ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2002Heinrich Irenäus Quincke: Erfinder der Lumbalpunktion

VARIA: Medizingeschichte

Heinrich Irenäus Quincke: Erfinder der Lumbalpunktion

Dtsch Arztebl 2002; 99(17): A-1173 / B-975 / C-918

Göring, H.-D.

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H.-D. Göring: „Heinrich Irenäus Quincke“ (nach einem Gemälde von E. Orilik, das Quincke im Alter von 72 Jahren darstellt)
H.-D. Göring: „Heinrich Irenäus Quincke“ (nach einem Gemälde von E. Orilik, das Quincke im Alter von 72 Jahren darstellt)
In diesem Jahr wird der 160. Geburtstag und 80. Todestag des Kieler Internisten begangen.

Die ausschließliche Assoziation des Namens Quincke mit dem heute als hereditäres Angioödem bezeichneten Krankheitsbild im Bewusstsein der Ärzte hat seine anderen Leistungen nahezu in Vergessenheit geraten lassen. Dies trifft unter anderem für die Lumbalpunktion zu, von der heute kaum noch ein Arzt weiß, dass sie von Quincke erdacht und über eine Reihe von Voruntersuchungen 1891 in die klinische Praxis eingeführt wurde.

Quincke, der 1842 in Frankfurt/Oder als Sohn eines Arztes geboren wurde, begann bereits mit 16 Jahren mit seinem Medizinstudium, zunächst in Berlin, später in Würzburg und Heidelberg. 1863 promovierte er in Berlin und bestand dort 1864 das medizinische Staatsexamen. Nach einer ausgedehnten Bildungsreise, die ihn nach Wien, Paris und London führte, und einer kurzzeitigen chirurgischen Tätigkeit nahm er die internistische Ausbildung an der Charité in Berlin bei Friedrich Theodor von Frerichs auf, bei dem er sich auch 1870 habilitierte.
1873 wurde er auf den Lehrstuhl für Innere Medizin in Bern berufen. Privat fällt in diese Zeit die Eheschließung mit der Berliner Unternehmerstochter Berta Wrede. 1878 wurde Quincke zum Ordinarius für Innere Medizin und Direktor der Medizinischen Klinik der Christian-Albrechts-Universität Kiel berufen. Dort wirkte er 30 Jahre, war viermal Dekan der Medizinischen Fakultät und wurde im Jahr 1900 Rektor der Universität. Ein jahrzehntelanger zermürbender Streit mit dem Kieler Ordinarius für Chirurgie Friedrich von Esmarch um die Priorität eines Klinikneubaus, in dem Quincke letztlich unterlag, überschattete zeitweise die Kieler Zeit (2). Nach seiner Emeritierung 1908 siedelte Quincke nach Frankfurt/Main über und arbeitete bis zu seinem Tod am 19. Mai 1922 wissenschaftlich in den Senckenberg-Insituten (2, 5).

Neben der Inneren Medizin las Quincke in den ersten Jahren in Kiel bis zur Gründung eigener Lehrstühle auch Pädiatrie, Haut- und Geschlechtskrankheiten, Hygiene und Bakteriologie. Die Lumbalpunktion stellte er in einem Vortrag 1891 auf dem 10. Kongress für Innere Medizin vor und erlangte dadurch höchste Anerkennung in der Ärzteschaft. Zwischen 1909 und 1922 stand Quincke mehrmals auf der Liste der Nobelpreis-Anwärter. Die Leistung der Lumbalpunktion lag jedoch schon zu lange zurück, um satzungsgemäß noch Berücksichtigung bei der Nobelpreis-Vergabe finden zu können (2).

Eine weitere Leistung Quinckes war 1896 die Einführung einer Pneumotomie genannten operativen Behandlung von Lungenabszessen und Kavernen nach vorausgegangener iatrogener Verklebung der Pleurablätter, die der Lungenchirurgie wesentliche Impulse verlieh (1, 2). Quincke verfasste 1903 mit dem Königsberger Chirurgen Garré einen „Grundriss der Lungenchirurgie“.
Auf dem Gebiet der Inneren Medizin erwarb sich Quincke bleibende Verdienste unter anderem durch die Beschreibungen über die Verschiebung des Kapillarpulses bei Aorteninsuffizienz (8) und der Magenschleimhautatrophie. Er wies 1898 die Resorption von anorganischem Eisen aus dem Magen-Darm-Trakt als Voraussetzung für eine Therapie der Eisenmangelanämie nach (12).
Zu Quinckes innovativen Beiträgen auf dem Gebiet der Haut- und Geschlechtskrankheiten gehören die Entdeckung des Tierfavus-Erregers (11), der heute als Trichophyton quinckeanum bezeichnet wird, und seine Ansicht über die luische Genese von Aortenaneurysmen. Daraus leitete er als Konsequenz eine antisyphilitische Therapie ab (14). Es ist unstrittig, dass es vor Quinckes Publikation über das angioneurotische Ödem (9) kasuistische Mitteilungen über Krankheitsfälle in Italien, Deutschland und Großbritannien gab, die retrospektiv dem angioneurotischen Ödem zugeordnet werden können (15). Quinckes Verdienst besteht jedoch darin, wesentliche charakteristische Merkmale eindeutig herausgearbeitet zu haben.

Auf dieser Basis sind in den folgenden Jahrzehnten weitere Fortschritte möglich geworden, unter anderem die Entdeckung des der Krankheit zugrunde liegenden hereditären C1-Inhibitor-Defektes und seine Diagnostik als Voraussetzung für eine erfolgreiche kausale Substitutions-Therapie (3, 4, 7).

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das beim Verfasser und über das Internet (www. aerzteblatt.de) erhältlich ist.
Prof. Dr. med. H.-D. Göring
Hautklinik und Immunologisches Zentrum des Städtischen Klinikums Dessau
Auenweg 38, 06847 Dessau
1.
Bergmann, G. von: H. Quincke. Gedenkrede der Trauerfeier der Medizinischen Fakultät und des Ärztlichen Vereins zu Frankfurt/Main. Zeitschr. klin. Med. 96 (1923) 1-21
2.
Bethe, H.: Heinrich Quincke (1842-1922). Sein Leben und Werk unter besonderer Berück-sichtigung der Kieler Fakultätsgeschichte. Wachholtz 1968. 139 S.
3.
Donaldson, V. H., Evans, R. R.: A biochemical abnormality in hereditary angioneurotic edema: absence of serum inhibitor of C1-Esterase. Am. J. Med. 35 (1963) 37-39
4.
Gelfand, J. A., Sherins, R. J., Alling, D. W., Frank, M M.: Treatment of hereditary angioedema with danazol. Reversal of clinical abnormalities. New Engl. J. Med. 295 (1976) 1444-1448 MEDLINE
5.
Goldschmidt, E.: H. Quincke. Schweiz. med. Wochenschr. 75 (1945) 973-977
6.
Hoppe-Seyler, G.: H. Quincke. Münch. med. Wochenschr. 69 (1922) 1014-1016
7.
Pickering, R. J., Kelly, J. R., Good, R. A.: Gewurz, H.: Replacement therapy in hereditary angioedema Lancet I (1969) 326-328 MEDLINE
8.
Quincke, H.: Beobachtungen über Capillar- und Venenpuls. Berliner klin. Wochenschr. 5 (1868) 357-359
9.
Quincke, H.: Über akutes umschriebenes Hautödem. Monatshefte prakt. Dermatol. 1 (1882) 129-131
10.
Quincke, H.: Zur Physiologie und Pathologie des Blutes. Dtsch. Arch. klin. Med. 33 (1883) 22-41
11.
Quincke, H.: Über Favus. Monatshefte prakt. Dermatol. 4 (1885) 433-434
12.
Quincke, H.: Über Eisentherapie. Verhdlgn. Kongr. inn. Med. 13 (1895) 138-172
13.
Quincke, H.: Über Pneumotomie. Mitteil. Grenzgeb. Med. Chir. 1 (1896) 1-70
14.
Quincke, H.: Diskussion über Aneurismen. Verhdlgn. Kongr. inn. Med. 17 (1899) 252
15.
Schadewaldt, H.: Die Geschichte des Quinckeschen Ödems. Int. Arch. Allergy 14 (1959) 339-362
1. Bergmann, G. von: H. Quincke. Gedenkrede der Trauerfeier der Medizinischen Fakultät und des Ärztlichen Vereins zu Frankfurt/Main. Zeitschr. klin. Med. 96 (1923) 1-21
2. Bethe, H.: Heinrich Quincke (1842-1922). Sein Leben und Werk unter besonderer Berück-sichtigung der Kieler Fakultätsgeschichte. Wachholtz 1968. 139 S.
3. Donaldson, V. H., Evans, R. R.: A biochemical abnormality in hereditary angioneurotic edema: absence of serum inhibitor of C1-Esterase. Am. J. Med. 35 (1963) 37-39
4. Gelfand, J. A., Sherins, R. J., Alling, D. W., Frank, M M.: Treatment of hereditary angioedema with danazol. Reversal of clinical abnormalities. New Engl. J. Med. 295 (1976) 1444-1448 MEDLINE
5. Goldschmidt, E.: H. Quincke. Schweiz. med. Wochenschr. 75 (1945) 973-977
6. Hoppe-Seyler, G.: H. Quincke. Münch. med. Wochenschr. 69 (1922) 1014-1016
7. Pickering, R. J., Kelly, J. R., Good, R. A.: Gewurz, H.: Replacement therapy in hereditary angioedema Lancet I (1969) 326-328 MEDLINE
8. Quincke, H.: Beobachtungen über Capillar- und Venenpuls. Berliner klin. Wochenschr. 5 (1868) 357-359
9. Quincke, H.: Über akutes umschriebenes Hautödem. Monatshefte prakt. Dermatol. 1 (1882) 129-131
10. Quincke, H.: Zur Physiologie und Pathologie des Blutes. Dtsch. Arch. klin. Med. 33 (1883) 22-41
11. Quincke, H.: Über Favus. Monatshefte prakt. Dermatol. 4 (1885) 433-434
12. Quincke, H.: Über Eisentherapie. Verhdlgn. Kongr. inn. Med. 13 (1895) 138-172
13. Quincke, H.: Über Pneumotomie. Mitteil. Grenzgeb. Med. Chir. 1 (1896) 1-70
14. Quincke, H.: Diskussion über Aneurismen. Verhdlgn. Kongr. inn. Med. 17 (1899) 252
15. Schadewaldt, H.: Die Geschichte des Quinckeschen Ödems. Int. Arch. Allergy 14 (1959) 339-362

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