ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2002Psychoanalyse und Gesellschaft: Medialer Narzissmus

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Psychoanalyse und Gesellschaft: Medialer Narzissmus

Dtsch Arztebl 2002; 99(18): A-1208 / B-1032 / C-964

Bühring, Petra

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LNSLNS Identität und Identitätsprobleme waren
ein Leitthema der 52. Lindauer Psychotherapiewochen

Die Psychotherapie muss den Trend zur Individualisierung bremsen.“ Handeln dürfe kein solistisches Unterfangen sein, sondern müsse immer im sozialen Kontext stehen. Das Streben vieler nach Selbstverwirklichung bezeichnete Dieter Thomä, Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen, sogar als „Krankheitserreger“. Diejenigen seien bestrebt, Anforderungen von außen nur dann anzunehmen, wenn sie ihrer Selbstverwirklichung dienten. Dabei gingen sie davon aus, dass das Selbst noch nicht wirklich beziehungsweise abwesend sei. „Es ist eine Idee ohne jeden Reiz, sein Selbst noch nicht zu haben.“ Natürlich seien Träume und selbst gesteckte Ziele im Leben notwendig, doch die Abkehr vom Streben nach Selbstverwirklichung hält Thomä für dringend erforderlich.
„Der bewegliche Mensch – moderne Identität aus philosophischer Sicht“ war das Thema des Vortrags, den der Schweizer Philosoph zur Eröffnung der 52. Lindauer Psychotherapiewochen vom 14. bis 26. April hielt. Identität und Identitätsprobleme waren das Leitthema der 114 Vorlesungen, Seminare und Übungen in der ersten Woche. Rund 3 000 Ärzte und Psychologen (davon 2 008 Ärzte) hatten sich auf der Bodensee-Insel eingefunden, um sich fort- und weiterzubilden.
Ständig neu zu konstruierende Identität
Die Identität des modernen Menschen habe sich im Wesentlichen in einem „dramatischen Kontext“ gebildet, erläuterte Thomä. Dramatische Identität bedeute, ein Verständnis für Rollen und Anforderungen der unterschiedlichen sozialen Settings zu besitzen. Der moderne Mensch bewege sich selbstbewusst im sozialen Kontext und könne sich sozusagen in Szene setzen. Andererseits könne diese ständig wechselnde Identität, die je nach Situation neu konstruiert oder wie eine Rolle gespielt werden muss, zu einem Prozess führen, der das innere Selbst auflöst, befürchtet die Berliner Psychoanalytikerin Prof. Dr. phil. Eva Jaeggi. Identität heute werde konstruiert zwischen dem „inneren Selbst“ und einem „Chor von Stimmen“, angestimmt von den Medien, der Arbeitswelt, der Familie, Ideologien oder Religionen. Die Fülle der Stimmen mache es immer schwieriger, die eigene Stimme zu finden. „Wir haben das Gefühl, die Anforderungen von außen haben nichts mit uns zu tun.“
Thomä betrachtet den Jugendkult vieler Erwachsener – in der Terminologie Jaeggis hätten die Stimmen der Medien, die jugendliche Körper idealisieren, überhand genommen – als Ursache für die Identitätsprobleme von Jugendlichen. Wenn Erwachsene und vor allem Eltern sich selbst verleugneten, gerieten Jugendliche in Verlegenheit: „Sie wissen nicht, wo sie ankommen sollen.“ Ein großes Problem sei, dass die westliche Gesellschaft „bei den Übergangsritualen ins Stottern gekommen ist“. Identität ist nach Thomäs Ansicht zum „Spielball medialer Welten“ geworden. Deutlich werde dies auch im Vormarsch der Biowissenschaften, die Lifestyle-Medikamente beforschen, um den jugendlichen Körper zu kultivieren. Oder in dem dramatischen Ausmaß, in welchem in den USA und in Südamerika Schönheitsoperationen zugenommen haben; die betroffenen Frauen handelten nicht mehr selbstbestimmt. Der Philosoph bezeichnet die Offensive des Physischen, die im Gegensatz zu früher einen deutlich höheren Stellenwert erlangt hat, als „natural turn“.
„Video(r) ergo sum (weil ich gesehen werde, bin ich)“ betitelte der Psychoanalytiker Dr. rer. med. Martin Altmeyer, Frankfurt, seinen Vortrag. Er betrachtet die zunehmende mediale Erzeugung von Identität – die „öffentliche Inszenierung des Selbst“ in den grassierenden Talk- und Reality-Shows – kritisch. Fernsehformate wie „Big-Brother“ im vergangenen Jahr erhielten deshalb solchen Zulauf (70 000 Personen haben sich für die zweite Staffel beworben, die mehr als drei Millionen Zuschauer sahen), weil sie normalen Menschen ermöglichten, sich zu zeigen. Big Brother war ein interaktives Ereignis, bei dem – im Spiegel von Fernsehen und Internet, auf die interessierte Zuschauer reagierten – aus anonymen Teilnehmern neue Stars der Jugend geschaffen wurden. „Einen Zladko hat es vorher nicht gegeben“, sagt Altmeyer.
Der Blick in die Kamera sei für die Teilnehmer der Beweis ihrer Existenz gewesen, hätte ihnen erst zu einer Identität verholfen. Dieser „mediale Narzissmus“ drücke im Grunde Sehnsucht nach Anerkennung und Wahrnehmung aus. Altmeyer verweist zur Bestätigung seiner These auf die Äußerungen des Kinderarztes und Psychoanalytikers Donald W. Winnicott zum primären Narzissmus: Der Säugling ist auf das lächelnde Gesicht der Mutter angewiesen, wenn er eine Ahnung davon erhalten will, wer er ist; das Gesicht bildet den Spiegel, in dem er sich erkennen kann – videor ergo sum. In der Postmoderne sei die Diagnose der narzisstischen Persönlichkeit fast schon der Normalfall, sagt Altmeyer und fragt, ob nicht eine neue Zeitdiagnose nötig wäre. Denn die sozialen Veränderungen hätten in der Psychopathologie zu einem Strukturwandel geführt, der Ursache für einen Symptomwandel sei. Schließlich hätten Identitätsprobleme Sexualität als Ursache für psychische Störungen abgelöst. Petra Bühring


Die nächsten Lindauer Psychotherapiewochen, die von der Vereinigung für psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung e.V. veranstaltet werden, finden vom 12. April bis zum 26. April 2003 in Lindau am Bodensee statt. Leitthema der ersten Woche: „Kindheit hat Folgen“; zweite Woche: „Lebensthemen und Lebenssinn“. Auskünfte erteilt das Organisationsbüro, Platzl 4 A, 80331 München, Telefon: 0 89/29 16 38 55, E-Mail: info@lptw.de, Internet: www.lptw.de
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