ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2002Arztzahlen: Die Schuld auch bei sich selbst suchen!
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LNSLNS Da ich zu dem Ärztenachwuchs gehöre, welcher trotz Vollapprobation einen Weg außerhalb der Klinik und Praxis geht, fühle ich mich durch diesen Artikel sehr angesprochen. Vielleicht ist mein Weg typisch für einige Fehler, welche in der deutschen Aus- und Weiterbildung begangen werden, vielleicht auch nicht.
Ich möchte ihn kurz schildern: Mit dem Studium begann ich 1990. Der Satz, den wir am häufigsten gehört haben, war wohl: „Was wollen Sie eigentlich hier? 40 % von Ihnen werden sowieso als Taxifahrer enden!“ Ambitionierte Lehre, erfüllt davon, Wissen weiterzugeben, fand, bis auf wenige Ausnahmen, kaum statt. Zu dieser Ausnahme gehörte das Fach Chirurgie – für das ich, durch den guten Unterricht, große Begeisterung entwickelte. Um das Notwendige mit dem Nützlichen zu verbinden, absolvierte ich zwei Drittel des praktischen Jahres in Brisbane/Australien – natürlich hauptsächlich in der Chirurgie. Die Oberärzte und Professoren, welchen ich dort begegnen konnte, waren Lehrer! Sowohl technisch, beginnend mit kleinen Nähten bis hin zur Einbeziehung in schwierigere Eingriffe (nicht nur mit Haken), als auch erklärend und immer wieder unaufdringlich Wissen testierend. Das Wichtigste allerdings – ethisch! Mit allem Feingefühl die Studierenden auf die Kehrseite des Berufes vorbereitend! Der Moment, an dem alle ärztliche Kunst versagt. Auch nach dem Tod eines Patienten wurde mit uns gesprochen, nach unseren Gefühlen gefragt, und wir durften über unsere Probleme damit sprechen! Ich hatte mich für Gynäkologie entschieden und nach einigen Angeboten des AiP im Gießener Modell (unbezahlt) auch eine bezahlte Stelle ergattern können. Es war die Hölle! Die Chefs hüteten ihr operatives Wissen und Können schlimmer als die Alchemisten. Nach vier Wochen die ersten Nachtdienste – allein! 30 schwer kranke Patienten, dazu die Ambulanz, Oberärzte im Hintergrund, welche nur per Mailbox erreichbar waren. Onkologische Patientinnen und Angehörige Sterbender, die dringend Hilfe bei hilflosen, restlos überforderten AiPlern suchten. Sollten Sie „House of God“ kennen – das trifft es ziemlich gut.
Ich habe meine Vollapprobation in der Schweiz beendet und bin heute in einer Contract Research Organization fern der Klinik als Ärztin tätig. Der Kontakt zu Patienten fehlt mir.
Bei der nunmehr geführten Diskussion möchte ich davor warnen, das Problem der Abwanderung junger Ärzte auf die Arbeitszeiten und die schlechte Bezahlung zu reduzieren. Dieses ist sicher ein Grund. Alle Chefs von Kliniken, Oberärzte und Weiterbildungsberechtigte sollten sich, wenn schon nicht den Eid des Hippokrates, eines vor Augen führen: Die jungen Kollegen, welche Sie heute ausbilden, sind nicht nur Ihre Konkurrenz von morgen. Es sind auch diejenigen, welche Sie vielleicht einmal behandeln werden . . .
SZ
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