ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2002Krebsregister: Nutzen-Schaden-Abwägung

POLITIK: Kommentar

Krebsregister: Nutzen-Schaden-Abwägung

Dtsch Arztebl 2002; 99(15): A-991 / B-821 / C-769

Link, Günter

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LNSLNS Kritische Gedanken zum Gesetz über das bevölkerungsbezogene Krebsregister

Mit den Ausführungsbestimmungen zum Vollzug des Bundeskrebsregistergesetzes von 1995 nunmehr im zweitgrößten Bundesland werden für mich nach jahrzehntelanger intensiver Beschäftigung mit der onkologischen Materie kritische Gedanken zum Sinn und auch Un-Sinn statistischer Untersuchungen speziell hinsichtlich präventioneller und therapeutischer Effizienz reaktualisiert.
Als Erstes stellt sich die Frage nach dem Nutzeffekt solch breit angelegter bevölkerungsbezogener Statistik. Wie könnte diese detailliert beitragen, die bisher durch Operation, Radiatio, Chemo- und Hormontherapie erreichten Ergebnisse zu verbessern? Handelt es sich bei den Statistikern zur Verfügung stehenden Daten nicht um eine sehr reduktionistische Sichtweise? Liegt doch die besondere Schwierigkeit in der Medizin gerade darin, den Menschen in seiner Totalität zu erfassen, was gerade bei der onkologischen Problematik von unerlässlicher Voraussetzung ist. Hinzu kommt, die hier erforderliche differenzierte Anamnesenerhebung, deren Qualität oft bezweifelt werden muss, wird – meist begründet durch Zeitmangel – zuweilen sogar in Uni-Kliniken nichtärztlichen Pflegekräften überlassen. Wie sollen des Weiteren therapeutische Maßnahmen bei unterschiedlichem ärztlichen Vorgehen und Können gerade beim Karzinom evaluiert werden?
Das Schwergewicht der umfangreichen Problematik zentriert sich aber auf die Patienten! Ist das Wort Krebs trotz großer Heilerfolge nach wie vor schreckensbehaftet, so erscheint mir der Begriff „Krebsregister“ dies noch viel mehr, inkludiert mit der Vorstellung von Bürokratisierung und Selektionstendenz geradezu inhuman. Besteht in diesem Zusammenhang im Kontext zu Krebserkrankungen nicht die Gefahr einer Stigmatisierung dieser Patientengruppe ebenso, wie dies bei psychischen Erkrankungen nicht selten zu beobachten ist? Wie steht es mit der Nutzen-Schaden-Abwägung eines derartigen Registers? Liegt nicht unter anderem eine erhebliche Gefahr darin, dass diese Menschen, die eine derartig schwere Erkrankung durchgemacht haben, langzeitig vor allem mit aufwendigen und fraglich effektiven Nachsorgeprogrammen belastet und selektioniert werden? Immer wieder wird zu Recht die Lebensqualität im therapeutischen Spektrum in den Mittelpunkt gerückt. Wird diese im Rahmen der amtlich angeordneten Statistik nicht bei vielen Betroffenen mit Füßen getreten?
Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass zur Gesundung aus psychotherapeutischer Sicht eine heilsame Verdrängung entscheidend beiträgt. Eine Wunde wird auch nicht jeden Tag aufgerissen, um sich vom Heilungsfortgang zu überzeugen. Was geschieht mit dem langfristigen Nachsorgeprogramm? Wird hier nicht im wahrsten Sinne des Wortes Stigmatisierung, das heißt Aufdrücken eines Stempels in Form einer halbamtlichen Registrierung und sogar Ausstellung eines (Nachsorge-)
Passes, betrieben? Wird nicht zumindest aus psychologischer Sicht dem Heilungsprozess mehr Schaden als Nutzen zugefügt? Vergessen wir nicht, dass nach einer überstandenen Krebserkrankung neben der erheblichen körperlichen Belastung die Bewältigung und Verarbeitung des seelischen Traumas meist sehr langer Zeit bedarf. Hinzu kommt, dass der technische klinische Rahmen mit seiner sterilen, weitgehend unpersönlichen Atmosphäre nicht nur Ängste, sondern oft auch starke Niedergeschlagenheit auslösen oder verstärken kann. Es ist nicht nur das körperlich oft mit erheblichen Schmerzen oder zumindest vielen Unannehmlichkeiten verbundene Erleben, das es zu überstehen gilt. Noch viel gravierender ist der seelische Dauerstress, der zwischen Bangen und Verzweifeln, Erwartung und tiefer Depression, Hoffnung und Traurigkeit schwanken kann. Viele dieser Fakten habe ich selbst erst im Laufe der jahrzehntelangen, oft aufwendigen fachärztlichen Nachuntersuchungsprogramme erkannt. Sicherlich gibt es eine Gruppe von Menschen, die nach einer solchen schweren Therapie in der Nachsorge jeweils gestärkt mit dem neuen Resultat nach Hause geht. Aber für die andere nicht kleinere Gruppe stellt das Nachsorgeprogramm einen Zwang oder eine Retraumatisierung der Krankheit dar, was aus psychosomatischer Sicht ein derartiges Register-Programm infrage stellen und kaum zur Hebung der Lebensqualität beitragen dürfte. Nil nocere ist ein Grundsatz ärztlichen Handelns, der nie vergessen werden sollte! Nicht unerwähnt seien auch die Risiken trotz Datenschutzes, dessen Verletzung nicht absolut auszuschließen ist.
Zum Schluss möchte ich darauf verweisen, dass die Effektivität der ältesten deutschen Krebsregister in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Saarland trotz deren Exaktheit zurückhaltend zu beurteilen ist. Auch das so großartig propagierte Krebsregister der ehemaligen DDR überzeugt nicht mit besseren Heilungsergebnissen als in den alten Bundesländern ohne dieses Register. Nicht von ungefähr dürfte in diesem Kontext sein, dass ausgerechnet Nordrhein-Westfalen – neben Baden-Württemberg und Hessen – zunächst keine flächendeckende Erfassung von Krebserkrankungen plant, wie aus einer Mitteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums hervorgeht.
Dr. med. Günter Link
Auf der Halde 13, 87439 Kempten
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