ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2002Disease Management: Schöne neue Medizinwelt

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Disease Management: Schöne neue Medizinwelt

Dtsch Arztebl 2002; 99(18): A-1217 / B-1041 / C-973

Böhmeke, Thomas

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LNSLNS Schweißnass schrecke ich auf. Messergleich brennt sich ein höllischer Schmerz durch meinen Brustkorb. Herzinfarkt! denke ich, haste zum Telefon und finde trotz meiner Panik eine Nummer, die rasche Rettung verspricht: das St. Franziskus-Hospital zu Köln. Und ich bin zutiefst dankbar, dass sich sofort eine freundliche weibliche Stimme meldet, die sich als Call-Center-Agentin ausgibt und sich detailliert nach meinen Beschwerden erkundigt.
„Herzinfarkt!“ rufe ich, in Hoffnung auf schnelle professionelle Hilfe.
„Nicht so hastig junger Mann“, meint die Agentin und erkundigt sich nun explizit nach Art der Beschwerden, Dauer, Alter, Zigaretten, Familie, Urin . . .; immer noch auf Hilfe hoffend, gebe ich bereitwillig Auskunft, aber das Misstrauen wächst.
„Sie haben ein relatives Risiko von nur 0,5 Prozent, einen Herzinfarkt zu erleiden“, wird mir fröhlich mitgeteilt. „Nehmen Sie 100 mg Acetylsalicylsäure ein, und werden Sie in zwei Wochen wieder vorstellig, falls die Beschwerden weiter bestehen.“
Gerade kann ich noch verhindern, dass der fröhliche Telefonhörer meine Verbindung zur Außenwelt kappt: „Was ist mit einem EKG?“
Die Stimme wird nun deutlich kühler: „Aufgrund der niedrigen Vortestwahrscheinlichkeit hat das EKG keine statistisch signifikante Aussagekraft!“
„Ja, gibt es denn keinen Notarztwagen?“
„Aufgrund der verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit eines in Kürze letal verlaufenden Myokardinfarktes ist bei Ihnen der Einsatz eines Notarztwagens außerhalb jeder Kosten-Nutzen-Relation.“
„Und Herzkatheter?“ Pampig: „Von Ihrer Sorte bräuchten wir 698 Stück, um einmal zwanzig Lebensjahre zu verlängern, die uns dann 150 000 Euro kosten.“
Jetzt bekrabbeln sich meine letzten Lebensgeister, und ich schreie in den Hörer: „Ich brauche einen Arzt!“ Zack! Die Leitung ist tot.
Das brennende Messer in meinem Brustkorb lässt den Ärger über die Agentin in den Hintergrund treten, mit letzter Kraft fahre ich mit dem eigenen Auto das nächste Krankenhaus an. Statt der erwarteten grummeligen Nachtschwester bekomme ich von einer freundlichen Sekretärin ein digitales Tableau überreicht: Einwände sind zwecklos, ich soll die Fragen beantworten. Zunächst dasselbe wie bei der Agentin: Rauchen, Familie, Urin und Krankenkassenstatus, dann will der Computer genau meine Beschwerden wissen. Mir wird es zu bunt, ich will einen Arzt sprechen.
Nach wiederholtem Insistieren wird mir ein Disease Manager vorgestellt. Der klärt mich darüber auf, dass bereits während meiner Antworten die Vortestwahrscheinlichkeiten der infrage kommenden Diagnosen errechnet wurden und die für mich infrage kommenden diagnostischen und therapeutischen Schritte entsprechend meinen bisherigen Krankenkasseneinzahlungen, meinem Alter, meinem Risikoprofil ermittelt wurden. Ich soll 100 mg ASS nehmen und in zwei Wochen wieder kommen. Ich will ein EKG! Beharrlich und unnachgiebig klärt mich mein Gegenüber darüber auf, dass ich nach den Verträgen mit der Krankenkasse keinerlei Anspruch darauf hätte. Ich möchte wenigstens ein Schmerzmittel. In prospektiv randomisierten Studien sei aber nicht belegt, dass die Gabe eines Analgetikums mit einem prognostischen Gewinn einhergeht, werde ich belehrt. Das steigert meine Angriffslust: „Wenn ich jetzt tatsächlich einen Herzinfarkt habe und diverse Komplikationen erleide, mache ich Sie dafür haftbar.“ Auch dieser Einwand lässt mein Gegenüber völlig ungerührt. Diagnostische und therapeutische Maßnahmen, die außerhalb evidenzbasierter Richtlinien lägen, sind nicht einklagbar. Ich gebe auf, o. k., o. k., ich will ein EKG, ich will einen Herzkatheter, ich werde alles selbst bezahlen. Ein großes Leuchten geht auf dem Gesicht meines bisher so verschlossenen Gegenübers auf, und er reicht mir freudestrahlend einen Behandlungsvertrag über den Tisch.
Schweißnass schrecke ich auf, ein schneidender Schmerz brennt durch meine Brust. Geistesgegenwärtig ruft meine Frau den Notarzt an.
„Das ist vielleicht ein komischer Vogel“, meinte der Dienst habende Notarzt zu der Aufnahmeschwester, „als ich den in das Franziskus-Hospital fahren wollte, ist er völlig durchgedreht und hat mit Selbstmord gedroht, falls ich ihn dort abliefere.“
„Stimmt, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“, antwortete die Schwester. „Mir wollte er beim EKG-Schreiben fast die Füße küssen. Also wirklich wahr, aus den Patienten wird man nie schlau.“
Dr. med. Thomas Böhmeke
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