ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2002Disease Management: Hoppe kündigt „Nationales Leitlinienprogramm“ an

POLITIK

Disease Management: Hoppe kündigt „Nationales Leitlinienprogramm“ an

Dtsch Arztebl 2002; 99(16): A-1066 / B-886 / C-830

Rabbata, Samir

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LNSLNS Für die Bundes­ärzte­kammer ist die wissenschaftliche Diskussion vor der Erstellung von Leitlinien unabdingbar. In Zusammenarbeit mit Fachgruppen will man nationale Leitlinien erarbeiten.

Der Ton zwischen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt und dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, ist schärfer geworden. Eine der Ursachen dafür ist der Streit über die Ausgestaltung der geplanten Disease-Management-Programme (DMP) zur Behandlung chronisch Kranker. Wie im Gesetz vorgesehen, will Schmidt zum 1. Juli 2002 mit den Chronikerprogrammen starten. Sollten sich Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen im Koordinierungsausschuss (§ 137 e SGB V) nicht rechtzeitig über die Ausgestaltung der Programme einigen, droht die Ministerin mit „staatlichen Ersatzvornahmen“. Ärztepräsident Hoppe warnt seinerseits in einem Brandbrief an Ministerin Schmidt davor, die „Ärzte weiterhin als technokratische Erfüllungsgehilfen einer dogmatisierten Leitlinienmedizin zu degradieren“.
Selbstverwaltungspartner ringen um Einigung
Der Mangel an deutschen evidenzbasierten Leitlinien und ungeklärte Fragen der Datenübermittlung haben dazu geführt, dass der Koordinierungsausschuss bis zum 11. März 2002 (gesetzliche Schlussfrist) keine einheitliche Empfehlung für einen Anforderungskatalog für Disease-Management-Programme abgeben konnte. Als Reaktion auf eine (Anzeigen-)Beilage des AOK-Bundesverbandes im Deutschen Ärzteblatt (Heft 10/2002) zu Disease Management, legte Dr. rer. pol. Dominik von Stillfried die Haltung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung dar (Heft 11/2002). Stillfried kritisierte darin den enorm kurzen Zeitraum, den das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium den Selbstverwaltungspartnern für eine Einigung zugesteht.
Insbesondere die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) lehnten es ab, Empfehlungen zur Ausgestaltung der Chronikerprogramme zu geben, solange keine deutschen evidenzbasierten Leitlinien für die vier vom Koordinierungsausschuss für DMP vorgeschlagenen Krankheiten vorliegen. „Der Koordinierungsausschuss kann und darf nicht Medizin machen“, stellte Hoppe die Position der Bundes­ärzte­kammer klar.
Wegen der Meinungsunterschiede zwischen den Verhandlungspartnern sollen jetzt Experten in Sektionen des Arbeitsausschusses „Disease Management“ des Koordinierungsausschusses Empfehlungen für die inhaltliche Ausgestaltung der Chronikerprogramme erstellen. Zeit haben sie für ihre Arbeit bis Mitte Mai. Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Günter Ollenschläger, Köln, Ärztliche Zentralstelle Qualitätssicherung (ÄZQ), verdeutlicht als ein von der Bundes­ärzte­kammer für dieses Projekt benannter Experte, dass die Anforderungen auf der Grundlage der verfügbaren Evidenz zusammengestellt werden sollen. „Man wird dabei sowohl Leitlinien als auch Originalarbeiten berücksichtigen“, so Ollenschläger.
Unterdessen kündigte die Bundes­ärzte­kammer an, mit einem „Nationalen Programm für Versorgungsleitlinien“ (NPL) die inhaltlichen Grundlagen für strukturierte Behandlungsprogramme erarbeiten zu wollen. „Gerade angesichts der enormen politischen Irritationen ist es wichtig, dass strukturierte Behandlungsprogramme auf einheitliche Therapieempfehlungen gestützt werden“, sagte BÄK-Präsident Hoppe. Deshalb habe die Bundes­ärzte­kammer die Schirmherrschaft für ein solches Nationales Leitlinienprogramm übernommen.
Mit NPL will man Schlüsselempfehlungen deutscher Leitlinien und evidenzbasierter Handlungsempfehlungen zu einem prioritären Versorgungsbereich im Rahmen einer nationalen Versorgungsleitlinie zusammenfassen. Die BÄK verweist darauf, dass die Diskussion mit den wissenschaftlichen Fachgesellschaften, der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft und weiteren Sachverständigen unabdingbar sei. Nur so könne man klare und nachvollziehbare Kriterien entwickeln, die medizinisch gesichert, plausibel und konsistent seien. Die organisatorische Realisierung des Nationalen Leitlinienprogramms werde durch die ÄZQ gewährleistet.
Sorgfältige Sacharbeit nötig
Ollenschläger verdeutlicht, dass die Initiative der Bundes­ärzte­kammer als Ergänzung zu der Arbeit des Koordinierungsausschusses zu verstehen sei. Es werde sich zeigen, welchen Einfluss NPL noch auf die bis Mitte Mai zu fällenden Entscheidungen der Selbstverwaltungspartner im Koordinierungsausschuss haben könne.
Ärztepräsident Hoppe ist überzeugt, dass nur durch sorgfältige Sacharbeit die Entwicklung von evidenzbasierten Leitlinien möglich sei. Hektik und Aktionismus hingegen seien kontraproduktiv. Hoppe: „Wir lassen uns auch nicht von der Androhung beeindrucken, dass die Behandlungsleitlinien notfalls über der Medizin völlig entfremdete Institute politiknaher Berater erstellt werden sollen – Medizin ist kein Tagesgeschäft.“ Samir Rabbata


Die Bundes­ärzte­kammer übernimmt die Schirmherrschaft über das „Nationale Programm für Versorgungsleitlinien“. Im folgenden Auszug des vierseitigen BÄK-Konzepts wird der Verfahrensablauf für die Erarbeitung evidenzbasierter deutscher Leitlinien festgelegt:
[. . .]
1. Themenpriorisierung
Der Anstoß zur Themenauswahl zur Entwicklung einer nationalen Versorgungsleitlinie erfolgt vorrangig im Rahmen der Beschlussempfehlung des Koordinierungsausschusses gem. §§ 137 e und f SGB V.

2. Einleitung des Abstimmungsprozesses
Die in der Erarbeitung von überregionalen Leitlinien zu einer bestimmten Thematik ausgewiesenen Herausgeber und Verfasser von Leitlinien und evidenzbasierten Handlungsempfehlungen werden vom Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer zu einem ersten Abstimmungsgespräch geladen. In der Regel ist die AWMF beziehungsweise die jeweilige Fachgesellschaft Ansprechpartner. [. . .]
3. Ablauf und Darlegung des Abstimmungsprozesses
Der Abstimmungsprozess zwischen Verfassern, Herausgebern sowie externen Experten und/oder potenziellen Nutzern der Versorgungsleitlinie wird durch neutrale Experten moderiert. Beschlüsse sind generell einstimmig zu fassen. Kommt eine Einigung nicht zustande, sind abweichende Voten mit Autorenschaft und zugrunde liegender Evidenz darzulegen. Der zeitliche und inhaltliche Ablauf des Abstimmungsprozesses sowie das Abstimmungsergebnis werden in einem Protokoll festgelegt.

4. Externe Bewertung und Pflege der Versorgungsleitlinie
Die Versorgungsleitlinie wird einer Bewertung durch das Leitlinien-Clearingverfahren der Selbstverwaltungsorganisationen im Gesundheitswesen unterworfen. Für jede Versorgungsleitlinie wird die zugrunde liegende Evidenzbasis allgemein zugänglich gemacht. Die Verfasser/Herausgeber sind über notwendig werdende Aktualisierungen zu informieren.
5. Zusammenarbeit
Bei der Erstellung von Versorgungsleitlinien ist bei Bedarf der Sachverstand des Deutschen Cochrane-Zentrums, des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin und weiterer ausgewiesener wissenschaftlicher Institutionen einzubeziehen.

6. Durchführung, Finanzierung
Die Bundes­ärzte­kammer delegiert die organisatorische Realisierung des Nationalen Leitlinienprogramms bei der Bundes­ärzte­kammer an die Ärztliche Zentralstelle Qualitätssicherung (ÄZQ). Dabei ist zu gewährleisten, dass kein Interessenkonflikt zwischen dem beschriebenen Projekt und dem Leitlinien-Clearingverfahren bei der ÄZQ entsteht. Bei
der Bundes­ärzte­kammer beziehungsweise der ÄZQ anfallende Kosten, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Organisation des Konsensusprozesses für Leitlinien entstehen, sind durch eine abgesicherte neutrale Drittfinanzierung zu tragen.

Der Wortlaut des Programmes kann im Internet unter www.
aerzteblatt.de abgerufen werden.
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