ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2002Allensbach-Studie „Naturheilmittel 2002“: Die Selbstmedikation boomt

POLITIK

Allensbach-Studie „Naturheilmittel 2002“: Die Selbstmedikation boomt

Dtsch Arztebl 2002; 99(17): A-1127 / B-937 / C-881

Flintrop, Jens

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LNSLNS Die Bereitschaft, Geld für pflanzliche Arzneimittel auszugeben, wächst. Wichtigstes Motiv dafür ist die Angst vor schädlichen Nebenwirkungen bei den chemischen Präparaten.

Die Ärzte verordnen wegen der Sparzwänge im Gesundheitswesen immer weniger pflanzliche Arzneimittel; dennoch ist die Nachfrage nach Naturheilmitteln in Deutschland seit Jahren unverändert hoch. Denn: Im gleichen Maße wie die Umsätze mit Phytopharmaka, die ärztlich verord-
net werden, sinken (im Jahr 2000 um zehn Prozent auf 0,8 Milliarden Euro), steigen die Umsätze aus Selbstmedikation (im Jahr 2000 um zehn Prozent auf 1,23 Milliarden Euro). Eine Trendstudie des Instituts für Demoskopie Allensbach, die im Auftrag des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller (BAH), Bonn, erstellt wurde, unterstreicht das Vertrauen der Bevölkerung in Naturheilmittel.
Der Studie zufolge nahm der Anteil derjenigen in der Bevölkerung, die Naturheilmittel einnehmen, von 52 Prozent in 1970 und 65 Prozent in 1997 auf 73 Prozent in 2002 zu. Insbesondere die Angst vor schädlichen Nebenwirkungen bei chemischen Arzneimitteln veranlasse die Menschen, zu Phytopharmaka zu greifen. Auf einer Skala von null bis zehn schätzen die 2 172 Befragten die Gefahr von Nebenwirkungen bei chemisch-synthetischen Arzneimitteln im Durchschnitt bei 6,7 ein, bei Naturheilmitteln dagegen nur bei 2,3. Die Phytopharmaka werden besonders zur Vorbeugung von Krankheiten eingenommen: Von allen Erwachsenen, die prophylaktisch Medikamente einnehmen, verwenden dazu 38 Prozent ausschließlich und weitere 41 Prozent unter anderem auch Naturheilmittel. Zudem werden die Präparate überwiegend zur Begleitmedikation eingesetzt. Im Krankheitsfall würden nur vier Prozent der Naturheilmittelbefürworter ausschließlich Naturheilmittel nehmen, 62 Prozent unter anderem auch Naturheilmittel; etwa jeder Dritte würde die Therapie im Krankheitsfall ausschließlich dem Arzt überlassen. Nach Angaben der Befragten helfen Naturheilmittel vor allem bei Erkältung (69 Prozent), Grippe (34 Prozent), Schlaflosigkeit (27 Prozent), Magenbeschwerden (26 Prozent) und Kopfschmerzen (24 Prozent). Die meisten gesetzlich Versicherten legen Wert darauf, dass die Ärzte die Naturheilmittel weiterhin verordnen dürfen. Auch 71 Prozent der Patienten, die die Präparate zuletzt selbst bezahlt haben, bestehen darauf, dass die Medikamente in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung erstattungsfähig bleiben.
„Pflanzliche Arzneimittel werden weiterhin unterschätzt und in der Medizin immer noch zu wenig beachtet“, sagte Prof. Dr. phil. Elisabeth Noelle-Neumann, Direktorin des Allensbach-Instituts, bei der Vorstellung der Studie „Naturheilmittel 2002“ am 16. April in Bonn. Sie kritisierte, dass es bundesweit nur einen Lehrstuhl in Berlin gebe, der sich mit Phytopharmaka beschäftige: „Es müsste aber mindestens zehn geben, um die zukünftigen Ärzte angemessen informieren zu können.“ BAH-Geschäftsführer Dr. rer. nat. Bernd Eberwein unterstrich, dass es sich bei der Zuwendung der Bevölkerung zu Naturheilmitteln nicht um einen Modetrend handele, sondern um ein „langfristig angelegtes tief verwurzeltes Vertrauen“. Er kritisierte, dass die Hersteller von Naturheilmitteln durch die gesundheitspolitischen Maßnahmen der vergangenen Jahre überdurchschnitt-
lich getroffen worden seien. So habe die ärztliche Verordnung von Phytopharmaka zweistellig abgenommen.
Mit Bangen wartet der BAH auf die Positivliste für erstattungsfähige Arzneimittel. Eberwein: „Die Liste ist aufgeteilt in Hauptteil und Anhang. So erfreulich es ist, dass im Anhang viele Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen Eingang finden werden, so bedauerlich ist es, dass die Möglichkeit, in den Hauptteil aufgenommen zu werden, nur für sehr wenige pflanzliche Arzneistoffe genutzt werden wird.“ Der Verband befürchtet, dass den Ärzten „pharmakologisch-politisch“ die Trennung in Hauptteil und Anhang als Qualitätsunterschied vermittelt wird, und deshalb viele Ärzte die „Anhangspräparate“ künftig noch zurückhaltender verordnen. Phytopharmaka seien aber keine Präparate zweiter Wahl, betonte der BAH-Geschäftsführer. Jens Flintrop
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