ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2002Arbeitszeit: Müde und dazu noch demotiviert

BRIEFE

Arbeitszeit: Müde und dazu noch demotiviert

Dtsch Arztebl 2002; 99(16): A-1082 / B-902 / C-844

Krawczyk, Th.

Zum Problem Arbeitszeit in Krankenhäusern:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Immer öfter frage ich mich, wie weltfremd und basisentfernt der Marburger Bund eigentlich ist, wenn ich mir seinen vehementen Einsatz für Arbeitszeiten nach EU-Gesetz betrachte. Ich denke, die meisten angestellten Bereitschaftsdienst tuenden Ärzte sind, so wie ich, in Weiterbildung, haben ihre Schäfchen finanziell noch lange nicht im Trockenen und möchten nicht mehr als ein bis zwei Wochenenden im Monat im Krankenhaus verbringen. Was bedeutet aber für uns die Umsetzung des EU-Gesetzes mit Schichtdienst zum Grundgehalt? Mein Lohn verringert sich um circa 25 Prozent, meine Weiterbildungszeit verlängert sich um mindestens 25 Prozent, und schließlich werde ich neben zwei bis drei Schichtwochenenden auch noch ein weiteres irgendwo arbeiten müssen, damit „die Kasse stimmt“. Von den sozialen K.o.-Effekten des Schichtdienstes ganz zu schweigen. Allerdings arbeite ich in einem Krankenhaus, wo das bestehende Arbeitsschutzgesetz adäquat umgesetzt wird und ich nach maximal 24 bis 26 Stunden Bereitschaftsdienst nach Hause gehen kann. Das für alle zu erreichen, sollte die Zielsetzung des MB sein. Sonst könnte überall das eintreten, was wohl in Hamburg schon passiert, nämlich, dass Krankenhausträger unter dem Vorwand der Umsetzung des EU-Urteils die Bereitschaftsdienstvergütung einstreichen und ohne eine Stellenmehrung zum Grundgehalt Schicht gearbeitet wird – denn mehr Geld und qualifizierten Nachwuchs wird es trotz Forderung des MB nicht geben, das ist wohl klar. Gerade der Nachwuchs dürfte sich bei so unattraktiven Bedingungen noch mehr vom klassischen Arztberuf abwenden. Und alle anderen sind dann für Dinge wie innerbetriebliche Verbesserungen, gute Verschlüsselung oder Fortbildung kaum noch zu gewinnen. Schließlich muss man dem Bürger, dem über die Medien Angst vor dem übermüdeten Arzt gemacht wird, sagen, dass er nach Umsetzung des Gesetzes genauso müde Ärzte haben wird – plus Demotivation, fehlende Kontinuität und (in den operativen Fächern) ohne entsprechendes Training.
Dr. Th. Krawczyk, Menzelstraße 2 a, 85049 Ingolstadt
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema