ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2002Arzteinkommen: „Den Spaß an der Arbeit verloren“

POLITIK

Arzteinkommen: „Den Spaß an der Arbeit verloren“

Dtsch Arztebl 2002; 99(15): A-992 / B-822 / C-770

Rabbata, Samir

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LNSLNS Jede dritte Arztpraxis in Deutschland lohnt sich wirtschaftlich nicht. Schlechte Einkommensaussichten verschärfen den Ärztemangel und gefährden die wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung.

Die Erleichterung ist Dr. med. Albert Schwießelmann (68) noch immer deutlich anzumerken. Seit drei Jahren sucht der Allgemeinmediziner aus dem mecklenburgischen Franzburg nach einem Nachfolger für seine Praxis. Jetzt endlich hat er jemanden gefunden. Die harte Arbeit als Landarzt liege nicht jedem. Im Prinzip sei man 24 Stunden im Dienst. Für Hausbesuche fahre er mitunter 20 Kilometer zu seinen Patienten. Schwießelmann musste erfahren, dass junge Ärzte oftmals nicht mehr bereit sind, solche Arbeitsbedingungen auf sich zu nehmen. Hinzu komme, dass sich der Verdienst des Allgemeinmediziners in seinem Fall mit rund 900 GKV-Fällen pro Quartal in Grenzen halte. Er wolle nicht jammern, betont der Landarzt. Trotzdem müsse die Attraktivität des Arztberufes verbessert werden.
Die Sorgen des mecklenburgischen Arztes sind kein Einzelfall. Besonders in Ostdeutschland spitzt sich der Mangel an Ärzten im ambulanten ebenso wie im stationären Bereich dramatisch zu. Die teilweise düsteren Einkommensaussichten gehören zu den Hauptursachen für diese Entwicklung. Immer mehr junge Studenten entscheiden sich deshalb gegen das Fach Medizin oder wandern nach ihrem Medizinstudium in andere Berufsfelder ab.
Jammern auf hohem Niveau, heißt es vielerorts, wenn sich Ärzte über ihre Einkommenssituation beklagen. Dabei haben rund 30 Prozent der Allgemeinärzte im Durchschnitt nur rund 1 600 Euro im Monat zur privaten Verfügung – bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 47 bis 65 Stunden in der Woche. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI), Köln, zur Einnahmen- und Kostenstruktur der Vertragsärzte.
Demnach erzielen rund ein Drittel der niedergelassenen Ärzte kein angemessenes Nettoeinkommen aus ihrer vertragsärztlichen Tätigkeit. Dies gilt insbesondere dann, wenn in den Anfangsjahren zusätzlich noch Tilgungen für aufgenommene Praxiskredite aus versteuertem Einkommen zu leisten sind. Nach Angaben des Instituts lag 1999 das Einkommen eines mit einer kleineren Praxis niedergelassenen Arztes in den neuen Bundesländern zwischen 1 718 und 3 393 DM (Tabelle 1). Im Westen waren es zwischen 2 041 und 4 075 DM. Praxen des mittleren Drittels erzielten Einkommen zwischen 4 003 und 6 418 DM. Spitzenverdiener kamen auf Nettoeinnahmen zwischen 7 047 und 11 383 DM im Monat.
Von 100 Euro ärztlichen Honorareinnahmen fließen nach Ermittlungen des ZI in Ost- wie Westdeutschland knapp 60 Euro in Ausgaben für Personal, Praxisräume, Medizintechnik, Büroausstattung und Zinsen für Praxiskredite (Tabelle 2). Die verbleibenden 40 Prozent sind der Überschuss vor Steuern. Davon bestreiten die niedergelassenen Ärzte als Freiberufler Aufwendungen für die private Vorsorge im Alter und im Krankheitsfall. Der Gesamtbetrag dieser Vorsorgeaufwendungen schwankt nach Umsatzhöhe und Praxisgröße zwischen 16 000 und
36 000 Euro jährlich.
Bei der längerfristigen Beobachtung der wirtschaftlichen Eckdaten in den alten Bundesländern wird deutlich, dass der Überschuss aus vertragsärztlicher Tätigkeit 1999 unter dem Niveau von 1992 (–1,3 Prozent) liegt. Damit ist das nominale und das reale Einkommen der niedergelassenen Ärzte gesunken.
Für den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, belegen die vom Zentralinstitut ermittelten Daten, dass die ärztlichen Einkommen häufig im Missverhältnis zur Verantwortung und zum Zeitaufwand des niedergelassenen Arztes stehen. „Mit bis zu 3 000 Arbeitsstunden im Jahr beuten sich viele Ärzte selbst aus, und zwar quer durch alle Facharztgruppen.“ (Grafik 1) Zum Vergleich bezifferte das ZI die durchschnittliche Arbeitszeit eines Angestellten mit einer 38,5-Stunden-Woche auf 1700 Stunden im Jahr. Richter-Reichhelm: „Wir fordern die Politik nachdrücklich auf, durch verbesserte gesetzliche Rahmenbedingungen im Interesse der Patienten die drohende Krise des Arztberufes abzuwenden.“
Ostdeutsche Ärzte verdienen deutlich weniger
Im Vergleich der Arztpraxen in den alten und den neuen Bundesländern wird deutlich, dass das verfügbare Einkommen aus vertragsärztlicher Tätigkeit in Ostdeutschland tendenziell niedriger (–6,7 Prozent) ist als im Westen. Die Auswertungsergebnisse zu den Jahresarbeitsstunden je Arzt belegen, dass durch höheren Arbeitseinsatz nur teilweise auch ein höherer Umsatz zu erreichen ist. Im Vergleich Ost und West zeigt sich fast ausnahmslos ein zeitlicher Mehreinsatz in den neuen Bundesländern. Die Zahl der Patienten pro Arzt ist im Osten um 15 Prozent höher als im Westen. Der Arbeitseinsatz ostdeutscher Ärzte ist, gemessen in Jahresarbeitsstunden, entsprechend höher (+6,5 Prozent). Der Personaleinsatz ist dagegen – bezogen auf die vergüteten Arbeitsstunden – um 14,5 Prozent niedriger.
Diese Zahlen überraschen den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommerns, Dr. med. Wolfgang Eckert, nicht. Vielmehr sieht er sich in seinen Warnungen vor dem Niedergang der ambulanten Medizin in den neuen Ländern bestätigt. „Wenn wir im Osten pro Versicherten nur etwa 77 Prozent der Mittel im Vergleich zu den alten Bundesländern zur Verfügung haben, dann kann dabei am Ende auch nur weniger herauskommen.“
Eckert wies im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt darauf hin, dass man in der Diskussion um das Wohnortprinzip darauf gedrungen habe, die Kopfpauschale wenigstens auf das Niveau des Bundesangestelltentarifs-Ost (Rund 90 Prozent) anzuheben. Dadurch hätte die Situation entschärft werden können.
Neben der geringeren Finanzausstattung durch die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) sei ein weiterer Grund für die schmaleren Einnahmen, dass privat versicherte Patienten, die zu einem erheblichen Anteil zum Umsatz der niedergelassenen Ärzte beisteuerten, in Ostdeutschland seltener sind als im Westen. In einigen Bereichen betrage der Anteil von Privatpatienten nur etwa vier Prozent. Im Westen liege der Anteil dagegen zwischen 12 und 16 Prozent, sagte Eckert. Die deutlich höhere Arbeitsbelastung im Osten ist auf die geringe Ärztedichte zurückzuführen. Hinzu kommt, dass der Personaleinsatz in den neuen Ländern um rund ein Drittel geringer ist als im Westen. Wegen der angespannten finanziellen Lage der Praxen, können oft nur schlecht qualifizierte Hilfskräfte beschäftigt werden. Die Ausbildung von Arzthelferinnen nimmt im Osten stetig ab.
Besonders vor dem Hintergrund des zunehmenden Ärztemangels seien die Zahlen des ZI besorgniserregend, betonte Eckert. Etliche Praxen seien einfach nicht mehr zu besetzen. „Wir nähern uns in allen Fachbereichen einem Desaster.“ Viele Ärzte hätten den Spaß an ihrer Arbeit verloren. Neben den geringen finanziellen Mitteln täte der permanente Regressdruck, dem niedergelassene Ärzte ausgesetzt seien, sein Übriges, so der KV-Vorsitzende. „Wir brauchen wieder ein besseres Klima für die Ärzte.“ Darüber hinaus müsse die Politik die Finanzsituation verbessern, um zusätzliche Anreize zu schaffen. Nur so habe man die Möglichkeit, Praxen neu zu besetzen. !
Regierung weist Kritik zurück
Ganz anders die Einschätzung von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt: Zwar gebe es regionale Probleme bei der Nachbesetzung einzelner Arztstellen. Dies sei aber kein Indiz für einen „generellen Ärztenotstand“. Im ambulanten Bereich gingen neuere Gutachten zwar von rückläufigen Arztzahlen aus. Gleichzeitig sinke aber auch die Bevölkerungszahl, sodass die Relation zwischen Ärzten und Einwohnern stabil bleibe, gab sich Schmidt optimistisch.
Dass die ohnehin schon geringe Ärztedichte in Ostdeutschland weiter abnimmt und Patienten immer weitere Wege auf sich nehmen müssen, um sich ärztlich behandeln zu lassen, ficht die Ministerin
offenbar nicht an. Stattdessen verweist sie darauf, dass vereinzelte Versorgungsengpässe durch gemeinsame Anstrengungen von Politik und Selbstverwaltung beseitigt werden könnten.
Das Ministerium reagierte damit auf Äußerungen des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, der vor einem Versorgungsnotstand gewarnt hatte. „Bis zum Jahr 2010 werden vermutlich knapp 22 000 Hausärzte ausscheiden. In den neuen Bundesländern sieht es besonders dramatisch aus. Weil dort in den nächsten zehn Jahren sehr viel ältere Ärzte, etwa 35 bis 40 Prozent, in den Ruhestand gehen, wird die hausärztliche Versorgung wohl schon in naher Zukunft zusammenbrechen“, warnte Hoppe. Man habe nicht nur gravierende Nachwuchsprobleme in der Ärzteschaft. Verschärfend komme die ebenfalls brisante Entwicklung in der Alterstruktur der Bevölkerung hinzu. „Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter, wenn auch oft nur um den Preis der Dauerbehandlungsbedürftigkeit.“ Die Schere zwischen angeforderten notwendigen Leistungen und der tatsächlichen, überhaupt möglichen Leistungserbringung werde immer weiter auseinander gehen. „Der Versorgungsnotstand ist also programmiert“, so Hoppe. Die Politiker könnten dann die Konsequenzen ihrer ruinösen Kostengesetzgebung im Gesundheitswesen an der medizinischen Versorgungslage der Bevölkerung ablesen.
Dass es sich bei diesen Warnungen nicht um eine ferne Zukunftsvision handelt, untermauern auch die Zahlen des ZI. Die Experten kommen zu dem Ergebnis, dass ein Missverhältnis bestehe, „zwischen Arbeitseinsatz, dem unternehmerischen Risiko einer freiberuflichen Tätigkeit und dem daraus erzielbaren verfügbaren Einkommen aus vertragsärztlicher Tätigkeit“. Künftig werde es noch schwieriger, Arztpraxen des unteren Einkommensdrittels im Rahmen der Nachfolgeregelung zu besetzen. „Damit aber stellt sich für die wohnortnahe Sicherstellung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung ein Problem“, so das Zentralinstitut.
Landarzt Schwießelmann aus Franzburg ist froh, dass zumindest in seinem Ort die ärztliche Versorgung bis auf weiteres sichergestellt ist. Eine junge Kollegin wird seine Praxis weiterführen. Trotz aller Probleme stimmt Schwießelmanns Resümee am Ende seines Berufslebens hoffnungsvoll: „Wäre ich heute noch mal 25, würde ich mich wieder dafür entscheiden, Arzt zu werden.“ Samir Rabbata
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