VARIA: Post scriptum

Wie macht der das nur?

Dtsch Arztebl 2002; 99(16): [88]

Pfleger, Helmut

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Als der Amerikaner Paul Morphy, eines der größten Schachgenies und ungekrönter Weltmeister 1857/58, im legendären Pariser „Café de la Régence“ eine Blindvorstellung an acht Brettern gab, brach vor Begeisterung ein solcher Tumult aus, dass die kaiserliche Garde ausrückte, um des vermeintlichen Aufruhrs Herr zu werden.
Zum Auftakt der 10. Deutschen Ärztemeisterschaft in Bad Neuenahr musste nicht einmal die Ortspolizei ausrücken, dennoch war die Begeisterung und Bewunderung der Kollegen einhellig: „Das ist ja unglaublich! Wie macht der das nur?“
In vier Stunden hatte der blind spielende (also ohne Ansicht der Bretter) Großmeister Vlastimil Hort nicht nur gegen acht sehende(!) Kollegen sechs Mal gewonnen und zwei Mal remisiert, sondern auch zwischendurch immer wieder die Stellungen mit der Position aller Figuren so schnell heruntergerattert wie der Pfarrer seine Gebete, wenn ihm nach der Messe der dampfende Kaffee winkt. Mancher kam da kaum mit dem Hören nach. Und inmitten all der ungeheuren geistigen Anstrengung Späße gemacht, als sei er gerade bei der schönsten und entspanntesten Nebensache der Welt.
Dabei musste er ständig nicht nur die genaue Lage der bis zu 256 Figuren mit all ihren möglichen Interaktionen vor seinem geistigen Auge, sondern auch feinsäuberlich in seinem Hirnkasten aussortiert haben, was schließlich wirklich gespielt wurde und was er nur als mögliche Variante bedachte.
Man hat das Blindspiel mit dem auswendigen Dirigieren eines Konzerts verglichen. Doch keine Note der Partitur verändert sich während des Stücks, sehr wohl aber ändert sich ständig die Lage auf dem Schachbrett. Eine ruhige, übersichtliche Stellung kann innerhalb weniger Züge lichterloh brennen, zu einem wilden Durcheinander entarten.
Nun aber ist für Sie die Zeit gekommen, sich kurzfristig mit Vlastimil Hort als Weißem am Zug zu identifizieren und (blind oder sehend) in dieser Stellung gegen Dr. med. Dieter Friedrich statt des geschehenen 1. Dg5 (was auch gewann) ein herrliches Matt unter Opfer in vier Zügen zu geben. Wie geht’s?
(Und falls Sie Appetit auf mehr Hort bekommen haben sollten, so können Sie in der Nacht vom 1./2. Mai von 1.05–6.55 Uhr im WDR ihn [zusammen mit dem WDR-Redakteur Dr. Claus Spahn und mir] im Block alle neun Sendungen der letzten WM kommentieren sehen.)

Lösung:
Die angegriffene Dame opfert sich: 1. Dxh7+! Nach 1. . . . Txh7 (was sonst?) 2. Txh7+ muss der schwarze König ins feindliche Leben hinaus, weil der Rückzug 2. . . . Kf8 an 3. Se6 matt scheitert. Doch auch so ereilt ihn das Schicksal in Gestalt der weißen Kavallerie: 2. . . . Kf6 3. Sg4+ Kg5 4. Sh3 matt. Mitten auf dem Brett!
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