ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1996Reform des Medizinstudiums: Mehr Praxisbezug

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Reform des Medizinstudiums: Mehr Praxisbezug

Dtsch Arztebl 1996; 93(6): A-273 / B-217 / C-205

Clade, Harald

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LNSLNS Eine seit langem an die Adresse des Bonner Gesetz- und Verordnungsgebers gerichtete Forderung, das Medizinstudium praxisgerechter zu gestalten und die Zahl der Studienanfänger zu reduzieren, scheint die Politik veranlaßt zu haben, eine schnellere Gangart vorzulegen: Die zuständige Fachabteilung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums hat Mitte Januar einen überarbeiteten Diskussionsentwurf eines Gesetzes zur Änderung der Bundesärzteordnung und zur Änderung der Approbationsordnung für Ärzte den Körperschaften, Verbänden, den Fachgesellschaften, den Studentenorganisationen und den Ländern sowie den Hochschulen zur Begutachtung vorgelegt. Auf der Basis dieses mit einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe besprochenen Entwurfs soll das Medizinstudium inhaltlich verbessert und vor allem praxisgerechter gestaltet werden. Der vorklinische und der klinische Abschnitt des Medizinstudiums sollen besser verzahnt und möglichst frühzeitig soll während des Studiums fächerübergreifender Unterricht am Krankenbett erteilt werden.
Die Ausbildungszieldefinition hält am einheitlichen Arztbild fest. Sie postuliert, daß nach erfolgreichem Abschluß des sechs Jahre dauernden Medizinstudiums (mindestens 5 500 Unterrichtsstunden) als "produit final" ein Arzt steht, "der zur eigenverantwortlichen und selbständigen ärztlichen Berufsausübung, zur Weiterbildung und zu ständiger Fortbildung befähigt ist" (§ 1, Abs. 1 des Entwurfs). Die Ausbildung zum Arzt soll danach auf wissenschaftlicher Grundlage praxis- und patientenbezogen durchgeführt werden. Ziel ist es, Wissen über Krankheiten, die grundlegenden medizinischen, fächerübergreifenden und methodischen Kenntnisse, die psychischen Fähigkeiten und praktischen Fertigkeiten insbesondere im Hinblick auf die hausärztlichen Tätigkeiten zu vermitteln. Im Vordergrund des Hochschulstudiums soll auch die Vermittlung von Fähigkeiten zur Beachtung von gesundheitsfördernden, präventiven, rehabilitativen, geriatrischen, gesundheitsökonomischen und pharmakotherapeutischen Aspekten im ärztlichen Verhalten stehen. Auch ethische Grundlagen und ökologische Aspekte sollen vermittelt werden – ebenso wie die Bereitschaft, mit anderen Ärzten und anderen Berufsgruppen zusammenzuarbeiten. Besonderen Wert legt der Entwurf auf einen fächerübergreifenden Unterricht, die Unterweisung in kleinen Gruppen. Die Fakultäten sollen mehr Autonomie und Gestaltungsmöglichkeiten erhalten. Sie sollen deshalb Schwerpunkte in der Unterrichts- und Prüfungsgestaltung setzen können.
Auch das Prüfungswesen soll revidiert werden: Die Wertigkeit medizinisch-praktischer Prüfungen wird wesentlich erhöht, neue Elemente – wie Fragen-Zusammenstellungen und Fallstudien – werden eingeführt. Diese Trendwende begrüßt die Ärzteschaft ebenso wie die Vorgaben des Seehofer-Entwurfs, die Zahl der Prüfungen auf drei Hauptexamina zu reduzieren.
So klar und akzeptabel die Grundrichtungen des Entwurfs auch sind, im Detail muß freilich noch gefeilt werden. Umstritten scheinen noch die Gewichtung der einzelnen Gebiete der Medizin zueinander und die Überprüfung des bisherigen Fächerkanons. Ein Selbstläufer dürfte die Absicht sein, die Medizinstudenten frühzeitig auf allgemein- und hausärztliche Qualifikationen hinzuweisen und ausreichendes Basiswissen insbesondere in den kleinen klinischen Fächern zu vermitteln. Wichtig erscheint es, daß Grundlagenfächer wie zum Beispiel Anatomie, Biochemie und auch die Pathologie im notwendigen Umfang und Tiefgang berücksichtigt werden. Wenn die Reform des Medizinstudiums vor allem unter dem Aspekt einer Qualitätssteigerung angegangen wird, müssen die Studienziele – etwa die integrierende, fächerübergreifende Vermittlung von Wissensstoff – auch ihren Niederschlag im Unterricht, Curriculum und in den Prüfungen finden. Dies gilt auch im Hinblick auf die Einbindung der kleineren Fächer.
Seehofer hofft, daß auch die Länder mitspielen: Sie sind jetzt gefordert, die Hochschulkapazitäten mittels geänderter Kapazitätsverordnung so zu ändern, daß die Zahl der Medizinstudenten (heute: 11 500) so reduziert wird, daß ein praxisorientierter, patientengerechter Unterricht möglichst früh am Krankenbett erfolgen kann.
Dr. Harald Clade
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