ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2002Vergangenheit: Eine zu große Zahl von uns hat versagt

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Vergangenheit: Eine zu große Zahl von uns hat versagt

Dtsch Arztebl 2002; 99(16): A-1083 / B-903 / C-845

Kayser, Alexander

Zur Diskussion und den Leser- briefen, zuletzt in Heft 7/2002:
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LNSLNS Bei der Kritik von kritischen Analysen unserer jüngeren Vergangenheit fallen mir immer die gleichen Argumente auf, die aber alle am Thema vorbeigehen. Es wird nach dem Sinn solcher Untersuchungen gefragt und der Bedeutung für die heute Lebenden, nach der Objektivität der Untersucher, die ja damals nicht dabei gewesen seien, und es wird entschuldigend darauf hingewiesen, dass die so Kritisierten zum Teil Hervorragendes geleistet und ihre Pflicht der Gesellschaft gegenüber erfüllt, die Ärzte beispielsweise zahllosen Kranken und Verwundeten zum Teil unter großen Opfern geholfen hätten.
Nun befassen sich historische Betrachtungen zwangsläufig immer mit einer mehr oder weniger weit zurückliegenden Vergangenheit, und die Menschen können nur indirekt durch hinterlassene Dokumente beurteilt werden. Deswegen wird doch nicht grundsätzlich ihre Objektivität bezweifelt oder ihre Bedeutung für uns heute. Die Ursache der Hexenprozesse, von Luther und der Reformation oder die Stellung der Frau im 19. Jahrhundert interessieren uns auch heute noch und helfen uns, die Entwicklung bis in unsere Zeit zu verstehen. Fehlverhalten oder eine kriminelle Handlung können doch nur sehr bedingt durch eine berufliche Leistung entschuldigt werden. Warum können wir als Vertreter der tragenden Schichten nicht einfach zugeben, dass eine zu große Zahl von uns versagt hat, zwar nicht erst seit Kriegsausbruch und seit Auschwitz, denn davon wussten in der Tat die meisten nichts, sondern schon 1933/34, als die Straße der SA und die Macht im Staate einer Gruppe von ungebildeten Schreihälsen überlassen wurde. Sie setzten die Verfassung außer Kraft und zerstörten die Demokratie und damit nahezu sämtliche Werte, vielleicht mit Ausnahme eines echten Patriotismus, an den unsere Vorfahren geglaubt haben und den man uns noch in der Schule beigebracht hat. Die Wehrmacht hätte nie einen Eid auf Hitler leisten dürfen, weil er eben nicht das Deutschland repräsentierte, das Oberst von Stauffenberg dann vor seiner Erschießung als das „Heilige“ bezeichnete. Sie hat spätestens dann ihre Ehre geopfert als sie zugelassen hat, dass Hitler General von Schleicher und seine Frau und Oberst von Bredow ermordete. Ein Versagen ist es auch, dass man schon 1933/ 34 der Verfolgung politisch Andersdenkender und der Vertreibung unserer jüdischen Mitbürger – 30 Prozent der Kinderärzte in Frankfurt waren 1933 Juden – weitgehend tatenlos zugesehen hat. Natürlich hat man auch viele Ärzte unter Druck gesetzt um der NSDAP beizutreten, aber manche haben eben doch auch widerstanden, ohne gleich eingesperrt zu werden, haben berufliche Nachteile in Kauf genommen, auf einen Lehrstuhl oder eine Chefarztstelle verzichet. Es gab warnende Stimmen, vor und nach 1933, aber sie wurden nicht gehört. Niemand kann von unseren Vätern und Großvätern Märtyrertum verlangen, aber wenigstens ein nachträgliches Eingeständnis versagt zu haben, nicht vor dem Ausland, das hat seine eigene Geschichte, aber vor unserem Volk und unseren Vorfahren, deren Arbeit von Jahrhunderten in wenigen Jahren vernichtet wurde. Auch vor ihren Kindern ein Eingeständnis der eigenen Mitverantwortung, anstatt dauernd nach Ausflüchten und Entschuldigungen zu suchen oder auf die Schuld anderer zu verweisen.
Dr. med. Alexander Kayser, Birkenwaldstraße 165 c, 70191 Stuttgart
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