ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2002Terroranschläge: Gefälligkeitsatteste wegen Flugangst?

VARIA: Wirtschaft

Terroranschläge: Gefälligkeitsatteste wegen Flugangst?

Dtsch Arztebl 2002; 99(17): A-1174 / B-976 / C-830

Rieser, Sabine

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Seit den Terroranschlägen auf das World-Trade- Center haben viele Menschen Angst, in ein Flugzeug zu steigen. Foto: dpa
Seit den Terroranschlägen auf das World-Trade- Center haben viele Menschen Angst, in ein Flugzeug zu steigen. Foto: dpa
Ärztinnen und Ärzte in Deutschland haben ihren Patienten nach den Terroranschlägen am 11. September in den USA in erheblichem Umfang falsche Gesundheitsatteste ausgestellt. Dadurch konnten diese von einer Flugreise zurücktreten, und für die anfallenden Stornokosten musste ihre Reiserücktrittskosten-Versicherung aufkommen. Diesen Vorwurf hat Dr. Jürgen Sabaß, Vorstandsvorsitzender der Europäischen Reiseversicherung, kürzlich gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt erhoben. „Viele Ärzte, die um ein harmonisches und vor allem dauerhaftes Verhältnis zu ihren Patienten bemüht sind, haben sich dem Wunsch nicht verschlossen und eine unerwartete schwere Erkrankung attestiert wie Gastroenteritis, Lumboischialgie, grippalen Infekt, Hypertonie und anderes“, behauptet Sabaß. Damit hätten sie sich allerdings strafbar gemacht, denn § 278 Strafgesetzbuch untersage das Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse.
Flugangst ist keine Krankheit
Sabaß erläutert, dass die Versicherungen einem Kunden Stornokosten für eine abgesagte Reise unter anderem dann erstatten, wenn einer der folgenden Gründe vorliege: Tod, Unfall, unerwartete schwere Erkrankung, Schwangerschaft oder Impfunverträglichkeit der versicherten Person oder einer Risikoperson. Flugangst, so verständlich sie nach dem 11. September auch gewesen sei, stelle keine unerwartete schwere Erkrankung dar.
Dass Gefälligkeitsatteste keine Ausnahme waren, belegen seiner Ansicht nach die Geschäftszahlen der Europäischen. 1999 und 2000 hatte die Gesellschaft in der Reiserücktrittskosten-Versicherung im letzten Quartal 32 785 beziehungsweise 33 879 Schäden wegen Krankheit zu regulieren. Im letzten Quartal 2001 waren es dagegen 52 494. Folge einer Seuche, Grippeepidemie oder Ähnliches sei dies nicht gewesen, so Sabaß. Die Europäische musste deshalb erstmals seit 1945 einen Verlust von knapp fünf Millionen Euro hinnehmen. Die Gesellschaft prüft derzeit, ob in einigen Fällen Strafanzeige gegen Ärzte erstattet werden kann. Ihr Vorstandsvorsitzender sagte, in Zukunft müssten wohl die Rücktrittsbedingungen erheblich verschärft und die Kontrollen ärztlicher Atteste ausgedehnt werden.
Die Europäische ist dem Umsatz bei den Rücktrittsversicherungen nach der größte der drei reinen Reiseversicherer (Europäische: 58 Prozent, Elvia: 31 Prozent, HanseMerkur: 11 Prozent Marktanteil). Auch die Konkurrenten waren jedoch von der Stornowelle nach dem 11. September betroffen.
„Wir konnten 50 Prozent mehr Rücktritte als sonst um diese Zeit verzeichnen“, erläutert Monika Reitsam-Rieger, Pressesprecherin der Elvia Reiseversicherungen. Folge: Statt des erwarteten guten Geschäftsjahrs 2001 musste die Elvia einen Verlust von rund 2,5 Millionen Euro vor Steuern hinnehmen (Umsatz: 121 Millionen Euro). Neben den Aufwendungen für die Stornierungen trifft es das Unternehmen, dass weniger neue Versicherungen abgeschlossen werden, weil sich Reisende mit Neubuchungen zurückhalten.
„Es wurden nicht nur echte Erkrankungen attestiert“, behauptet auch Reitsam-Rieger. So hätten viele Kunden, die angeblich schwer erkrankt waren, keine Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung vorlegen können oder sogar offen behauptet, so krank seien sie nicht. Was eine „unerwartete schwere Erkrankung“ und damit Anlass für einen echten Versicherungsfall ist, variiert andererseits von Fall zu Fall. Ein Schnupfen zum Beispiel sei kein Grund, nicht zu fliegen, erläutert Reitsam-Rieger – bei einem kleinen Kind könne man das aber schon anders beurteilen.
Vermutlich sei eine der Lehren aus den massenhaften Reiserücktritten nach dem 11. September, dass man die Versicherungsbedingungen konkreter fassen müsse. Dass die Elvia zum 1. Dezember ihre Prämien um durchschnittlich fünf Prozent erhöhte, war keine Konsequenz aus den Terroranschlägen. Bei dem Reiseversicherer verweist man vielmehr darauf, dass viele Veranstalter die Anzahlungen erhöht hätten. Entsprechend höher seien Stornokosten bei Rücktritten ausgefallen. Dazu kamen üppigere Sicherheitszuschläge und die Erhöhung der Versicherungssteuer um einen Prozentpunkt.
Panik bei den Kunden
„Grundsätzlich lässt sich sagen, dass zahlreiche Gefälligkeitsgutachten ausgestellt wurden“, urteilt auch Heinz-Gerhard Wilkens, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der HanseMerkur Versicherungsgruppe. Nach den Terroranschlägen hätten die Versicherten in Panik und bisher nicht bekanntem Ausmaß Reisen storniert: „Wir hatten einen um 70 bis 80 Prozent erhöhten Posteingang nach dem 11. September.“ Betroffen waren vor allem Urlaubsziele in den USA, Kanada, Ägypten, Tunesien und der Türkei.
Die entsprechenden Atteste seien häufig sehr unspezifisch gewesen, erinnert sich Wilkens. Häufige Formulierungen waren „nicht flugtauglich“ oder „akut erkrankt“. Oft seien Kleinkinder mit hoch fiebrigen Erkrankungen der (angebliche) Auslöser für einen Rücktritt gewesen. Viele Ärzte waren über Rückfragen erstaunt. Andere verstrickten sich offenbar in Widersprüche. Auch Wilkens geht davon aus, dass alle großen Reiseversicherer in Zukunft ihre Prämien deutlich erhöhen müssen.
Roland Stahl, Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), hat die Verdächtigungen gegen die Ärzte zurückgewiesen. Zwar klängen Geschäftsergebnisse wie die der Europäischen beeindruckend. Ob es einen Zusammenhang, wie von den Unternehmen behauptet, gebe, sei jedoch nicht erwiesen. Zumindest seien die Versicherer deshalb nicht an die KBV herangetreten. Sabine Rieser
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