ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2002Toxoplasmose in der Schwangerschaft: Aviditätstest von großer Bedeutung
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LNSLNS Es besteht weiterhin Unklarheit über die genaue Inzidenz der sicherlich in der Häufigkeit deutlich unterschätzten konnatalen Toxoplasmose.
Um genaue Zahlen zur Inzidenz in Deutschland zu erheben, ist die Einführung einer Routineuntersuchung aller Schwangeren notwendig. Da dies nicht durchsetzbar erscheint, sollten zumindest Anstrengungen zur Durchführung einer Multicenterstudie in verschiedenen deutschen Städten unternommen werden, die eine annähernde Klärung der Inzidenz der konnatalen Infektion zum Ziel hat. In diesem Zusammenhang muss auch kritisch gefragt werden, wieso der Nachweis einer Syphilis oder Chlamydieninfektion, nicht aber der Toxoplasmose, zu den Routineuntersuchungen bei Schwangeren gehören. Die von den Autoren dargestellten Verbesserungen in der Serodiagnostik dürften jedenfalls ausreichen, Gegenargumente, die auf der teils schwierigen Beurteilung serologischer Ergebnisse beruhen, zu entkräften. In diesem Zusammenhang ist die Bedeutung von Aviditätstest, die im Artikel von Groß, Roos und Friese leider nur wenig gewürdigt werden, nicht hoch genug zu bewerten. Wir und andere Autoren haben gezeigt, dass diese Tests – im ersten Trimenon bei positivem Nachweis von IgM-Antikörpern aus der selben Serumprobe durchgeführt – bei Nachweis von hochaviden Antikörpern gegen Toxoplasma gondii den Ausschluss einer Infektion während der vorangegangenen drei bis vier Monate (je nach Hersteller) erlauben.
Da kommerzielle automatisierte Testkits der verschiedenen Hersteller vorliegen, sollten diese Ausschlusstests nicht nur den genannten Speziallaboratorien vorbehalten sein. Aviditätstest sind somit die ersten serologischen Testkits, die im Falle des Nachweises hochavider Antikörper eine Infektion während der Schwangerschaft ausschließen lassen und somit der Schwangeren weitere Untersuchungen und die damit verbundenen enormen psychischen Belastungen ersparen.
Die Autoren weisen des Weiteren richtigerweise auf die große Bedeutung der Polymerasekettenreaktion (PCR) aus der Amnionflüssigkeit zum Nachweis einer konnatalen Infektion hin (1).
Neben der Gefahr der falschpositiven PCR-Ergebnisse durch meist mangelhafte Vorkehrungen gegen Kontaminationen ist jedoch kürzlich ein kritischer Bericht zur Sensitivität der PCR zum Nachweis von T. gondii erschienen (4). Die erfahrenen Autoren zeigen in einer prospektiven Studie von 270 konsekutiven Patientinnen mit nachgewiesener Erstinfektion in der Schwangerschaft, dass die Sensitivität der PCR von der Schwangerschaftswoche abhängig ist. Nur zwischen der 17. und 21. Schwangerschaftswoche wurde eine hohe Sensitivität von 92, 9 Prozent und ein negativer Vorhersagewert von 98,1 Prozent bei einer Spezifität von 100 Prozent erreicht. Vor und nach diesem Zeitfenster war die Sensitivität der PCR ungenügend.
Die Autoren führen als mögliche Ursachen des hohen Anteils falschnegativer PCR-Ergebnisse eine verzögerte Passage des Parasiten durch die Plazenta oder Veränderungen der Permeabilität der Plazenta an, da eine antiparasitäre Therapie als Ursache wenig wahrscheinlich erschien.
Die endgültige Bewertung der PCR aus der Amnionflüssigkeit muss demnach in weiteren Studien überprüft werden.

Literatur
1. Groß U, Roos T, Friese K: Toxoplasmose in der Schwangerschaft. Dtsch Arztebl 2001; 98: A 3293–3300
[Heft 49].
2. Liesenfeld O, Montoya JG, Kinney S, Press C, Remington JS: Effect of testing for IgG avidity in the diagnosis of Toxoplasma gondii infection in pregnant women: experience in a US reference laboratory. J Infect Dis 2001; 183: 1248–1253.
3. Lappalainen M, Koskela P, Koskiniemi M et al.: Toxoplasmosis acquired during pregnancy: improved serodiagnosis based on avidity of IgG. J Infect Dis 1993; 167: 691–697.
4. Romand S, Wallon M, Franck J et al.: Prenatal diagnosis using polymerase chain reaction on amniotic fluid for congenital toxoplasmosis. Obstet Gynecol 2001; 97: 296–300.

Prof. Dr. med. Oliver Liesenfeld
Institut für Infektionsmedizin
Abteilung für Medizinische Mikrobiologie und
Infektionsimmunologie
Universitätsklinikum Benjamin Franklin der
Freien Universität Berlin
Hindenburgdamm 27
12203 Berlin
E-Mail: olitoxo@zedat.fu-berlin.de

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