ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2002Hochschulrahmengesetz: Das Land der „Professörchen“

POLITIK: Kommentar

Hochschulrahmengesetz: Das Land der „Professörchen“

Dtsch Arztebl 2002; 99(17): A-1130 / B-940 / C-884

Feld, Michael

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LNSLNS Die Auswirkungen der Reform auf den deutschen Wissenschaftsbetrieb
Der Kölner Universitätsprofessor Dr. med. Jürgen Hescheler forscht seit mehr als zehn Jahren an embryonalen Stammzellen der Maus. Grundlegende wissenschaftliche Arbeiten wurden veröffentlicht, unverzichtbares Wissen für künftige Stammzellenforschung national und international geschaffen. Aber Hescheler hätte dies niemals allein bewerkstelligen können. Eine universitäre Forschungs- und Lehrstätte wie sein Kölner Institut für Neurophysiologie benötigt eine Vielzahl hoch qualifizierter Wissenschaftler, die alle gemeinsam mehrere Jahre an einem großen Thema wie der Stammzellforschung arbeiten. Diese Wissenschaftler wird er in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr halten können.
Mit Beschluss der 5. Änderung des Hochschulrahmengesetzes (HRG) durch Bundestag und Bundesrat Ende 2001 ist eine Dienstrechtsreform besiegelt worden, die große Veränderungen der deutschen Forschungslandschaft zur Folge haben wird. Große Forschergruppen unter Ägide eines einzelnen Chefs wird es demnächst nicht mehr geben, denn man nimmt dem „Wissenschaftlichen Mitarbeiter“, dem Repräsentanten des universitären Mittelbaus, die Aussicht auf eine Hochschulkarriere. Stattdessen wird die „Juniorprofessur“ installiert, eine Kreation des „grünen“ Ministerialtisches, mit der man dem zunehmenden „brain drain“, dem anglizistisch verharmlosten Ausbluten der deutschen Forschergilde durch Abwanderung ins attraktivere Ausland Einhalt gebieten will. Die Einführung der Juniorprofessur ist aber nichts als eine homunkulöse Chimärenbildung zwischen Assistent und echtem Professor, Lehrer und Schüler, und sie entzieht der Wissenschaft die unverzichtbare Exekutive, die jetzt erst recht ins Ausland flüchten wird. Es fängt bereits mit dem Titel an: Welcher Dreißigjährige möchte nach sieben Jahren Studium und drei Jahren Promotion noch „Junior“ genannt werden?
Derzeit benötigt ein Grundlagenwissenschaftler an den Universitäten in Deutschland etwa zehn Jahre von der Doktorarbeit bis zur Übernahme einer Professur und damit einer selbstbestimmten Arbeitsrichtung. Zehn Jahre abhängige Beschäftigung sind eine lange Zeit, aber kaum wesentlich zu verkürzen. Die Habilitation ist international unerheblich, sie dauert zu lange. Warum man aber die gesamte Struktur und Zeitplanung der Hochschulämter rigoros umkrempelt, ist unverständlich. Allein die Verfassung eines Antrags auf Sachbeihilfe bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft dauert bei großen Projekten oft ein halbes Jahr und länger. Bis der Antrag und damit das „legale“ Drittmittelgeld genehmigt ist, vergeht mindestens noch ein halbes Jahr, in dem nicht ein einziges Reagenzglas gekauft, geschweige denn eine wissenschaftliche Hilfskraft eingestellt werden kann. Industrielle Drittmittel stehen deutschen Grundlagenforschern nur sehr begrenzt zur Verfügung, unter anderem, weil die deutsche Staatsgewalt schon jede gesponserte Linsensuppe mit einem Strafverfahren wegen Vorteilsnahme „belohnt“.
Die künftigen Juniorprofessoren sollen in höchstens sechs Jahren Dienstzeit selbstständig Lehraufträge von bis zu acht Semesterwochenstunden übernehmen, Fakultätsämter bekleiden und forschen. Nach der Hälfte der Amtszeit findet eine interne Lehr- und externe Forschungsevaluation statt, die über die Beschäftigung für weitere drei Jahre entscheidet; danach ist Schluss. Entweder es folgt dann eine Festanstellung an einer anderen Einrichtung, oder der abgerackerte Ex-Juniorprofessor ist arbeitslos, denn einen weiteren befristeten Vertrag bekommt er nicht. „Publish or perish“ ist eine gnadenlose Formel, die keine Rücksicht auf staatlich geförderte Sonderprojekte mit begrenzter Dauer und studentischen Evaluationsbögen nimmt. Der „Impact Factor“, das artifizielle Gütesiegel der wissenschaftlichen Publikationsorgane, ist ein heiliger Gral der Scientific Community, und die wird sich einen feuchten Kehricht um deutsche Juniorprofessoren scheren, die spätestens nach Abschluss ihrer ersten Forschungsarbeit schon wieder auf der Straße stehen.
In einer Erklärung des Bun­des­for­schungs­minis­teriums wird berichtet, von den bisher 69 000 Stellen für Wissenschaftliche Mitarbeiter würden lediglich 6 000 Juniorprofessuren aus der Umwidmung der „Wissenschaftlichen Assistenten“ (C1) rekrutiert, sodass noch 63 000 Stellen übrig blieben. Was aber nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass diesen 63 000 Postdocs ab jetzt die Universitätslaufbahn verbaut ist, da diese demnächst bindend mit Juniorprofessoren zu bestücken ist. Das ist der springende Punkt. Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter strebt eine Hochschulkarriere an oder will sich diese zumindest offen halten. Da dies aber nur noch über den Weg der Juniorprofessur geht, verlieren ihre bisherigen Stellen an Attraktivität. Wer soll dann in Zukunft noch eine Wissenschaftlergruppe bilden, wer im Team arbeiten, wenn keiner mehr die Aussicht auf ein Weiterkommen hat? Große Forschergruppen, die ihr Potenzial gemeinsam nutzen, können so nicht mehr entstehen. Dr. med. Michael Feld
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