ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 2/2002LION (Language Interactive Operational Network): Multimediale Therapiesoftware

Supplement: Praxis Computer

LION (Language Interactive Operational Network): Multimediale Therapiesoftware

Dtsch Arztebl 2002; 99(18): [8]

Tollkühn, Steffi

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LNSLNS Mit dem neuropsychologisch und sprachtherapeutisch orientierten Computerprogramm können Patienten Lösungsstrategien für Aufgaben des Alltags erarbeiten und trainieren.
Das Projekt „LION“ liegt thematisch in einem Anwendungs- und Forschungsbereich, der zurzeit intensiv diskutiert wird. Die Fortschritte der modernen Medizin und die demographische Entwicklung in den Industrieländern mit der Erhöhung des durchschnittlichen Lebensalters bringen in den nächsten Jahren erhebliche Probleme mit sich. Dabei spielt das „unfreiwillige“ Ausscheiden aus dem Berufsleben trotz erhaltener Aktivität eine wichtige Rolle. Bei Erreichen der Pensionsaltersgrenzen werden Menschen aus dem Arbeits- und Kreativitätsprozess weitgehend ausgeschlossen. Dies gilt ebenso für Menschen, die beispielsweise als Folge von Unfällen oder Schlaganfällen dauerhaft erkrankt sind. So gibt es neben den Senioren eine beträchtliche Anzahl jüngerer Menschen, die – aufgrund chronischer Erkrankungen frühberentet oder invalidisiert – ein hohes Maß an Rehabilitation und langfristiger Betreuung beanspruchen. Das Ziel ist, ein der Situation angemessenes Höchstmaß an Eigenständigkeit zu erreichen. Die Aufgabe der Rehabilitation liegt vor allem in der Sekundärprophylaxe, das heißt, in langfristigen Maßnahmen zur Zustandsverbesserung und -erhaltung über die therapeutische Betreuung hinaus.
Die Struktur des Rehabilitationswesens ist gegenwärtig jedoch nicht so angelegt, dass dies ausreichend gewährleistet werden könnte. Rehabilitationsmaßnahmen sind kostenaufwendig und enden häufig (ohne dass es dafür spezielle Richtlinien gäbe), wenn sich abzeichnet, dass mit den herkömmlichen therapeutischen Interventionen keine deutliche Zustandsverbesserung mehr erreicht werden kann. Die notwendigen Maßnahmen zur Zustandserhaltung nehmen in der Regel mit der Zeit ab, sodass die Patienten nicht selten sich selbst und dem Sozialwesen überlassen bleiben.
Vor diesem Hintergrund wird es zunehmend wichtiger, neue Wege zu finden, um die langfristige Betreuung und Förderung der Betroffenen zu gewährleisten. Innovative Anwendungen, wie zum Beispiel multimediale Techniken, müssen genutzt werden, um den Patienten die Möglichkeit zu geben, einerseits ihre Fähigkeiten ständig zu trainieren und Kompensationsstrategien zu erlernen und andererseits mit den Mitmenschen in Kontakt zu treten und sich sozial zu integrieren und zu engagieren. Nach eigenen Erfahrungen und Studien über die Bedürfnisse der Zielgruppe stellt die Kommunikation dabei das Hauptanliegen dar.
In den letzten Jahren hat sich die multimediale Technik als nützliche Unterstützung und als Medium erwiesen, mit dessen Hilfe sich diese Ansprüche realisieren lassen. Die Erfahrungen zeigen, dass solche innovativen Technologien auch außerhalb therapeutischer Anwendung zur Einbindung der Menschen in die Gesellschaft und zu einer weitgehend autonomen Lebensführung beitragen können.
Im Rahmen des Projektes LION wird eine multimediale Software entwickelt, die diesen Ansprüchen genügt und darüber hinaus bei entsprechenden technischen Möglichkeiten auch die Kontaktaufnahme und Kommunikation über das Netz ermöglicht. Auf diese Weise können auch die „nicht-lohn- und leistungsorientierten Gruppen“ der Gesellschaft, wie Senioren und chronisch kranke oder behinderte Menschen, ihre Kreativität, Potenziale und Bedürfnisse angemessen verwirklichen und auch für andere nutzbar machen.
LION ist eine neuropsychologisch und sprachtherapeutisch orientierte Software, die chancenorientiert, auf dem individuellen Potenzial des Benutzers aufbauend, alltagsrelevante Lösungsstrategien vermittelt und trainieren hilft. Darüber hinaus unterstützt sie das Bedürfnis nach Kommunikation, selbst bei erschwerten personellen Bedingungen. Die Entwicklung basiert auf den Ergebnissen der Effektivitätsstudien zum Einsatz computerisierter Therapieprogramme sowie auf den Erfahrungen von Ärzten, Therapeuten und Betroffenen.
Ziele des Übungsprogramms
Mithilfe des Programms können die Anwender – auch bei unterschiedlichsten Beeinträchtigungen – interaktiv Lösungsstrategien für die Aufgaben und Probleme des Alltags erarbeiten und trainieren und so ihre Kompetenzen diesbezüglich erweitern. LION ist für den stationären, den teilstationären und den ambulanten Einsatz bis hin zum Homecare-Einsatz für Patienten jeden Alters mit neuropsychologischen und sprachlichen Störungen in Perzeption und Produktion geeignet. Die Art der therapeutischen Trainingsmodule richtet sich nach der im Programm eingebundenen Diagnostik, das heißt, die Übungsinhalte werden den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Nutzer angepasst und sind in einen Gesamtablauf eingebettet. Folgende Ziele werden mit dem Programm grundsätzlich verfolgt:
M Förderung der Kommunikation durch den durchgängig dynamischen Programmverlauf und die damit verbundene Interaktion und Gesprächsführung;
- Förderung sprachlicher Fähigkeiten durch die im Übungsverlauf enthaltenen linguistischen Aufgaben;
- Förderung neuropsychologischer Leistungen durch die im Übungsverlauf enthaltenen Aufgaben sowie durch die komplexe, inhaltlich zusammenhängende „Story“ des Programms und die interaktive Kommunikation;
- Förderung der Motivation, da jede Aktion mit positivem Feedback, immanenter Hilfe und ohne Erwartungsdruck, geleitet wird.
Damit eignet sich LION zum Aufbau (Neuerlernen), Ausbau (Ergänzungs- oder Erweiterungslernen) und Training (Festigungslernen) von:
- lautsprachlichen und schriftsprachlichen Fähigkeiten, wie zum Beispiel Wortschatz, Sprachverständnis, Wort- und Satzbildung und kommunikativer Gestaltung,
- den für Sprache relevanten neuropsychologischen Fähigkeiten, wie beispielsweise Wahrnehmung und Differenzierung, Merkfähigkeit, Gedächtnis, Konzentration, Aufmerksamkeit sowie Analyse und Synthese von optischen, akustischen und lautlichen Phänomenen.
Bei der Erarbeitung des Software-Konzepts wurde ein Konsens aus den therapeutischen Anforderungen und den Bedürfnissen und Wünschen der Zielgruppe angestrebt. Die Software zeichnet sich durch Bedienerfreundlichkeit, Abwechslungreichtum und interessante, alltagsrelevante Gestaltung der Kommunikation und Interaktion aus. Darüber hinaus wurden neuropsychologische und linguistische Trainingsmöglichkeiten integriert, sodass ein motivierender und zugleich therapieeffizienter Gesamtablauf entstand.
Prototyp
Aus dem „Drehbuch“ der gesamten Software wurde bisher ein Modul in einer Prototyp-Version umgesetzt, das sowohl ein effektives, motivierendes Arbeiten als auch Schlüsse im Hinblick auf die Evaluation für das Gesamtkonzept ermöglicht. Mithilfe des Prototyps kann der Nutzer folgende störungsrelevante Aspekte gezielt trainieren:
- Erfassen und Benutzen von Hilfen durch „Notizblock“ oder Ähnliches;
- Hilfen beim Benennen, zum Beispiel durch Umschreibungen;
- Wortbedeutungen anhand von Umschreibungen erkennen und selbst verwenden;
- erkannte Wortbedeutungen in Symbol- und Schriftform umsetzen;
- Schreibtraining, Lesetraining;
- Sprachverständnis für schriftsprachlichen und lautsprachlichen Input;
- Unbeschwertheit im Umgang mit Fehlern, das heißt, Fehler erkennen und entspannt mit Reaktionsvarianten reagieren können;
- Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstraining;
- Training der Merkfähigkeit für sprachliche Einheiten.
Im Prototyp ist das Modul „Koffer für eine Reise packen“ umgesetzt. Die Übungen sind in einen Gesamtablauf eingebettet, der sich über den Dialog der Figuren realisiert. Der Ablauf der Geschichte wird bei falschen Lösungen/Eingaben des Nutzers nicht unterbrochen, sondern dieser erhält dialogisch durch die Figuren Hilfestellungen bis zur richtigen Lösung. Szene 1: Der Löwe Akira will seinen Koffer für eine Reise packen. Sein Freund Helix, der gute Geist, hilft ihm dabei. Im Dialog zwischen den beiden beschreibt eine Figur ein Kleidungsstück, das dann zum Merken auf die Liste geschrieben werden soll. Mit dieser Sequenz werden auditives Sprachverständnis, Wortfindung und Schriftsprache trainiert. Szene 2: Zu Beginn der Sequenz wird festgelegt, dass nur eine begrenzte Anzahl von Gegenständen in den Koffer passt. An diese Festlegung muss sich der Nutzer nach dem Einpacken auf Nachfrage erinnern und entscheiden, ob die gesetzte Bedingung erfüllt wurde.
Im Prototyp ist das Modul „Koffer für eine Reise packen“ umgesetzt. Die Übungen sind in einen Gesamtablauf eingebettet, der sich über den Dialog der Figuren realisiert. Der Ablauf der Geschichte wird bei falschen Lösungen/Eingaben des Nutzers nicht unterbrochen, sondern dieser erhält dialogisch durch die Figuren Hilfestellungen bis zur richtigen Lösung. Szene 1: Der Löwe Akira will seinen Koffer für eine Reise packen. Sein Freund Helix, der gute Geist, hilft ihm dabei. Im Dialog zwischen den beiden beschreibt eine Figur ein Kleidungsstück, das dann zum Merken auf die Liste geschrieben werden soll. Mit dieser Sequenz werden auditives Sprachverständnis, Wortfindung und Schriftsprache trainiert. Szene 2: Zu Beginn der Sequenz wird festgelegt, dass nur eine begrenzte Anzahl von Gegenständen in den Koffer passt. An diese Festlegung muss sich der Nutzer nach dem Einpacken auf Nachfrage erinnern und entscheiden, ob die gesetzte Bedingung erfüllt wurde.
Szene 3: Im Gespräch zwischen den Figuren während des Kofferpackens gibt es Fragen, ob ein bestimmter Gegenstand mitgenommen werden soll. Der Nutzer soll diese Frage anhand der vorgegebenen Aussagen begründet beantworten. Damit wird das auditive Sprachverständnis trainiert. Szene 4: Während des Ablaufs der Geschichte fordern sich die Figuren gegenseitig zu bestimmten Handlungen auf. Der Nutzer schlüpft jeweils in die Rolle einer anderen Figur zur Lösung der Aufgabe, ohne direkt gefordert zu sein. Dadurch wird ein entspannter Umgang bei der Lösung der Aufgaben erreicht.
Szene 3: Im Gespräch zwischen den Figuren während des Kofferpackens gibt es Fragen, ob ein bestimmter Gegenstand mitgenommen werden soll. Der Nutzer soll diese Frage anhand der vorgegebenen Aussagen begründet beantworten. Damit wird das auditive Sprachverständnis trainiert. Szene 4: Während des Ablaufs der Geschichte fordern sich die Figuren gegenseitig zu bestimmten Handlungen auf. Der Nutzer schlüpft jeweils in die Rolle einer anderen Figur zur Lösung der Aufgabe, ohne direkt gefordert zu sein. Dadurch wird ein entspannter Umgang bei der Lösung der Aufgaben erreicht.
Wegen des begrenzten Umfangs des Übungsmaterials im Software-Prototyp war eine Evaluation der Trainingseffekte nicht möglich. Allerdings konnten über Fragebogen sämtliche beurteilbaren Aspekte des Programms eingeschätzt und evaluiert werden. Dazu gaben 22 Therapeuten und 62 aphasische Patienten in den Bereichen Klinik und Selbsthilfe Auskunft. Beide Anwendergruppen beurteilten das Programm überwiegend positiv und gaben darüber hinaus wertvolle Hinweise zur inhaltlichen und formalen Gestaltung. Die Befragten schätzten vor allem die Komplexität des Ansatzes, die Freiheit des Trainings, die positive Unterstützung und die Entwicklungsmöglichkeiten des offenen modularen Systems als positiv ein. So bewerteten mehr als 80 Prozent der Anwender die Art und Weise der Darbietung der Aufgabenstellungen, die interaktiven Verläufe, die immanente Hilfe und die Lösungswegvorgaben jeweils mit „sehr gut“. Auch die grafische und akustische Gestaltung wurden als sehr gelungen beurteilt.
Das zur Verfügung gestellte Preisgeld des „Deutschen Seniorenpreises Multimedia“ war bislang die einzige Finanzierungsmöglichkeit des Projekts. Daher ist es schwierig, die Programmierung der Software weiterzuführen und die erforderlichen Komponenten für eine Weiterentwicklung sowie eine wissenschaftliche Evaluationsstudie zu realisieren. Konzept und Prototyp von LION waren jedoch viel versprechend und erfolgreich, sodass die Bemühungen um eine vollständige Entwicklung der Software auch künftig unterstützt werden sollten. Steffi Tollkühn

Kontaktadresse: Dr. phil. Steffi Tollkühn, Universität Leipzig, Sprachbehindertenpädagogik, Marschnerstraße 29–31, 04109 Leipzig, Telefon: 03 41/97 31-540, Fax: 03 41/97 31-509, E-Mail: tollkuehn@rz.uni-leipzig.de


Projektinformation
Das Konzept zur Entwicklung der multimedialen Software „LION“ wurde 1999 mit dem „Deutschen Seniorenpreis Multimedia“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und der Deutschen Luft- und Raumfahrt ausgezeichnet. Mit dem Preis wurden Konzepte gewürdigt, die Lösungen für die sich abzeichnende Entwicklung im Bereich der langfristigen Rehabilitation und Integration älterer, kranker und behinderter Menschen und den damit verbundenen gesundheitspolitischen Problemen anbieten. An der Entwicklung ist neben der Universität Leipzig auch Dr. med. Radka Cerny, MITSystem GmbH, München, beteiligt.
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