ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2002Gentherapie/Stammzellen: Leukämie durch Manipulation

AKTUELL: Akut

Gentherapie/Stammzellen: Leukämie durch Manipulation

Dtsch Arztebl 2002; 99(17): A-1121 / B-933 / C-877

Koch, Klaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Gentherapeuten müssen mit neuen, bislang unbekannten Risiken rechnen. Eine Gruppe um Zhixiong Li und Christopher Baum von der Medizinischen Hochschule Hannover schildert, dass ein in Blutstammzellen von Mäusen eingefügtes Gen unerwarteterweise Leukämien ausgelöst hat (Science 2002; 296: 497). Die Studie macht deutlich, dass aufwendige Tierversuche und breite Kooperationen nötig sind, um Risiken der bereits an mehreren tausend Patienten erprobten Verfahren besser abschätzen zu können. Besondere Brisanz bekommt die Studie, weil die Forscher ein Gen untersucht haben, das bereits in Studien an Menschen verwendet wird. Dabei handelt es sich um eine Version eines Rezeptors für den Nerven-Wachstumsfaktor, aus dem durch einen gentechnischen Eingriff ein Stück entfernt wurde: Zellen, in die dieses Gen („dLNGFR“) eingeschleust werden, stellen einen verkürzten Rezeptor her, der bislang als inaktiviert galt. Diese Rezeptorvariante haben italienische Ärzte bereits 1997 in Versuchen an acht Leukämiepatienten verwendet, die eine allogene Blutstammzelltransplantation erhalten hatten. Vor der Transplantation hatten die Ärzte das Rezeptor-Gen in die Stammzellen eingeschleust. Der Rezeptor diente dann als Markierung, um das Schicksal der transplantierten Zellen im Körper der Empfänger verfolgen zu können.

Die Tierversuche der Gruppe zeigen, dass der verkürzte Rezeptor möglicherweise doch nicht so harmlos ist wie bislang angenommen. Die Forscher hatten das Rezeptor-Gen in Blutstammzellen von Mäusen eingefügt, die sie dann fünf bestrahlten Tieren injizierten. Nach vier Wochen haben sie diesen Tieren Stammzellen entnommen und diese dann in zehn weitere, ebenfalls bestrahlte Tiere transplantiert. „Bei allen zehn entwickelten sich innerhalb von 22 Wochen hämatopoetische Störungen“, schreiben die Autoren: sechs Tiere starben an Akuter
Myeloischer Leukämie (AML).

Das scheint kein Zufall zu sein: Denn alle zehn Tiere enthielten Abkömmlinge eines Zellklons, bei dem sich das Rezeptor-Gen in ein Relikt eines bereits im Erbgut der Tiere eingefügten Virus-Gens eingefügt hatte. Offenbar hat die Integration des Rezeptor-Gens dann das Virus-Gen aktiviert und dadurch die Anfälligkeit für die Entwicklung einer Leukämie geschaffen. Weitere Befunde deuten jedoch darauf hin, dass auch das als inaktiv geltende Rezeptor-Gen zur Umprogrammierung der Blutstammzellen zu Krebszellen beigetragen haben könnte. Die Forscher betonen, dass diese Wechselwirkung nicht generell alle Gentherapie-Ansätze betreffe, sondern offenbar ein Problem dieses Rezeptor-Gens sei. Dennoch ist es möglich, dass auch bei anderen Gentherapie-Ansätzen unvorhersehbare Nebenwirkungen auftauchen.
Klaus Koch
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema