ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2002Edgar Ende: Apokalyptische Visionen

VARIA: Feuilleton

Edgar Ende: Apokalyptische Visionen

Dtsch Arztebl 2002; 99(18): A-1248 / B-1064 / C-993

Murken, Axel Hinrich

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LNSLNS Endes Kunst nimmt einen eigenen Stellenwert
im europäischen Surrealismus ein.

Der Künstler Edgar Ende, dessen Malerei eine irritierende Welt des Surrealismus voll von Szenarien des Traumes und des Unbewussten vor Augen führt, ist bisher kaum einem größeren Publikum bekannt geworden. In der Literatur zur Kunst des 20. Jahrhunderts wurde er nur am Rande erwähnt. Erst in jüngster Zeit zeigt sich mit der Wiederentdeckung des Surrealismus ein wachsendes Interesse an seiner Kunst. Sie stellt wie in einer Vorwegnahme der Science-Fiction-Welt faszinierend schockierende Visionen von auswegslosen, sintflutartigen Katastrophen, voll von existenzieller Angst, trostloser Einsamkeit und innerlicher Zerrissenheit dar. Allenfalls an seinen bekannten Sohn, den Schriftsteller Michael Ende, dessen Märchenromane wie „Momo“ (1973) und „Die unendliche Geschichte“ (1979) Welterfolge wurden, erinnert man sich, wenn sein Name genannt wird. Michael Ende war es auch, der sich in den 80er-Jahren, zwanzig Jahre nach dem Tod seines Vaters, zeitweilig um eine größere Akzeptanz seiner Malerei bemühte.
Wenn man der surrealistischen Kunst Edgar Endes bisher keine Bedeutung schenkte, kann man dies vor allem auf die Auswirkungen seines Malverbots im Dritten Reich und das Aufblühen der ungegenständlichen Malerei in der Nachkriegszeit zurückführen.
In Altona an der Elbe 1901 in armen Verhältnissen geboren, erhielt er nach einer Malerlehre während seiner Lehr- und Studienzeit an der damaligen Handwerker- und Kunstgewerbeschule seiner Heimatstadt von 1915 bis 1920 eine ausgezeichnete handwerkliche Ausbildung in den lithographischen, zeichnerischen und malerischen Techniken. Dort lernte er auch früh die Lehren Sigmund Freuds vom Unbewussten und der Traumdeutung sowie die Anthroposophie Rudolf Steiners kennen. Auch wenn seine Gemälde anfangs deutlich auf eine intensive Beschäftigung mit der spätklassizistischen Malerei von Hans von Marées und mit den expressiven Bildern Edvard Munchs schließen lassen, so setzte er sich bald als einer der ersten in Deutschland in den 20er-Jahren mit den frühen surrealistischen Bildern Giorgio de Chiricos auseinander. Die Hamburger Kunsthalle kaufte bereits von dem damals 24-jährigen Maler das Gemälde „Zirkus“ (1925). Zwei Jahre später wurde er aufgefordert, sich mit seinem Gemälde „Anatomie“ (1925) an der großen Übersichtsschau „Europäische Kunst der Gegenwart“ (1927) in Hamburg zu beteiligen.
Als der Magische Realismus in den 20er-Jahren in Deutschland in voller Blüte stand und in Paris der Surrealismus die westliche Kunstwelt begeisterte, begann Edgar Ende seinen eigenen Weg zu finden. Bald nach seiner Übersiedlung nach Garmisch 1928 und dann nach München 1931 wurde er überregional beachtet und wurde zu internationalen Ausstellungen eingeladen. Bekannte Kunsthistoriker der 20er- und 30er-Jahre schätzten die Malerei Edgar Endes hoch ein und stellten ihn an die Seite von Giorgio de Chirico und Max Ernst. Das Carnegie Museum of Art in Pittsburgh lud Edgar Ende von 1934 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs fast jährlich ein, sich an dortigen internationalen Kunstausstellungen mit einem oder zwei Bildern zu beteiligen.
In diesen turbulenten Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg gelangen ihm trotz der Verfemung durch das Dritte Reich nahezu atemberaubende Darstellungen voller Schrecken, Furcht und Untergangsstimmung. Gemälde wie „Genius Loci“ (1936), „Fragmente“ (1936) oder „Am Ufer“ (1937) erinnern an Vorstellungen von der Sintflut und dem Jüngsten Gericht. In dieser schwierigen, für ihn mit Depressionen beladenen Zeit widmete sich Ende intensiv der Philosophie und Literatur. Ihn fesselten damals neben den Dichtungen Franz Kafkas die Schriften des
Psychiaters Carl Gustav Jung, insbesondere dessen Archetypenlehre, Friedrich Nietzsches nihilistische Philosophie und Oswald Spenglers historisches Werk vom Untergang des Abendlandes.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, an dem Edgar Ende als Soldat teilgenommen hatte, gelang es ihm rasch, an seine surrealistische Malerei der 30er-Jahre anzuknüpfen und eine noch größere fantasiereiche Darstellungsvielfalt zu entwickeln. Er beteiligte sich von 1948 bis zu seinem Tod im Jahr 1965 an nationalen und internationalen Ausstellungen: Zur Biennale in Venedig wurde er 1948
und 1954 eingeladen, an den Ausstellungen „Surrealistische Malerei in Europa“ in Saarbrücken (1952) und „Surrealismus – Fantastische Malerei“ in Wien (1962) nahm er mit mehreren Gemälden teil. Aber der große Durchbruch gelang ihm trotzdem nicht mehr. Dagegen konnte er zeitweilig als Ausstellungsleiter der jährlichen Sommerausstellung in München im Haus der Kunst einen sehr bereichernden Einfluss auf das bayerische Kunstleben in der Nachkriegszeit geltend machen. Unter seiner Ägide kam die ganze Stilvielfalt von der Neuen Sachlichkeit bis zum Informel dort in der Nachkriegszeit zum Tragen.
Mehr als zuvor entfaltete Edgar Ende seit den 50er-Jahren in seinen Gemälden und in der nun von ihm bevorzugten Gouachemalerei eine ungewöhnlich dichte, metaphysische Bildsprache. Seine früh entwickelte Methode der Bildfindung, abgeschirmt in einem abgedunkelten Raum mithilfe einer Taschenlampe Eingebungen zu skizzieren, brachte eine Fülle von irrationalen Darstellungen hervor. Nicht so sehr apokalyptische Szenarien von angstvollen, um ihr Überleben kämpfende Menschengruppen, wie etwa in der Vorkriegszeit, sondern Grundthemen der menschlichen Existenz wie Angst, Trauer, Vergänglichkeit und Auferstehung rückten in Form von Bildnistafeln seitdem in den Vordergrund. Seine Darstellungen wirken insgesamt wie alttestamentarische Memento-mori-Prophetien. Man geht wohl kaum fehl mit der Überzeugung, dass es seiner bildnerischen Gestaltungskraft wie keinem Künstler des 20. Jahrhunderts gelang, die Mythologie der Griechen mit der christlichen Mystik und der Philosophie des Existenzialismus zu verbinden. Nicht zuletzt die Gedankengebäude der Gnostik und der Alchemie beeinflussten seine Bildwelt und gaben ihr eine unvergleichliche Dichte. So entstanden auch in den 50er- und 60er-Jahren fesselnde, intensiv gemalte Bilder wie „Die Mittagsstunde“ (1946), „Apokalyptisches Interieur“ (1953), „Die Letzten“ (1954) oder „Das chymische Grab“ (1965), die in ihrer malerischen Kraft und geheimnisvollen Aura bis heute nichts an Faszination eingebüßt haben. Hier leistete ihm die Gouachetechnik gute Dienste, mit der er seine visionären Bildideen spontaner umsetzen konnte als auf
seinen Leinwandbildern. Sein heute nachweisbares malerisches Werk, das im Zweiten Weltkrieg durch die völlige Zerstörung seines Ateliers große Verluste erlitt, umfasst knapp 270 Gemälde sowie mehr als 200 Gouachen und rund 300 Zeichnungen. Endes oft rätselhafte Kunst, die mit ihrer Fantasie, endzeitlichen Stimmung und Metaphorik einen eigenen Stellenwert im europäischen Surrealismus einnimmt, ist voller Symbolik und Anspielungen. Sie charakterisiert und spiegelt in ihren prophetisch wirkenden Aussagen das an Katastrophen reiche 20. Jahrhundert wie kein anderes.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Axel Hinrich Murken, Aachen
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