ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2002Flächendesinfektion im Krankenhaus: Eine unverantwortliche Verschwendung

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Flächendesinfektion im Krankenhaus: Eine unverantwortliche Verschwendung

Dtsch Arztebl 2002; 99(18): A-1215 / B-1013 / C-946

Marget, Walter

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LNSLNS Beim Streit der Hygieniker um die angemessene Desinfektion in Kliniken wird nach Ansicht des Autors nicht berücksichtigt, dass die geforderten – aber wissenschaftlich unbewiesenen – Maßnahmen kostenintensiv und umweltschädigend sind.

Die deutschen Empfehlungen zur Hygiene im Krankenhaus finden international keine Beachtung. Foto: dpa
Die deutschen Empfehlungen zur Hygiene im Krankenhaus finden international keine Beachtung. Foto: dpa
Man kann Klaus Koch nur beglückwünschen, dass er die leidige Auseinandersetzung um die Flächendesinfektion in Krankenhäusern zwischen Prof. Daschner, Prof. Exner, Prof. Kramer, Dr. Zastrow und andere auf beeindruckende Weise auf einen Punkt gebracht hat (DÄ, Heft 28–29/ 2001, „Auseinandersetzung mit harten Bandagen“). Die ganze Diskussion ist umso erstaunlicher, weil sie sich schon seit Jahrzehnten sozusagen als „innerdeutsche Angelegenheit“ hinzieht.
Bereits 1977 kam der renommierte deutsche Hygieniker Joachim Boneff anlässlich eines internationalen Workshops zu dem Schluss: „Thus you might dispense with surface disinfection and replace it just by an intensive cleaning.“ (l) Über die Vorgeschichte dieses meines Erachtens überflüssigen Meinungsstreites darf ich hier zum besseren Verständnis einige wesentliche Fakten in Erinnerung bringen: Die Anfänge einer systematischen, patientenorientierten Krankenhaushygiene sind erheblich älter als Dr. Zastrows Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene und die in den letzten Monaten aufgetauchten Attacken.
Diese fanden den Weg erst zur Tagespresse, nachdem die Referenzzentren von Prof. Rüden in Berlin und von Prof. Daschner in Freiburg eingerichtet wurden und vor allem der vom Bundespräsidenten verliehene Umweltpreis an Prof. Daschner ging. Meines Erachtens wäre es besser gewesen, wenn sich die Herren, denen die speziellen deutschen Flächendesinfektionsmethoden, die ihnen so am Herzen liegen, schon früher internationalen Tagungen oder in der internationalen Literatur den Kollegen anderer Länder gestellt hätten, dann wäre uns viel erspart geblieben.
Ein weitgehender Konsens bestand schon praktisch seit zwei Jahrzehnten, wie die größte Zeitschrift für nosokomiale Infektionen „Infection Control and Hospital Epidemiology“ (USA) belegt. Von einer „totalen“ Flächendesinfektion war dort nie die Rede. Dies war offenbar kein wissenschaftlicher Diskussionsgegenstand für den über Jahrzehnte verantwortlichen „Editor-in-Chief“, den international führenden Hospitalinfektiologen R. Wenzel.
Empirisch-praktische Lösung
Die Kommission, die sich bei uns mit der Bekämpfung der Krankenhausinfektionen befasst, besteht seit Anfang der 70er-Jahre – erst als Bundesgesundheitsamt, später als Robert Koch-Institut. Sie war rein zahlenmäßig von einer Gruppe Desinfektionsenthusiasten hoffnungslos dominiert, sodass keine Aussicht bestand, dass die andere Seite, der auch einige wenige klinische Infektiologen – unter anderem auch Prof. Daschner und ich – angehörten, sich durchsetzen konnten.
Es entspricht den Tatsachen, dass sich bis 1988 große Teile der Kommissionsmitglieder nicht einmal der Mühe unterzogen, die gängige Literatur zu Rate zu ziehen und Beschlüsse angesichts dieser Kommissionszusammensetzung oft lediglich durch „freihändige“ Abstimmung gefallen sind. In diesem Zusammenhang ist folgende Zusammenstellung aufschlussreich: Mit der Broschüre „Bakterielle nosokomiale Infektionen“ (2) befassten sich 1986 international führende Hospitalhygieniker, davon vier aus den USA.
Daschner berichtete in seinem Beitrag über eine europäische Umfrage
(S. 72, Tab. 6), in der sieben europäische Länder aufgeführt waren. Während die deutschen Empfehlungen auf mehr als 100 Desinfektionsmaßnahmen wöchentlich an allen festen Gegenständen und anderen Utensilien hinausliefen, benötigten die anderen europäischen Staaten nicht mehr als circa 20. Ihre Hospitalinfektionsraten waren keineswegs höher als unsere. Es handelte sich also um ein seltsames Missverhältnis des scheinbar notwendigen Aufwandes.
Anfang der 70er-Jahre, als die Bundesrepublik noch bei der Bekämpfung der nosokomialen Infektionen im Tiefschlaf lag, soweit dies die systematisch kontrollierte Hygiene in der Klinik betraf, wurde von unserer Abteilung in München unter maßgebendem Anteil von Daschner erstmals in der BRD mit einer dreijährigen Pilotstudie begonnen. An vier großen süddeutschen Kliniken (Universität Freiburg, Universität Tübingen, Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart und Dr. von Hauner'sches Kinderspital München)* wurde die Studie nach dem Muster der amerikanischen Centers of Disease Control and Prevention (CDC, Atlanta) durchgeführt.
Hierzu wurden fünf Schwestern und Daschner in normalen amerikanischen Ausbildungskursen für Hospitalhygiene in Atlanta geschult und erhielten ausnahmslos das entsprechende Zertifikat für die bestandene Abschlussprüfung. Anschließend wurden die Hygieneschwestern noch acht Wochen in amerikanischen Kliniken eingearbeitet. Unsere Erfahrungen nach ihrem dreijährigen Einsatz bei uns wurden in einer Broschüre von W. Sirch (3) niedergelegt. In den betreffenden Kliniken wurde weitgehend nach CDC-Muster gearbeitet,
Die Feststellung in der Zeitschrift „Hygiene und Medizin“, dass Daschner nicht als wissenschaftlich ausgewiesener Experte für Desinfektionsmittelwirkungen im medizinischen Bereich anzusehen ist, mag richtig sein. Aber aufgrund seiner infektionologischen Tätigkeit und seiner Publikationen gilt er – zumindest international – als Experte für Hospitalinfektionen (l).
Alles, was wir heute über die Flächendesinfektion wissen, hat nur eine empirisch-praktische Lösung parat, nämlich die Fächendesinfektion auf das internationale Maß der Erfahrungen zu beschränken. Ein wissenschaftlich nachprüfbarer Nachweis über den Sinn der geforderten Maßnahmen im klinischen Bereich erfordert ein aufwendiges und vielschichtiges Design und ist bis jetzt nicht durchgeführt worden.
Diese Auseinandersetzung hat meines Erachtens nichts mit einer wissenschaftlichen Pattsituation zu tun, denn international finden die deutschen Empfehlungen keine Beachtung und werden auch nicht zitiert. Wie Prof. Andreas Widmann (Basel) äußert, entsprechen die Daschnerschen Empfehlungen der Praxis in den USA, der Schweiz, den Niederlanden und anderen Ländern. In Deutschland sind die multiresistenten Keime von drei auf 15 Prozent gestiegen. In der Schweiz liegen sie bei vier Prozent.
Die deutschen Auseinandersetzungen über den Abusus einer Flächendesinfektion wären unerheblich, wenn die Präparate nicht zum Teil im Abwasser stabil wären. Geschadet wird im Krankenhaus natürlich niemandem, solange keine Allergie auftritt. Es gibt also bei uns tatsächlich größere Krankenhausprobleme.
Allerdings ist die andere Seite der Medaille beachtenswert: Denn es gibt aufgrund zuverlässiger Angaben, die leicht nachprüfbar sind, zurzeit bei uns 454 Flächendesinfektionsmittel. Diese Zahl steht im krassen Gegensatz zu den wenigen Flächendesinfektionsmitteln, die in den anderen hoch zivilisierten Ländern benötigt werden. Der Luxus wird letztendlich von den Patienten bezahlt, und zwar indirekt über die Krankenkassen. Für jedes dieser Präparate müssen zwei Gutachten zum Preis von circa 9 000 Euro eingereicht werden, also circa 8 Millionen Euro – abgesehen davon, dass dieses Desinfektionsarsenal auch exzessiv in den Kliniken angewendet wird (siehe oben).
Für dieses Vorgehen kann sich meines Erachtens ein seriöser Hygieniker nicht ernstlich einsetzen, denn zusätzlich kommen noch für jedes Präparat alle drei Jahre circa 850 Euro für die Verlängerung der Zertifikate hinzu. Diese circa 386 000 Euro gehen auch noch in den Verkaufspreis ein. Es wird mit einer Hygienemaßnahme, deren Wert bis heute noch zu beweisen ist, eine unverantwortliche Verschwendung angesichts der heutigen Kalamitäten im Gesundheitswesen betrieben.

Literatur
1. Proven and Unproven Methods In Hospital Infection Control. Edited by Daschner F; Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, New York, 1977, Seite 66.
2. Bakterielle nosokomiale Infektionen. Herausgeber Krasemann C und Marget W; Walter de Gruyter Verlag, Berlin, New York, 1986.
3. „Hospitalinfektion: Verhütung, Kontrolle und Bekämpfung“. Sirch W; Urban und Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore, 1980.

Prof. Dr. Walter Marget
Mathildenstraße 5 e
82319 Starnberg
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