ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2002Ganztagsschulen in Deutschland: Lange überfällig

VARIA: Bildung und Erziehung

Ganztagsschulen in Deutschland: Lange überfällig

Dtsch Arztebl 2002; 99(17): A-1180 / B-1006 / C-942

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Ganztagsschule trifft nicht erst seit der PISA-Studie auf gesellschaftliche Zustimmung. Doch die Umsetzung verläuft zögernd und konzeptlos.

Skeptisch ist der Verband Bildung und Erziehung (VBE), ob die Einführung der Ganztagsschule (GTS) in Deutschland „tatsächlich als Joker nach PISA taugt“. Die GTS in den Ländern, die in der PISA(Programme of International Student Assessment)-Studie wesentlich besser abgeschnitten haben als Deutschland, seien anders aufgebaut als die, die in den meisten Bundesländern entstehen sollen, gab Johannes Müller, Landesvorsitzender Rheinland-Pfalz des Lehrerverbandes während der Bildungsmesse in Köln zu bedenken.
Der VBE in Rheinland-Pfalz muss sich zurzeit verstärkt mit dem Thema auseinandersetzen, seit Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) Anfang 2001 den „bildungspolitischen Quantensprung“ verkündete: den flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz. Das heißt, dass 20 Prozent aller Schulen (300 Schulen) ab dem Schuljahr 2002/2003 in GTS umgerüstet werden sollen. 50 Millionen Euro will die Landesregierung dafür jährlich bis 2006 zur Verfügung stellen. Vorgesehen sind rund 1 000 Neueinstellungen von Lehrern, pädagogischen Fachkräften und Betreuern, deren Kosten das Land übernimmt. Die Schulträger, die Kommunen, sollen unter anderem die räumlichen und sachlichen Investionen bezahlen.
Müller befürchtet, dass die finanzschwachen Kommunen nicht bereit sein werden, für zusätzliche Räume und Küchen aufzukommen. Auch wird es schwierig – bei dem derzeitigen Lehrermangel – zusätzliche Lehrkräfte zu finden. Die Neueinstellungen dürfen nicht zulasten anderer Schulen gehen, und Lehrer dürften nicht durch „Hilfskräfte“ ersetzt werden, fordert Müller. Die Lehrer in Rheinland-Pfalz fürchten außerdem die Erwartungshaltung der Eltern: „Nehmen wir Eltern die Erziehung weg?“ GTS sei sinnvoll in sozialen Brennpunkten, „als Ersatz bei kaputten Familien und für Schlüsselkinder“ – solange Lehrer die schulische Betreuung von acht bis 16 Uhr immer noch als die schlechtere Alternative zur häuslichen Betreuung ansehen, werden sie Schülern nur schwer vermitteln können, warum sie auch nachmittags in der Schule bleiben sollen. Das „Problem mit der Freiwilligkeit“ sieht Müller auch, ab der siebten Klasse hätten die Schüler „oft keine Lust mehr“, an den Nachmittagsangeboten teilzunehmen. Eine verpflichtende Teilnahme erscheine daher sinnvoller als ein offenes Modell.
Rheinland-Pfalz brachte den Stein ins Rollen, die PISA-Studie versetzte ihm einen zusätzlichen Stoß – inzwischen haben die meisten Parteien, die GTS als Teil einer „familienpolitischen Offensive“ zum Wahlkampfthema gemacht. Sie stoßen auf breite gesellschaftliche Zustimmung: Immer mehr berufstätige und allein erziehende Eltern wollen oder müssen Beruf und Familie vereinbaren. Nach einer Studie des Instituts für Schulentwicklungsforschung, Dortmund, befürworten fast 50 Prozent der Bürger die Einrichtung zusätzlicher GTS. Derzeit bieten nach Angaben der Kultusministerkonferenz der Länder bundesweit gerade 2 015 von 42 433 allgemeinbildenden Schulen Ganztagsbetreuung an. Die meisten davon sind Sonderschulen (655), gefolgt von Gesamtschulen (431) und Hauptschulen (334). Die wenigen GTS können sich vor Bewerbungen kaum retten.
Unterschiedliche Konzepte in den Ländern
Einige Bundesländer folgen dem Beispiel Rheinland-Pfalz – mit sehr unterschiedlichen Konzepten: Niedersachsen will die GTS für die Sekundarstufe I in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Baden-Württemberg will ausschließlich die Hauptschulen in sozialen Brennpunkten auf 170 ausbauen. Die bayerische Landesregierung hingegen plant einen Schulversuch mit Ganztagsgymnasien, die die Schüler in acht statt neun Jahren zum Abitur führen sollen. Bayern hat im Bundesvergleich die meisten Ganztagsschulen, diese sind jedoch in privater Trägerschaft. Hamburg will jährlich drei GTS ab Klasse 5 nach einer „sozialen Prioritätenliste“ zusätzlich einrichten.
Unterstützung aus der Wirtschaft
Die positiven Stellungnahmen mehren sich: Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hat sich für mehr GTS ausgesprochen, weil die Wirtschaft mehr Frauen als qualifizierte Arbeitskräfte benötigt. Ein ausreichendes Ganztagsangebot an Betreuung und Bildung von der Geburt bis zum zwölften Lebensjahr hält Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Dr. Christine Bergmann „im Interesse der Kinder und ihrer Eltern für unverzichtbar“. Dies soll „schrittweise ausgebaut werden“. Damit soll zudem die Neigung der Frauen erhöht werden, Kinder zu bekommen, denn auch bei der Geburtenrate liegt Deutschland im europäischen Vergleich auf einem der letzten Plätze. Das von der Bundesregierung initiierte „Forum Bildung“ schreibt der GTS „beim Fördern von Begabungen wie auch beim rechtzeitigen Abbau von Benachteiligungen“ eine besondere Bedeutung zu.
Stefan Appel, Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes e.V., Kassel, und Direktor der dortigen Schule Hegelsberg, einer offenen GTS mit 900 Schülern, hält die Entwicklung zur Ganztagsschule für „längst überfällig“. Neben gesellschaftspolitischen Gründen, sei es mit der Lernphysiologie eines Kindes nicht vereinbar, „sich fünf bis sechs Stunden hintereinander im 45-Minuten-Rhythmus mit Informationen vollstopfen zu lassen“. Jede GTS müsse ein individuelles pädagogisches Konzept entwickeln können. GTS sollte mehr sein als ein Mittagessen und nachmittägliche Aufbewahrung.
Der VBE Rheinland-Pfalz will für den Schulstart nach den Sommerferien mit Sportvereinen, Musikschulen, Kirchen und anderen „außerschulischen Bildungsträgern“ kooperien, um eine sinnvolle Tagesstrukturierung zu gewährleisten. Petra Bühring

„Ein ausreichendes Ganztagsangebot an Betreuung und Bildung von der Geburt bis zum 12. Lebensjahr ist im Interesse der Kinder und ihrer Eltern
unverzichtbar.“
Dr. Christine Bergmann,
Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin
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