ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2002Plattenepithelkarzinome des Kopf-Hals-Bereichs: Schlusswort
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wir danken für die zahlreichen Kommentare zu unserer kontrollierten klinischen Studie mit einem normierten Viscumextrakt bei Kopf-Hals-Karzinomen. Zum Kommentar von Herrn Dr. Cramer: Das Präparat Plenosol von Madaus wird nicht mehr vertrieben und wurde durch Lektinol ersetzt. Somit liegen mir keine Erfahrungen mit diesem Präparat vor. Es wäre im Rahmen dieser klinischen Studie aber auch nicht möglich gewesen, für jeden Patienten die individuelle Schwellendosis zu bestimmen. Alle Patienten erhielten ein identisches Behandlungskonzept. Der Stellungnahme von Herrn Dr. Cramer entnehmen wir weiter, dass onkologisch ausbehandelte Patienten in seiner Praxis Plenosol erhielten und sich deren Zustand dann über Monate und Jahre stabilisierte. Aufgrund solcher beeindruckender Erfahrungsberichte sowie den vorliegenden Grundlagenversuchen zu dem normierten Extrakt Eurixor wurde die Studie initiiert. Wir sind davon ausgegangen, dass positive Effekte auch oder gerade bei R0-resezierten Tumoren hätten gesehen werden müssen, wenn in fortgeschrittenen Stadien eine „stable disease“ erreicht wird. Plenosol, Eurixor und Lektinol wurden beziehungsweise werden aus dem gleichen Pappelmistelextrakt hergestellt. Die angewandte Dosierung wurde genau auf den Seiten 2589 und 2590 beschrieben. Bezüglich der Stellungnahme von Herrn Dr. Struck möchten wir zunächst auf den Vorwurf der fehlenden Vorurteilsfreiheit eingehen. Die Studie wurde 1992 entsprechend dem damaligen Forschungsstand geplant und 1993 begonnen. Keiner der beteiligten Ärzte hatte bis zur Präsentation der Endergebnisse im November 1999 Zugang zu den Daten, die extern im Institut für Medizinische Statistik und Epidemiologie der TU gesammelt wurden. Bis auf das on-site-Monitoring entspricht die Studie damit GCP-Kriterien. Wir denken, dass in der heutigen Zeit gesundheitsökonomische Aspekte diskutiert werden dürfen, insbesondere bei Therapieverfahren mit bisher nicht verifizierter Wirksamkeit. Zu Herrn Dr. Hager: Die Tabellierung der Endergebnisse entspricht in übersichtlicher Darstellung den beiden durchgeführten Studienprojekten sowie der bekannten Tumorbiologie von Kopf-Hals-Plattenepithelkarzinomen. Zur Nomenklatur ist anzumerken, dass es sich bei „T1 bis T4“ um die Größe des Primärtumors und nicht um das Tumorstadium handelt (1). Dieses wird mit „I bis IV“ klassifiziert und subsummiert die Größe des Primärtumors sowie den Halslymphknotenstatus. Bei keinem der beiden Studienprojekte resultierten signifikante Effekte zugunsten der Mistelgruppe. Die Signifikanz ist statistisch klar definiert. Die Aufteilung in die beiden Studienprojekte Operation sowie Operation und Radiatio (mit „Hochrisiko- und Niedrigrisikofällen“) wurde bei unterschiedlichen 5-Jahres-Überlebensraten vorgenommen. Operation ohne/mit postoperativer Radiatio sind die weltweit anerkannten Therapiekonzepte bei dieser Tumorentität. Bei Tumoren mit sehr schlechter Prognose ist nicht die Radiatio für diese verantwortlich. Das beschriebene Therapiekonzept wurde entsprechend (2, 3) gewählt. Es gab und gibt weiterhin keine Studien, die belegen, dass Therapieunterbrechungen nicht vorgenommen werden können. Die Firma Weleda gibt Therapieempfehlungen für völlig unterschiedliche Iscador-Aufbereitungen an (vgl. Tabelle 1). Die Anzahl auswertbarer Patienten entsprach genau den Vorgaben der Fallzahlplanung. Die Fallzahl ist damit nicht, wie suggeriert wird, zu gering und der als klinisch relevant angesetzte Unterschied liegt im üblichen Rahmen onkologischer Therapieoptimierungsstudien. Bei zufällig ausgewählten Patienten, die verblindet analysiert wurden, waren ML-1-Antikörper bei sämtlichen Patienten, die Eurixor erhielten, feststellbar. Im Rahmen der Nachuntersuchungen war zudem genau eruiert worden, ob und welche Therapie zusätzlich eingeleitet worden war beziehungsweise ob regelmäßig die Injektionen vorgenommen worden waren. Es ist bisher nicht belegt, dass die Anwendung eines Mistelextraktes zwingend zu einer Veränderung von Immunparametern und der Lebensqualität führt. Wenn dies so wäre, müsste zumindest aufgrund der Verbesserung der Lebensqualität jedem onkologischen Patienten „Mistel“ gegeben werden – es fragt sich nur, welches Präparat. Eine Immunmodulation unter Therapie ist bisher nicht definiert. Zu Herrn Dr. Weckemann: Auch wenn die Veröffentlichung von Grossarth-Maticek et al. 1992 bekannt gewesen wäre, wären Studienprotokoll, -durchführung und andere Parameter sicherlich nicht geändert worden. Zudem besitzt diese Studie statistisch gesehen erhebliche Mängel. Wir denken, dass der Begriff der Selbstregulationsgrade eher schwach definiert ist. Wir haben unsere Ergebnisse weder auf andere Tumorentitäten, noch auf andere Dosierungsschemata verallgemeinert. Die Überschrift auf dem Titelblatt musste leider so kurz sein, was die Autoren auch zu Diskussionen mit den Verantwortlichen veranlasst hat. Zu Frau Dr. und Herrn Prof. Gabius: Die genannten aktuellen Daten müssen sicherlich ernst genommen werden. Mit der Übertragung auf menschliche Tumoren allgemein sollte auf der anderen Seite vorsichtig umgegangen werden. In der genannten EORTC-DKG-Studie wurde Iscador M (welches nach derzeitigem Kenntnisstand kein ML-1 enthält) angewendet.
Insgesamt erscheint es zwingend und erforderlich, Mistelextrakte in kontrollierten klinischen Studien anzuwenden, um dem Mysterium der Misteltherapie wissenschaftlich zu begegnen. Die weitere Anwendung im Bereich der Erfahrungsheilkunde sowie positive und negative Interpretationen in Grundlagenversuchen werden die Forschung nach 80 Jahren Misteltherapie nicht essenziell weiterbringen.

Literatur
1. Hermanek P, Sobin LH, editors. International Union Against Cancer (UICC): TNM classification of malignant tumours. 4th ed. Berlin Heidelberg New York Tokyo: Springer 1992.
2. Beuth J, Ko HL, Gabius HJ, Burrichter H, Oette K, Pulverer G: Behavior of lymphocyte subsets and expression of activation markers in response to immunotherapy with galactoside-specific lectin from mistletoe in breast cancer patients. Clin Investig 1992; 70: 658–661.
3. Beuth J, Ko H. L., Tunggal L et al.: Das Lektin der Mistel in der adjuvanten Therapie beim Mammakarzinom – erste klinische Erfahrungen. Med Welt 1993; 44: 217–220.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.