ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2002Zeugen Jehovas: Kritik am Transfusionsverbot nimmt zu - Etablierte Methoden hinterfragen

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Zeugen Jehovas: Kritik am Transfusionsverbot nimmt zu - Etablierte Methoden hinterfragen

Dtsch Arztebl 2002; 99(15): A-1000 / B-850 / C-744

Jeantot, Marianne

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LNSLNS Beim Lesen des sehr auf Emotionen abzielenden Artikels der Kollegen Röttgers und Nedjat kam mir, einem eher schreibfaulen Menschen, das erste Mal der Gedanke, einen Leserbrief zu schreiben – der Objektivität wegen und aus Respekt für die Patienten und für meine Lehrer und mit Respekt für all das, was ich als Arzt gelernt habe.
Zunächst zur Objektivität: Im Mai 2000 fand in Genf/Schweiz ein Kongress zu „Bloodless Health Care“ statt. Der für das Kongressprogramm verantwortlich zeichnende wissenschaftliche Beirat bestand aus namhaften internationalen Experten der Fachbereiche Anästhesiologie, Transfusionsmedizin, Herz- und Thoraxchirurgie, Allgemein-, Abdominal- und Transplantationschirurgie, Orthopädie und Pädiatrie. In den Vorträgen wurden unter anderem die bisher durchgeführten wissenschaftlichen Studien vorgestellt, die – induziert durch die Auseinandersetzung mit Patienten wie den Zeugen Jehovas – belegen, dass eine Behandlung ohne Blut nicht nur möglich, sondern sogar die bessere Art der Behandlung ist, da effektiver, kostengünstiger und rehabilitationsverkürzender.
Beim Lesen des Artikels von Röttgers/Nedjat wurde auch die Ambivalenz des deutschen Mediziners bezüglich seiner Patienten deutlich, wenn es um Mitspracherecht geht. Natürlich wollen wir Patientenverfügungen, solange sie uns nicht in unserem Alltagstrott einschränken. Allenthalben wird die schlechte Arzt-Patient-Beziehung beklagt, unsere Ausbildung kritisiert, aber seien wir ehrlich: Äußerungen wie „Dokumentiert ist etwa die Praxis, während einer Operation auch gegen den erklärten Willen des Patienten Blut zu transfundieren und ihn darüber nicht in Kenntnis zu setzen . . .“ ermutigen nicht gerade dazu, seinem Arzt zu vertrauen, auch wenn die Autoren in einem späteren Satz erklären, dass „ein solches Verhalten weder zu rechtfertigen noch unter heutigen Klinikbedingungen praktisch durchführbar“ ist.
Ich habe einen Teil meiner Ausbildung in einem Lehrkrankenhaus der Harvard Medical School absolvieren dürfen und war seinerzeit überrascht zu erleben, wie anders im Vergleich zum deutschen Medizinsystem in USA gearbeitet wurde. Insbesondere das Mitspracherecht des Patienten bei der Art seiner Behandlung war neu für mich; egal ob es um das Ansetzen eines Medikamentes, das Durchführen einer Untersuchung oder einer sonstigen therapeutischen Intervention geht, es geschieht nichts ohne vorherige Aufklärung des Patienten und dessen Einverständnis! Ist der Patient mit der vorgeschlagenen Behandlung nicht einverstanden, muss der behandelnde Arzt Alternativen aufzeigen können, was zugegebenermaßen eine Herausforderung an alle praktizierenden Ärzte darstellt, jedoch für das vertrauens- und respektvolle Arzt-Patient-Verhältnis, so wie wir es uns alle wünschen würden, meines Erachtens unumgänglich ist.
Aus der Medizingeschichte wissen wir, dass die alten Ägypter – damals auf dem Höhepunkt ihres medizinischen Wissens – ihre Zeitgenossen mit Mischungen aus Exkrementen und anderen Giften behandelten, in dem Glauben, die bestmögliche Behandlung anzubieten.
Die Ärzte des 21. Jahrhunderts wollen ihren Patienten ebenfalls die bestmögliche Behandlung zukommen lassen. Das ist aber nur dann möglich, wenn wir auch kritisch genug sind, alte etablierte Methoden zu hinterfragen. Bei allem Fortschritt dürfen wir aber nicht das Wichtigste außer Acht lassen, was wir für unsere Arbeit als Ärzte brauchen: unsere Patienten, die das Recht auf eine unvoreingenommene und von Respekt geprägte Haltung seitens des behandelnden Arztes haben.
Dr. med. Marianne Jeantot, August-von-Willich-Straße 117, 50837 Köln
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