ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2002Landschulheim Steinmühle: „Die therapieren sich hier gegenseitig“

VARIA: Bildung und Erziehung

Landschulheim Steinmühle: „Die therapieren sich hier gegenseitig“

Dtsch Arztebl 2002; 99(17): A-1178 / B-1004 / C-940

Bühring, Petra

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Meist begeistern sich Mädchen für Pferde. Fotos: Petra Bühring
Meist begeistern sich Mädchen für Pferde. Fotos: Petra Bühring
Die überschaubare Internatsschule ebnet auch
Jugendlichen in schwierigen Situationen den Weg.

Mit den Pferden lernen die Kinder ihre Grenzen kennen, von den Wutausbrüchen oder Befehlen eines launigen Teenagers lässt sich ein Pferd überhaupt nicht beeindrucken – im Gegenteil.“ Die Oberstudienrätin a.D. Johanna Buurman-Rogalla weiß, wovon sie spricht. Seit mehr als 30 Jahren gibt die Pferdewirtschaftsmeisterin ihre Liebe zu Pferden an die Schüler des Landschulheims Steinmühle bei Marburg an der Lahn weiter. Zurzeit hat die Internatsschule 35 Pferde, die privater Besitzer eingeschlossen – Pferdebesitzer aus der Umgebung schätzen die artgerechte Haltung und die großen Weideflächen.
Probleme erlebt die engagierte Reitlehrerin oft mit neu angekommenen Internatsschülern: „Das sind oft unheimliche Individualisten.“ Doch der Umgang mit den Tieren wirke meist heilsam, allerdings nur dann, wenn die Schüler freiwillig in die Ställe kommen. Der Druck der Eltern, das Angebot auch zu nutzen, sei kontraproduktiv: „Es geht um die Liebe zu diesem Sport, nicht um die Leistung.“ Beim Voltigier-Kurs wird dieser Grundsatz von Johanna Buurman-Rogalla deutlich: Obwohl die Fähigkeiten der Kinder, auf ein gallopierendes Pferd zu springen, sehr unterschiedlich sind, ist keine Konkurrenz spürbar. Im Gegenteil: Die Fortgeschrittenen helfen den Anfängerinnen. Überraschende Wandlungen im Verhalten hat sie bei denjenigen erlebt, die die Patenschaft für ein „auf der Steinmühle“ geborenes Fohlen übernommen haben: Gerade die Einzelkinder lernen zum ersten Mal Verantwortung zu übernehmen.
Die meisten Pferdebegeisterten sind Mädchen. Gibt es einen Grund dafür? „Sie versuchen, sich bei den Pferden Liebe zu holen.“ Die meisten Reitschülerinnen der Steinmühle bleiben jedoch auch über den ersten Freund hinaus den Pferden treu. Reitbeteiligungen an Privatpferden, Reitabzeichen und Turniere sind ein großer Anreiz.
Das Landschulheim Steinmühle – auf dem Gelände befindet sich eine restaurierte Steinmühle, deren Geschichte sich bis ins 12. Jahrhundert zurück verfolgen lässt – ist ein staatlich anerkanntes Gymnasium in freier Trägerschaft, in dem rund 480 Schüler unterrichtet werden. Bis zu 100 von ihnen leben in den Internatshäusern auf dem weitläufigen, an der Lahn gelegenen Gelände. Das Familienunternehmen ist Mitglied der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime (LEH), die sich den reformpädagogischen Ideen von Herrmann Lietz verbunden fühlt: Internatsschulen, die bewusst auf dem Land liegen, die für Lernen „mit Kopf, Herz und Hand“ stehen und die ein „Heim“ bieten wollen.
Viele der Internatsschüler – meist zwei Drittel Jungen – kommen mit Lernschwierigkeiten oder defizitärer Sozialkompetenz in die Steinmühle. Die Erzieher Sascha Buurman und Boris Schneider helfen den Jungen der 11. und 13. Klasse eigenverantwortlich und rücksichtsvoll in der Gemeinschaft zu leben. Sie leiten jeweils eines der sechs Internatshäuser für acht bis 15 Schüler – und wohnen selbst darin. „Die Jungs therapieren sich hier gegenseitig“, sagt Schneider, „danach haben die meisten keine Probleme an der Universität oder in einer Wohngemeinschaft zurecht zu kommen“. Doch bis dahin müssen die selbst erst 30-jährigen Hausleiter darauf achten, dass die jungen Männer „nicht bis spät in die Nacht hinein Halligalli machen“ oder rücksichtslos die Musik aufdrehen, wenn andere lernen wollen. „Einige kommen mit der Haltung her, dass alles möglich ist“, sagt Buurman, „bei uns ist vieles möglich, wenn man gelernt hat, im Team zu leben“: Rudern auf der Lahn zum Beispiel, Fußball, Klettern, Schwimmen, Kickboxen oder Tennis; zwei Sport-AGs in der Woche sind für die Jungen obligatorisch. Beliebt ist auch die Teestube, die die Schüler zum Teil selbst verwalten und in der kleinere Aufführungen der Musik- und Rollenspiel-AGs gezeigt werden.
Das in der Jahrgangsstufe sieben verpflichtende „Sozialpraktikum“ zeigt, dass das Landschulheim Steinmühle auf soziales Lernen Wert legt. Eine Woche lang gehen die Schüler in Altenheime, Behinderteneinrichtungen oder integrative Kindergärten in Marburg; im Sozialkundeunterricht wird die Hospitation vor- und nachbereitet. „Die Begegnung mit alten Menschen und Behinderten ist eine Erfahrung, die im Unterricht allein über den Verstand nie gemacht werden könnte“, erklärt der pädagogische Schulleiter der Ganztagsschule, Michael Prötzel (siehe auch Textkasten im Artikel „Längst überfällig“). Die Schüler berichten von interessanten, schönen, aber auch traurigen Erlebnissen. Viele glauben, die Probleme alter und behinderter Menschen danach besser verstanden zu haben. Eine Schülerin: „Das Problem sind nicht die Behinderungen, ich glaube, es liegt bei uns, den so genannten Normalen und unserer Einstellung.“ !
Zum Konzept „Soziales Lernen“ des Gymnasiums gehört auch, dass in der letzten Stunde freitags, die Kinder „die Woche Revue passieren lassen“, wie Prötzel formuliert. Gewählt wird dabei jeweils ein „Klassenpräsident“, der die Diskussion moderiert. Das ist nötig, damit „die Dinge nicht unter den Teppich gekehrt werden“ und alle unbeschwert ins Wochenende gehen können. Petra Bühring

Weitere Informationen:
Landschulheim Steinmühle,
35043 Marburg-Cappel,
Steinmühlenweg 21,
Telefon: 0 64 21/40 88, Fax: 4 08 40,
E-Mail: internat@steinmuehle.de, www.steinmuehle.de
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