ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2002Unfallversicherung: Nachbarschaftshilfe ist keine Schwarzarbeit

Versicherungen

Unfallversicherung: Nachbarschaftshilfe ist keine Schwarzarbeit

Dtsch Arztebl 2002; 99(15): [99]

Büser, Wolfgang

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Laminat legen beim Nachbarn: Wenn dies unentgeltlich geschieht, besteht Unfallversicherungsschutz. Foto: Globus-Press
Laminat legen beim Nachbarn: Wenn dies unentgeltlich geschieht, besteht Unfallversicherungsschutz. Foto: Globus-Press
Freiwillige Helfer sind kostenfrei unfallversichert.

Selbst ist der Mann – die Frau auch. Das gilt nicht nur, wenn es im Haushalt etwas zu reparieren gibt. Viele Eigenheime sind mit der „Muskelhypothek“ entstanden. Schließlich ist man handwerklich begabt, und Freunde und Nachbarn gibt es auch, die gerne mittun.
Wer einem anderen hilft, ein Haus zu bauen, ist deshalb kein „Schwarzarbeiter“. Das Gesetz definiert eine solche Tätigkeit so, dass außerhalb eines Gewerbes ausgeführte Arbeiten „in erheblichem Umfang“ illegal sind. Wenn also der Maurer oder der Dachdecker nicht nur „als Nachbar“, sondern gezielt nach Feierabend ihrem bezahlten „Hobby“ nachgehen (und damit vielleicht ihrem Arbeitgeber Konkurrenz machen), dann müssen sie, wenn sie auffallen, mit Sanktionen rechnen, die im Extremfall eine Geldbuße in Höhe von 25 000 A nach sich ziehen kann. Auch wer Schwarzarbeiter beschäftigt, macht sich strafbar. Da Schwarzarbeit sittenwidrig ist, kann der Auftraggeber keine Nachbesserung für Fehler verlangen – und ein Schwarzarbeiter kann möglicherweise seinen Verdienst in den Wind schreiben, wenn der Auftraggeber nicht zahlt.
„Arbeit auf Gegenseitigkeit“
Wird jedoch echte Nachbarschaftshilfe geleistet, zum Beispiel beim selbst genutzten Bau oder Ausbau eines Hauses im Rahmen des öffentlich geförderten Wohnungsbaus, dann kann sie nicht nur Herstellungskosten sparen. Die freiwilligen Helfer können auch kostenfrei unfallversichert sein. Das gilt für Familienangehörige, Freunde und Bekannte. Bedingung: Die Eigeninitiative macht wenigstens 1,5 Prozent der Gesamtkosten aus. Das gilt dann nicht nur für ein Einfamilienhaus, sondern auch für die Eigentumswohnung oder für Wohneinheiten in Kleinsiedlungen, ferner für Genossenschaftswohnungen.
Folgende Personen sind bei der Mithilfe am Bau gesetzlich unfallversichert: der Bauherr, sein Ehepartner, die Kinder, Geschwister, Eltern, Neffen und Nichten – unabhängig davon, ob sie zum Haushalt des Bauherrn gehören oder ob sie später in dem Haus leben werden. Fremde Personen sind in den kostenfreien Schutz einbezogen, wenn sie unentgeltlich mithelfen oder aber „Arbeit auf Gegenseitigkeit“ erbringen.
Zu den Tätigkeiten, die unfallversichert sind, zählt nicht nur die Arbeit am Bau. Bereits der Abbruch des alten Wohngebäudes ist erfasst. Auch die Besorgung des Baumaterials zählt dazu, außerdem An- und Umbauarbeiten. Die Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung umfassen alle medizinischen Maßnahmen (auch Rehabilitation) sowie Geldleistungen für vorübergehende, aber auch dauernde Gesundheitsstörungen, also zum Beispiel den Ersatz von Lohn oder Gehalt bei Arbeitsunfähigkeit ebenso wie eine Rente.
Jeder Bauherr, der mitwirkt oder „mitwirken lässt“, sein Haus aufzubauen, ist gut beraten, sich rechtzeitig mit der Unfallversicherung in Verbindung zu setzen. Das ist im Regelfall die (Landes-)Unfallkasse oder der Gemeinde-Unfallversicherungsverband. Die Adresse kann beim örtlichen Versicherungsamt oder bei der Krankenkasse erfragt werden.
Was geschieht, wenn die Bedingungen für den kostenfreien Unfallversicherungsschutz nicht erfüllt sind, etwa weil die Nachbarn weder unentgeltlich noch auf Gegenseitigkeit tätig sind oder das Haus nicht mit öffentlichen Mitteln gefördert wird? Dann müssen die Helfer bei der Bau-Berufsgenossenschaft angemeldet werden. Das bedeutet: Sie sind ebenfalls unfallversichert – allerdings nicht kostenfrei für den Bauherrn. Er muss – wie Unternehmer – Beiträge zahlen, die, je nach Bundesland, 1,21 € bis 1,64 € je „Helferstunde“ betragen. Das gilt auch dann, wenn für die Helfer eine private Unfallversicherung abgeschlossen ist. Die Bau-Berufsgenossenschaft erwartet exakte Angaben zu der Zahl der geleisteten Arbeitsstunden und schätzt gegebenenfalls, falls die Angaben nicht plausibel erscheinen.
Werden Helfer nicht mit einem Formular angemeldet (einige Unfallversicherer verzichten darauf), dann sind sie dennoch unfallversichert, denn es handelt sich um eine Pflichtversicherung. Für den Bauherrn kann das unangenehme Folgen haben – Bußgelder bis zu 2 500 € drohen. Sich einfach nur „still verhalten“, um dem Beitragsbescheid zu entgehen, bringt meistens nichts, weil das Bauamt jedes Bauvorhaben der Bau-Berufsgenossenschaft meldet.
Die Broschüre „Gut gerüstet“, die die Bau-Berufsgenossenschaft herausgibt, klärt darüber im Einzelnen auf. Ihr ist auch zu entnehmen, dass an Leistungen – wie für die kostenfrei bei den gesetzlichen Unfallkassen versicherten Helfer – alles zur Verfügung steht, um die Gesundheit wieder herzustellen und Verdienstausfall zu ersetzen. Versichert sind nicht nur die Arbeit am Bau, sondern auch die Wege zur und von der Arbeitsstelle.
Unfallverhütungsvorschriften
Bauherren haben für ihre Mitarbeiter so zu sorgen, wie es den gewerblichen Bauunternehmen vorgeschrieben ist: Es gelten die Unfallverhütungsvorschriften. Die Fürsorge reicht von der Schutzausrüstung (Schutzhelm, Sicherheitsschuhe) bis zu Absturzsicherungen. Sie haften für Schäden, die ihre Helfer anderen zufügen. Dafür springt dann ihre private Haftpflichtversicherung nicht ein; eine Bauherrenhaftpflichtversicherung reguliert solche Schäden, etwa wenn einem Passanten ein Dachziegel auf den Kopf fällt. Wolfgang Büser
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