicht isoliert beantwortet, sondern muss im Zusammenhang mit ihrem Zweck gesehen werden. Zwar sind musealisierte Präparatesammlungen nicht Ausdruck der Verachtung ursprünglichen Menschseins – ganz im Gegenteil: Sie gewähren dem Körper einen Raum und klären über ihn auf. Gemäß unserem geschärften Sinn für menschliche Würde auch im Tod (20) ist aber eine Fremdbestimmung abzulehnen. Selbst bei strenger Wahrung der Anonymität mag es für den einen ein beklemmendes, belastendes Gefühl sein, wenn sein Körper postmortal als Anschauungsobjekt dienen soll; für den anderen mag es beglückend sein, sich hierdurch geruchs- und verwesungsfrei „den Würmern zu entziehen“. Diese unterschiedlichen, zum Teil entgegengesetzten weltanschaulich-moralisch-religiösen Positionen schließen ein eigenes Entscheidungsrecht der Angehörigen aus. Wenn das Transplantationsrecht insoweit eine abweichende Regelung enthält, erklärt sich dies mit dem dort zumindest im weitesten Sinne vorliegenden Notstand und dem derzeitigen Mangel an gleichwertigen Alternativen zur Organspende.
Die Letztentscheidungskompetenz obliegt damit dem einsichts- und willensfähigen Körperspender. Weder Angehörige noch Dritte – wie zum Beispiel Gemeindebeamte – sind befugt, Leichen zur Herstellung anatomischer Präparate weiterzugeben.
Als eine Schranke der „Anatomie im Museum“ wurde jüngst der Bestattungszwang angemahnt (21). Dieser Einwand ist jedoch weder für herkömmliche noch neue Konservierungstechniken stichhaltig (22). Die mannigfaltige Verwendung von Leichen außerhalb der engen Vorgabe der Bestattungsgesetze und die zum Teil jahrhundertealte Tradition der musealisierten Anatomie zeigen, dass der Bestattungszwang nie absolut galt. Überdies stehen die landesrechtlichen Vorgaben zum Umgang mit der Leiche unter dem Primat der Verhältnismäßigkeit. Als Einschränkung des verfassungsrechtlich garantierten Rechts, den eigenen Körper der Anatomie zu spenden, muss der Bestattungszwang im Lichte des höherrangigen Grundgesetzes betrachtet werden, das seinerseits einfache Gesetze begrenzen kann. Ist aber gewährleistet, dass das Präparat, bezogen auf die anatomisch darstellbaren Bedingungen unseres
Daseins, im Interesse gesundheitlicher Aufklärung der Allgemeinheit dient, ist auch dem Schutz der Lebenden ausreichend Rechnung getragen.
Kein Privileg von Experten
Dem Bestattungszwang als Schutzschild vor gesundheitlichen Gefahren verwesender Leichen kommt bei dauerhafter Konservierung keine Bedeutung zu. Dass er auch den Sinn hat, das Andenken der Verstorbenen zu achten und sie nicht im Antlitz ihres Todes den unbefugten Blicken Dritter preiszugeben, wird im Grundsatz nicht bestritten. Wenn aber der Tote zu Lebzeiten wirksam auf diesen Teil seiner Totenruhe verzichtet hat, so gilt dies über seinen Tod hinaus.
Die objektive Menschenwürdegarantie kann dem nicht erfolgreich entgegengehalten werden, solange die anatomische Aufgliederung und Präpara-tion nicht in herabwürdigender Weise vollzogen wird. Hiervon kann aber keine Rede sein, wenn der Aufbau und die Funktionsweise des Körpers in anatomisch korrekter Form sichtbar gemacht werden.
Diese Wertung ändert sich nicht aufgrund der Tatsache, dass anatomische Schaustücke vom großen Publikum – wie es Rudolf Virchow treffend bezeichnet hat – betrachtet werden können. Die Anonymisierung schützt das Andenken an den Verstorbenen und das Pietätsempfinden. Der Besuch des anatomischen Museums beruht auf einer freiwilligen Entscheidung interessierter Menschen. Und es lässt sich nicht ernsthaft darüber streiten, dass die anatomische Anschauung der Körperlichkeit, ohne die sich niemand für einen Heilberuf qualifizieren könnte, dem Laien nicht verwehrt werden darf. Die Anatomie ist kein Vorbehaltsgut wissenschaftlicher Experten.
Über Anatomiepforten ist häufig der Satz zu lesen: „Hier dient der Tod dem Leben.“ In dieser Feststellung schwingt dann ein bedeutungsschwerer Unterton, wenn Leichen ungefragt für die Anatomie in Dienst genommen wurden. Befinden sich in den Sammlungen zudem Präparate von Menschen, die in totalitären Regimen der Vergangenheit auf qualvolle Weise zu Tode gefoltert wurden, wird hieran zu Recht vehement Anstoß genommen (23). Dennoch hält das geschriebene Recht hier kaum Schutzmechanismen bereit.

- Gesetzliche Regelungen
Durchforstet man das Zivilrecht, ist daran zu erinnern, dass das anatomische Präparat eine Sache ist. Gleichwohl war es zu früheren Zeiten Teil eines lebenden Menschen. Zwar kann die Beziehung zwischen Leiche und der früheren Person morbide werden. Wann diese Entfremdung eintritt, ist aber äußerst unsicher. Im Zivilrecht verliert der postmortale Persönlichkeitsschutz erst an Bedeutung, wenn das Bild des Verstorbenen verblasst und die Erinnerung an ihn erlischt (24). Obgleich er im Lauf der Zeit Einschränkungen erfährt, ist er nicht auf einen konkreten Zeitraum nach dem Tod beschränkt. Eine zeitliche Begrenzung besteht aber darin, dass die Persönlichkeitsrechte des Verstorbenen nur die engsten überlebenden Angehörigen geltend machen können. (25)
Eine entsprechende Anwendung der Zehnjahresfrist des § 22 Satz 3 KunstUrhG oder des § 64 UrhG, der ein Erlöschen des Urheberrechts 70 Jahre nach dem Tode des Urhebers vorsieht, könnte diese Rechtsunsicherheit zwar lösen. Dieser Weg scheint aber nicht vertretbar, weil diese Gesetze dem Schutz anderer Rechtsgüter dienen, die nur Ausschnitte des Persönlichkeitsrechts betreffen.
Der gleiche Einwand gilt im Hinblick auf die Mindestruhezeiten der Bestattungsgesetze. Eine allgemeingültige Befristung des postmortalen Persönlichkeitsrechts hieraus abzuleiten scheitert daran, dass die Mindestruhezeiten – je nach Bundesland und Alter des Verstorbenen – mehr oder weniger stark differieren (26). Noch uneinheitlicher ist die Rechtslage bezüglich der Bestattung tot geborener oder früh geborener verstorbener Kinder.
Die Rechtsunsicherheit wird auch durch das Strafrecht nicht beseitigt. § 189 StGB über das „Verunglimpfen Verstorbener“ fordert nach Form, Inhalt oder Motiv eine besonders schwere Kränkung (27). Dieser Schutz kann zwar auch tätlich gegenüber der Leiche begangen werden (28). Die Verwendung in der Anatomie ist aber ebenso wie die strafprozessuale Obduktion oder auch die normale Bestattung eine der möglichen und üblichen Umgangsformen mit der Leiche. Solange sie nicht in herabwürdigender Weise vollzogen wird, wird das Andenken des Verstorbenen durch den bloßen Eingriff in den leblosen Körper nicht verunglimpft. Sollte der Tatbestand dennoch im Ausnahmefall vorliegen, ergibt sich eine zeitliche Begrenzung daraus, dass das Gesetz das Antragsrecht auf bestimmte Angehörige beschränkt (29). Eine Strafverfolgung von Amts wegen kommt nur in Betracht, wenn der Verstorbene sein Leben als Opfer der nationalsozialistischen oder einer anderen Gewalt- und Willkürherrschaft verloren hat (§ 194 Abs. 2 Satz 2 StGB).
Auch der Straftatbestand „Störung der Totenruhe“ (§ 168 StGB) passt nur selten auf die unbefugte Nutzung der Leiche für anatomische Ausstellungszwecke. Tathandlung ist die Wegnahme. Dies setzt eine faktische Beziehung des Täters zur Leiche voraus (30). Allein das Totensorgerecht der Angehörigen genügt nicht, ein solches Obhutsverhältnis zu begründen. Ist den Angehörigen der Todesfall oder der Aufenthaltsort der Leiche nicht bekannt, haben sie keinen Gewahrsam an der Leiche. Aber auch wenn der Tod im Krankenhaus oder im Pflegeheim eintritt, besteht zumindest so lange Gewahrsam der Anstaltsleitung, bis den Angehörigen mitgeteilt wird, die Leiche könne abgeholt werden (31). Damit wird die Weggabe von toten Feten (32), Leichen und Leichenteilen durch den Leiter des Krankenhauses regelmäßig nicht durch § 168 StGB erfasst. Zudem kann die musealisierte Anatomie – wenn nicht weitere Umstände hinzukommen – nicht als Verüben beschimpfenden Unfugs erfasst werden.
Damit ist festzuhalten: Die vorhandenen Straftatbestände sind nicht auf die unbefugte Verwendung der Leiche zur Herstellung anatomischer Präparate zugeschnitten. Eine Lückenfüllung durch entsprechende Anwendung vorhandener Straftatbestände ist nicht möglich. Denn das Strafrecht reagiert als ultima ratio nur bezüglich der ausdrücklich geregelten Angriffsarten auf die Verletzung oder Gefährdung bestimmter Rechtsgüter. Zudem gilt das Analogieverbot: Die im Strafgesetzbuch beschriebenen Handlungsweisen dürfen nicht zulasten des Beschuldigten auf ein Tun jenseits ihres Wortlauts ausgeweitet werden. Sonst wäre ein Verstoß gegen das in Artikel 103 Absatz 2 des Grundgesetzes verankerte Gesetzlichkeitsprinzip gegeben.
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- Ethische Erwägungen
Dieser rechtliche Befund ist aber nicht zwingend von Nachteil. Zahlreiche wissenschaftliche Entwicklungen und der Wandel von gesellschaftlichen Werten und Normen offenbaren, dass die Rechtsordnung neuen Herausforderungen offen entgegentreten muss. Anderenfalls würde sie Gefahr laufen, tradierte Verhaltensmuster, ohne Rücksicht auf die geänderte Rechtswirklichkeit, festzuschreiben.
Gleichwohl darf die Debatte zur Anatomie im Museum hier nicht beendet werden. Dies gilt vor allem mit Blick darauf, dass der Rechtsgüterschutz des Strafrechts das so genannte ethische Minimum beschreibt. Die Ethik als allgemeine Überzeugung vom Richtigen, Legitimen und gesellschaftlich Zulässigen reicht weit darüber hinaus. Recht und Moral ergänzen sich und sind aufeinander angewiesen (33).
In diesem Grenzbereich bewegt sich die „Anatomie im Museum“. Steht das anatomische Präparat ohne wirksame Spendeverfügung im Museum, wurzelt das Unrecht in der Vergangenheit. Damit stellt sich ein primär ethisches Problem: Dürfen wir die Ergebnisse des damals begangenen Unrechts heute nutzen? Welches die maßgeblichen Eckwerte zur „Anatomie im Museum“ sind, wird die ethische Diskussion zeigen. Man kann aber bereits jetzt versuchen, zu bestimmen, welche Kriterien hierbei ins Gewicht fallen.
Strikt zustimmungsabhängig
Wenn man entsprechend der im angloamerikanischen Rechtskreis vertretenen „Fruit of the poisonous tree doctrin“ (34) sagt: Die Früchte eines verbotenen Baumes dürfen nicht geerntet werden – dann müssten die anatomischen Schaustücke aus dem Museum entfernt werden. In dieser generellen Form ist diese Vorgehensweise juristisch kaum durchsetzbar – zumal selbst nach heutiger Rechtslage ein effektiver Schutz der Leiche nicht gegeben ist.
Entschließt man sich zu einem differenzierenden Vorgehen, sind mehrere Punkte diskussionswürdig. Hierzu zählt das Verblassen der Erinnerung an den Verstorbenen. Es macht einen Unterschied, ob es sich um die sterblichen Überreste eines anonymen, zur unvordenklicher Zeit Verstorbenen handelt oder um eine Person, zu der man direkt oder indirekt einen persönlichen Bezug hat.
Zudem können die besonderen Todesumstände untrennbarer Bestandteil der Würde sein. Hat ein Mensch allein aufgrund seiner Abstammung, seiner Weltanschauung oder aus politischen Gründen durch staatlich organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen auf grausame Weise sein Leben verloren, so prägt dieses schwere Schicksal seine individuelle Würde. Und es prägt zugleich auch sein Andenken unter den Lebenden (35). Der Anspruch auf Achtung jenes Schicksals gebietet, dass anatomische Präparate, die aus solchen Gewaltmaßnahmen oder aus menschenrechtsverletzenden Experimenten herrühren, im Museum keinen Platz finden (36).
Die ethische Urteilsbildung hat die Art und Weise zu berücksichtigen, wie das anatomische Präparat gefertigt und zur Schau gestellt wird. Eine entscheidende Rolle spielt die Konservierungstechnik. Anatomische Präparate sind weder Gruselleichen noch beliebige Schaustücke. Auch ist es ein eherner Grundsatz der Anatomie, die Anony-mität zu wahren. Schließlich aber ist es ein ethischer Aspekt, dass die anatomische Beschreibung und Information im Vordergrund stehen. Zwar mag es weitere Gründe geben, die die öffentliche Zurschaustellung musealisierter Leichen im Einzelfall rechtfertigen können. Zu denken ist an religiös motivierte oder kulturhistorische Umstände von bedeutendem Gewicht. Hiervon zu trennen sind jedoch vereinzelt vorhandene Frivolitäten vergangener Zeiten. Sie sollten im anatomischen Museum keinen Platz finden. Für die Zukunft aber gilt: Die Inanspruchnahme der Leiche für anatomische Einrichtungen und Museen ist strikt zustimmungsabhängig.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 1001–1004 [Heft 15]

Das Literaturverzeichnis ist über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de)
erhältlicht.

Priv.-Doz. Dr. jur. Brigitte Tag
Universität Heidelberg, Juristisches Seminar
Friedrich-Ebert-Anlage 6–10, 69117 Heidelberg
1.
So zum Beispiel die Marburger Feuchtpräparatesammlung oder das Berliner medizinhistorischen Museum in der Charité, welches am 27. Juni 1899 durch die Eröffnungsrede von Rudolf Virchow im Interesse der Information und der Aufklärung der Bevölkerung über krankhafte Prozesse im menschlichen Körper dem „grossen Publicum freigegeben wurde“, vgl. Krietsch/Dietel, Pathologisch-Anantomisches Cabinet 1996, S. 2 ff., 159.
2.
Kritz. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. 2001, S. 33.
3.
Taupitz, AcP 191 (1991), S. 201 f.
4.
Vgl. Art. 74 Abs. 1 Nr. 26 GG. Hiervon erfasst sind Regelungen zur Entnahme von Organen und Geweben beim Menschen zum Zweck der Übertragung auf einen anderen Menschen zur Organvermittlung und zur Organtransplantation.
5.
Tag, MedR 1998, 387 f. Zur Leiblichkeit und Würde im Sterben und im Tod. Vgl. Bleyl. Anästhesiologie und Intensivmedizin 2001, 550 ff.
6.
Tag. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. S. 143, 147 f.
7.
Kindhäuser, Nomos Kommentar zum StGB (NK-StGB), Stand 31.10.1998, § 242 Rn. 27.
8.
§ 958 Abs. 1 BGB lautet: „Wer eine herrenlose bewegliche Sache in Eigenbesitz nimmt, erwirbt das Eigentum an der Sache.“
9.
RGSt 64, 313; Schönke-Schröder-Eser, 26. Aufl. 2001, StGB, § 242 Rn. 21.
10.
Vgl. Runderlass des Sozialministeriums Niedersachsen vom 8.8.1962, Nds Mbl. S. 280; für Bayern Entschließung vom 19.6.1961 (MABl. Seite 448) i.d.F. vom 14.3.1973 (MABl. S. 274); für Nordrhein-Westfalen Runderlass vom 4.4.1985, MBl. S. 537.
11.
Gaedke: Handbuch des Friedhofs-und Bestattungsrechts, 7. Aufl. 1997, S. 119 m.w.N.
12.
Art. 2 Abs. 1 i.V. Art. 1 Abs. 1 GG. Näher Taupitz: Ethik in der Medizin, 6 (1994), S. 38 f.
13.
BVerfGE 54, 148, 153 f.
14.
BVerfG NJW 1998, S. 1774 f.; BGHZ 90, S. 103, 105 f.
15.
BGHSt 37, S. 376, 378; Taupitz: Gutachten A zum 63. Deutschen Juristentag, Leipzig 2000, A 32 ff., 105 ff.
16.
BGHZ 124, 52.
17.
BVerfG NJW 1971, 1645.
18.
BT-Drs. 13/4355, S.19 zu § 6 TPG.
19.
BVerfG NJW 1973, S. 891.
20.
Lübbe. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. S. 85 f.
21.
Benda. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. S. 137.
22.
Bremer, NVwZ 2001, S. 167; Tag. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. S. 154 ff.
23.
Zur Vernichtung histologischer Präparate aus der NS-Zeit durch die Universität Heidelberg vgl. Fernsehsendung Südwest 3 vom 20.3.1989, Reihe Abenteuer Wissenschaft: „NS-Präparate – Präparate von NS- Opfers als Unterrichtsmaterial“.
24.
BGH NJW 1968, 1773 ff.; BVerfG NJW 1971, 1645.
25.
OLG München NJW-RR 1994, 925.
26.
Nach dem sächsischen Bestattungsgesetz beträgt die Mindestruhezeit bei Kindern, die vor Vollendung des zweiten Lebensjahres gestorben sind, zehn Jahre, bei Kindern bis zur Vollendung des 13. Lebensjahres, 15 Jahre und bei älteren Verstorbenen 20 Jahre, vgl. § 6 Abs. 2 Sächsisches Bestattungsgesetz. Demgegenüber sieht das Bestattungsgesetz Baden-Württemberg folgende Mindestruhezeiten vor: Kinder, die vor Vollendung des zweiten Lebensjahres gestorben sind, sechs Jahre, die vor Vollendung des zehnten Lebensjahres gestorben sind, zehn Jahre, im Übrigen mindestens 15 Jahre, vgl. § 6 Bestattungsgesetz Baden-Württemberg.
27.
Tröndle/ Fischer, StGB, 50. Aufl. 2001, § 189 Rn. 2 m.w.N.
28.
Kühl. In: Lackner/Kühl, StGB, 24. Aufl. 2001, § 189 Rn. 3; einschränkend Zaczyk, NK-StGB, Stand 31. Dezember 1995, § 189 Rn. 5.
29.
OLG München, Beschluss vom 06.04.00, Az.: 21 W 1286/00.
30.
Kritisch zum Meinungsstand Lackner/Kühl, StGB, § 168 Rn. 3 f.
31.
KG NStZ 1990, 185.
32.
BT-Drs. 10/3758, 4; 10/ 6568, 3.
33.
Laufs. In: Hiersche/Hirsch/Graf-Baumann (Hrsg.), 57, 59; Taupitz, Berliner medizin-ethische Schriften, Heft 10, S. 5.
34.
Beulke, Strafverfahrensrecht, 5. Aufl. 2001, Rn. 482 m.w.N.
35.
BGH NJW 1994, S. 1421.
36.
Körtner. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. S. 241, 249.
1. So zum Beispiel die Marburger Feuchtpräparatesammlung oder das Berliner medizinhistorischen Museum in der Charité, welches am 27. Juni 1899 durch die Eröffnungsrede von Rudolf Virchow im Interesse der Information und der Aufklärung der Bevölkerung über krankhafte Prozesse im menschlichen Körper dem „grossen Publicum freigegeben wurde“, vgl. Krietsch/Dietel, Pathologisch-Anantomisches Cabinet 1996, S. 2 ff., 159.
2. Kritz. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. 2001, S. 33.
3. Taupitz, AcP 191 (1991), S. 201 f.
4. Vgl. Art. 74 Abs. 1 Nr. 26 GG. Hiervon erfasst sind Regelungen zur Entnahme von Organen und Geweben beim Menschen zum Zweck der Übertragung auf einen anderen Menschen zur Organvermittlung und zur Organtransplantation.
5. Tag, MedR 1998, 387 f. Zur Leiblichkeit und Würde im Sterben und im Tod. Vgl. Bleyl. Anästhesiologie und Intensivmedizin 2001, 550 ff.
6. Tag. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. S. 143, 147 f.
7. Kindhäuser, Nomos Kommentar zum StGB (NK-StGB), Stand 31.10.1998, § 242 Rn. 27.
8. § 958 Abs. 1 BGB lautet: „Wer eine herrenlose bewegliche Sache in Eigenbesitz nimmt, erwirbt das Eigentum an der Sache.“
9. RGSt 64, 313; Schönke-Schröder-Eser, 26. Aufl. 2001, StGB, § 242 Rn. 21.
10. Vgl. Runderlass des Sozialministeriums Niedersachsen vom 8.8.1962, Nds Mbl. S. 280; für Bayern Entschließung vom 19.6.1961 (MABl. Seite 448) i.d.F. vom 14.3.1973 (MABl. S. 274); für Nordrhein-Westfalen Runderlass vom 4.4.1985, MBl. S. 537.
11. Gaedke: Handbuch des Friedhofs-und Bestattungsrechts, 7. Aufl. 1997, S. 119 m.w.N.
12. Art. 2 Abs. 1 i.V. Art. 1 Abs. 1 GG. Näher Taupitz: Ethik in der Medizin, 6 (1994), S. 38 f.
13. BVerfGE 54, 148, 153 f.
14. BVerfG NJW 1998, S. 1774 f.; BGHZ 90, S. 103, 105 f.
15. BGHSt 37, S. 376, 378; Taupitz: Gutachten A zum 63. Deutschen Juristentag, Leipzig 2000, A 32 ff., 105 ff.
16. BGHZ 124, 52.
17. BVerfG NJW 1971, 1645.
18. BT-Drs. 13/4355, S.19 zu § 6 TPG.
19. BVerfG NJW 1973, S. 891.
20. Lübbe. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. S. 85 f.
21. Benda. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. S. 137.
22. Bremer, NVwZ 2001, S. 167; Tag. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. S. 154 ff.
23. Zur Vernichtung histologischer Präparate aus der NS-Zeit durch die Universität Heidelberg vgl. Fernsehsendung Südwest 3 vom 20.3.1989, Reihe Abenteuer Wissenschaft: „NS-Präparate – Präparate von NS- Opfers als Unterrichtsmaterial“.
24. BGH NJW 1968, 1773 ff.; BVerfG NJW 1971, 1645.
25. OLG München NJW-RR 1994, 925.
26. Nach dem sächsischen Bestattungsgesetz beträgt die Mindestruhezeit bei Kindern, die vor Vollendung des zweiten Lebensjahres gestorben sind, zehn Jahre, bei Kindern bis zur Vollendung des 13. Lebensjahres, 15 Jahre und bei älteren Verstorbenen 20 Jahre, vgl. § 6 Abs. 2 Sächsisches Bestattungsgesetz. Demgegenüber sieht das Bestattungsgesetz Baden-Württemberg folgende Mindestruhezeiten vor: Kinder, die vor Vollendung des zweiten Lebensjahres gestorben sind, sechs Jahre, die vor Vollendung des zehnten Lebensjahres gestorben sind, zehn Jahre, im Übrigen mindestens 15 Jahre, vgl. § 6 Bestattungsgesetz Baden-Württemberg.
27. Tröndle/ Fischer, StGB, 50. Aufl. 2001, § 189 Rn. 2 m.w.N.
28. Kühl. In: Lackner/Kühl, StGB, 24. Aufl. 2001, § 189 Rn. 3; einschränkend Zaczyk, NK-StGB, Stand 31. Dezember 1995, § 189 Rn. 5.
29. OLG München, Beschluss vom 06.04.00, Az.: 21 W 1286/00.
30. Kritisch zum Meinungsstand Lackner/Kühl, StGB, § 168 Rn. 3 f.
31. KG NStZ 1990, 185.
32. BT-Drs. 10/3758, 4; 10/ 6568, 3.
33. Laufs. In: Hiersche/Hirsch/Graf-Baumann (Hrsg.), 57, 59; Taupitz, Berliner medizin-ethische Schriften, Heft 10, S. 5.
34. Beulke, Strafverfahrensrecht, 5. Aufl. 2001, Rn. 482 m.w.N.
35. BGH NJW 1994, S. 1421.
36. Körtner. In: Wetz/Tag (Hrsg.): Schöne neue Körperwelten. S. 241, 249.

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