ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2002Mammographie: Klarstellung
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LNSLNS Auch die Unterzeichner sind dafür, dass die Brustkrebs-Früherkennung verbessert werden sollte, bezweifeln aber, dass das Mammographie-Screening-Modell wirklich eine Verbesserung darstellt. Wir teilen die Bedenken, dass die dem Modell zugrunde liegenden Daten der älteren Screening-Studien zum Wert eines reinen Röntgenscreenings überinterpretiert und zu unkritisch auf Deutschland übertragen wurden. Daneben haben vor allem Zweifel an der Qualität der Durchführung des Modells dazu geführt, dass wir dieses Projekt nicht mehr mittragen können. Einige der Darstellungen von Frau Reichel, der Projektleiterin, müssen wir hier klarstellen: die von ihr berichtete Teilnahmerate von 47 % reduziert sich erheblich bei genauem Hinsehen. Bei einem Teil der als Teilnehmerinnen gezählten Frauen wurde bisher nur ein Termin vereinbart, bei einem anderen Teil handelt es sich nicht um Frauen, die zum Screening eingeladen wurden (wie es das Modell vorsieht), sondern um Frauen, die im Zentrum vorstellig wurden und aufgenommen wurden, obwohl bei einem nicht unerheblichen Anteil Symptome vorlagen; darunter Frauen mit fortgeschrittenem, metastasiertem Mammakarzinom! Mehr als 60 % der vom Screening selektierten Frauen wurden an unseren Kliniken weiterbehandelt, und die Rate der Frauen mit tastbaren Knoten überstieg 50 %. Diese Patientinnen brauchen eine kurative Medizin, nicht ein Screening. Dass dieser Anteil von Frau Reichel angezweifelt wird, liegt vielleicht daran, dass sie die Daten nicht kennt, da im Screening-Zentrum eben keine ärztliche Untersuchung durchgeführt wird (einer unserer Kritikpunkte!).
Bei den Sitzungen des Steuerungskreises waren immer mindestens einer, meistens beide Unterzeichnenden anwesend. In diesem Kreis haben wir von Beginn an versucht, in internen Diskussionen Qualitätsverbesserungen zu implementieren – was leider an dem Widerstand der Projektleitung gescheitert ist. Unsere Sorgen bezüglich der fehlenden Qualitätskontrollen der Versorgungskette wurden nicht ernst genommen: es ist weder für die invasive Diagnostik noch für die Operationen und die systemischen Therapien eine Qualitätssicherung etabliert; nach wie vor fehlt ein Register, und die nicht im Screening diagnostizierten Karzinome, die über 80 % aller Mammakarzinome in unserer Region ausmachen, werden nicht erfasst. Die fehlende Bereitschaft zur internen Transparenz lässt viele Fragen offen, zum Beispiel, warum entgegen dem Projektplan bei einem Teil der Frauen mit benigner Histologie offene Biopsien (Operationen) durchgeführt wurden. Sicher kann es dafür Erklärungen geben, Abweichungen vom Projektprotokoll gehören aber offen diskutiert!
Was die weitere Verankerung des Modells in Wiesbaden und die Vermutung von Herrn Heyl angeht, es sei
„eine ganze Menge Politik im Spiel“, so ist auch hier Klarstellung notwendig: die Dr.-Horst-Schmidt-Klinik und das St. Josefs-Hospital haben in den letzten Jahren über 80 % aller Mammakarzinom-Patientinnen in Wiesbaden betreut (über 1 300 Patientinnen pro Jahr, davon mehr als 500 Primäroperationen) und verfügen über große Erfahrung bei der minimalinvasiven Diagnostik (mehr als 1 200 Patientinnen pro Jahr). Entsprechend stellten beide Kliniken acht der zehn für das Modellprojekt akkreditierten Operateure. Die Klinik von Herrn Heyl wurde zu einem Zeitpunkt aufgenommen, zu dem sie nicht über die geforderte Erfahrung verfügte (mindestens 50 Karzinomoperationen pro Jahr). Die Integration dieser Klinik in das Projekt stellt einen der wenigen „politischen Kompromisse“ dar, auf den wir eingingen, um den Frauen, die sich am Screening beteiligen wollten, eine freie Arztwahl zu ermöglichen – und, um das Projekt nicht von Anfang an durch „politische Diskussionen“ zu belasten. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als wir noch dachten, dass durch interne Diskussion die Schwachstellen des Projektes verbessert werden könnten. Heute wissen wir, dass dies leider nicht möglich ist, sondern offensichtlich eine hohe Motivation besteht, an einem „Weitermachen“ ohne Selbstkritik festzuhalten.
Priv. Doz. Dr. med. Andreas du Bois, Klinik für Gynäkologie & Gynäkologische Onkologie, Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken, Ludwig-Erhard-Straße 100, 65199 Wiesbaden, Prof. Dr. med. Gerald Hoffmann, Frauenklinik, St.-Josefs-Hospital, Solmsstraße 15, 65189 Wiesbaden
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