ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Pockenimpfstoff: Erfolgreich gestreckt

AKTUELL: Akut

Pockenimpfstoff: Erfolgreich gestreckt

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): A-1261 / B-1053 / C-981

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Nach den Anthrax-Anschlägen im letzten Jahr wird in den USA eine allgemeine Pockenimpfung diskutiert. Aus der Zeit vor 1982 stehen aber nur Vorräte für 15 Millionen Impfungen zur Verfügung. Eine klinische Studie im New England Journal of Medicine (2002; 346: 1265–1274) zeigt nun, dass die Vakzine auch nach einer zehnfachen Verdünnung noch wirksam ist. Die Studie weist aber auch auf mögliche Risiken einer Massenimpfung hin. Eine Pilotstudie an 60 Gesunden hatte gezeigt, dass eine zehnfache Verdünnung noch wirksam sein könnte, während eine 100fache Verdünnung keine ausreichende Immunreaktion induziert
(NEJM 2002; 346: 1275–1280). Die folgende größere Untersuchung an 680 Erwachsenen bestätigt dies. Die zehnfache Verdünnung, bei der noch 107,0 aktive Viren (Plaque forming units, pfu) pro Milliliter enthalten sind, erzielte die gleiche Erfolgsrate wie eine fünffache Verdünnung (107,2 pfu) oder der unverdünnte Impfstoff (108,1 pfu).

Bei 97,1 bis 99,1 Prozent der Geimpften bildete sich an der Inokulationsstelle eine Blase. Die Impfversager wurden ein zweites Mal geimpft. Danach waren nur acht Probanden ohne Reaktion, von denen fünf bereits als Kind geimpft worden waren; sie hatten Pocken-Antikörper im Blut. Die Impfung, bei der ein Lebendvirus eingesetzt wird, hat jedoch auch Nebenwirkungen: 8,9 Prozent der Geimpften entwickelten Fieber, 2,6 Prozent schwere Kopfschmerzen, 20,6 Prozent berichteten über Muskelschmerzen, 6,5 Prozent über Frösteln, 4,1 Prozent über Übelkeit und 19,7 Prozent über Abgeschlagenheit. Darüber hinaus klagte jeder Dritte über Schmerzen an der Impfstelle, und bei 10,1 Prozent entwickelten sich Hautausschläge fern der Impfstelle. Zwölf Patienten mussten stationär behandelt werden, allerdings war nur in zwei Fällen ein Zusammenhang mit der Impfung gesichert (drei weitere fragliche Fälle).

Diese Aufzählung zeigt, dass eine ungezielte Impfung der Bevölkerung durchaus Risiken birgt, wobei gravierende Komplikationen der Pockenimpfung in der Studie gar nicht aufgetreten sind. Prof. Anthony Fauci, Leiter des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, befürchtet, dass pro Million Impfungen mit ein bis zwei Todesfällen und mit Hunderten von schweren Komplikationen zu rechnen sei. Dazu gehören eine generelle Vaccinia, ein Eczema vaccinatum, eine progressive Vaccinia und eine postvakzinale Enzephalitis. Eine allgemeine Impfempfehlung wolle deshalb überlegt sein. Fauci fordert, die Bevölkerung besser über die Vor- und Nachteile zu informieren, zumal „auch durch die Herstellung weiterer Impfstoffe der zweiten Generation“ bis Ende des Jahres insgesamt 286 Millionen Impfdosen zur Verfügung stehen dürften. Rüdiger Meyer
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