ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Gewaltprävention: Sprechen statt schießen

POLITIK

Gewaltprävention: Sprechen statt schießen

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): A-1266 / B-1081 / C-1009

Schneider, Andrea

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Das Gebäude des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt, in dem ein ehemaliger Schüler Amok lief und 16 Menschen und sich selbst tötete, ist ein Mahnmal. Foto: dpa
Das Gebäude des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt, in dem ein ehemaliger Schüler Amok lief und 16 Menschen und sich selbst tötete, ist ein Mahnmal. Foto: dpa
„Faustlos“ – ein Curriculum zur Gewaltprävention an Grundschulen – weist nach dreijähriger Evaluation erstaunliche Erfolge auf: Aggressives Verhalten und Verhaltensauffälligkeit konnten deutlich verringert werden.

Unfassbar“, „sinnlos“, „abscheulich“ sind Worte, die angesichts der Bluttat im Erfurter Gutenberg-Gymnasium am häufigsten verwendet werden. Was ist das für ein krankes Hirn, das blindwütig in einer Schule um sich schießt, erst 16 Menschen tötet und dann sich selbst richtet? Ist das noch ein Mensch? So oder ähnlich lauten in diesen Tagen Fragen nach Hintergrund oder Motiv des Täters. Die Art zu fragen liefert jedoch Antworten, die möglichst große Distanz gegenüber jenen schafft, die zu solchen Taten fähig sind. Entmenschlichung des Täters bringt zwar kurzfristige Erleichterung für die ohnmächtigen Zeitzeugen, langfristig aber keinerlei Klarheit, geschweige denn Strategien gegenüber dem Phänomen Gewalt. Dass der Umbau von Schulen in Festungen kein Allheilmittel gegen blindwütigen Hass ist, hat sich auch auf ministerialer Ebene herumgesprochen.
Doch was ist zu tun gegen zunehmende Gewalt und auch Gewaltbereitschaft an den Lehr- und Lerneinrichtungen? „Sprechen statt prügeln“, sagt Prof. Dr. med. Manfred Cierpka, Abteilung für psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie, Universität Heidelberg, und verweist auf „Faustlos“, sein Curriculum zur Gewaltprävention an Schulen. Fußend auf der Erkenntnis, dass Gewalt ein allgemein gesellschaftliches Phänomen ist, hat er mit seinem Projektteam das amerikanische Programm „Second Step“ vom Committee for Children, Seattle, adaptiert und zu einem Unterrichtsfach für deutsche Grundschulen entwickelt. Mit verblüffendem Erfolg: Kinder, die an dem Faustlos-Projekt an Schulen in den vergangenen drei Jahren teilnahmen, konnten ihre Ängste besser bewältigen, ihre Gefühle deutlicher zum Ausdruck bringen und Probleme konstruktiver lösen als Kinder, die an den gleichen Schulen am Regelunterricht teilgenommen hatten. Aggressives Verhalten und das Ausmaß an Verhaltensauffälligkeiten wurden deutlich reduziert. Das geht aus der wissenschaftlichen Untersuchung des Projekts Faustlos hervor, die jetzt abgeschlossen wurde.
Gewalttätige Kinder werden immer jünger
Das klingt nach einem Stück heiler Welt inmitten einer Gesellschaft, die sich mit Gewalt und Gewaltbereitschaft auseinander setzt. Denn häufig genug ist es blinder Aktionismus, der die Debatte gegen Ausschreitungen dominiert. Hier eine Gesetzesänderung oder -verschärfung, dort weitere Auflagen für Eltern und Lehrer. Cierpka hingegen bemüht sich, mit Faustlos dort anzusetzen, wo Regelunterricht und Eltern versagen, vielleicht sogar versagen müssen. Denn der schulische Druck, Unterrichtsziele auch in Klassen mit zunehmend verhaltensauffälligen Kindern zu erreichen, nimmt zu. Der elterliche Zwang, sich in einem immer flexibler werdenden Berufsalltag immer weniger um die Kinder kümmern zu können, lässt diese mit ihren Bedürfnissen, Wünschen und Sorgen häufig allein. Aufgrund mangelnder Zuwendung und Anleitung werden Verhaltensweisen adaptiert, die stressgeplagte Eltern, Lehrer und allzeit bereite Videos oder Spiele vorleben. Gewalt – psychische wie physische – als letzte, aber immerhin mögliche Instanz. So sei die Kinder- und Jugendkriminalität in den vergangenen drei Jahren um ein Drittel gestiegen, sagt Cierpka. Nicht aggressive Handlungen, sondern Qualität und Schärfe der Gewalttätigkeiten an Schulen haben zugenommen. Zudem rutsche das Einstiegsalter in die Gewalttätigkeiten immer weiter nach unten. Beinahe täglich notieren Medien, dass Neun-, Zwölf- oder Fünfzehnjährige Gleichaltrige bedrohen und verprügeln. Nicht ohne Folgen: „Zwei Drittel bis drei Viertel aller Lehrer fühlen sich überlastet“, sagt Cierpka und bezieht sich auf Studien der Freien Universität Berlin und der Universität Potsdam. Einmal ausgebrannt, seien Lehrer kaum in der Lage, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Mit Faustlos wird deshalb auch keine Umwälzung des Grundschulbetriebs angestrebt. Wohl aber sollen Lehrer als Erzieher in die Pflicht genommen werden.
Die Faust wurde zum Symbol. Auch für Ulrike Flachs. Wenn sie, eine der Lehrerinnen, die sich in den vergangenen drei Jahren an dem Faustlos-Projekt beteiligt haben, die Hand öffnete und wieder schloss, gab sie den Startschuss für Rollenspiele und Gespräche. Die Kinder versuchten, Gefühle anderer Menschen herauszufinden. Freut sich die Frau auf dem gezeigten Foto, oder ist sie gerade erstaunt? Gemeinsam überlegten sie, wie man Hänseleien von Gleichaltrigen begegnen kann, ohne gleich aus der Haut zu fahren. Sie spielten durch, wie sie sich verhalten, wenn sie enttäuscht sind, woher eigentlich Wut kommt und dachten nach, wie man sich angemessen und erfolgreich beschweren kann. Für die Kinder ist Faustlos ein Spiel. Für Ulrike Flachs ist es ein Curriculum, das die Themenkomplexe Empathiefähigkeit, Impulskontrolle und Umgang mit Ärger und Wut behandelt, drei Facetten, die die Neigung zu Gewalt als scheinbare Konfliktlösung fördern oder senken können.
Wenn Manfred Cierpka das Curriculum vorstellt, erzählt er gern die Geschichte des kleinen Jungen, der aufgeregt in seine Klasse kam. Gerade hatte er einen alten Mann auf der Straße gesehen: „Der war aber wütend!“ Hätte der Junge die Empfindungen des Mannes auch ohne Faustlos-Schulung erkannt? „Vielleicht“, sagt Cierpka. Jedoch seien viele Kinder und Erwachsene gar nicht in der Lage zu fühlen, was in anderen Menschen vorgeht. Denn Empathie sei keine Tugend, sondern eine Fertigkeit, die zum großen Teil erlernt werden müsse. Wenn aber Eltern Empathie-Fähigkeit nicht vermitteln könnten, sei es den Kindern fast unmöglich, sie zu entwickeln.
Aggression ist stärker als Intelligenz
Das gilt auch für die Impulskontrolle. Denn Kinder benötigen Vorbilder, die ihnen zeigen, wie man auch heftige Gefühle zügeln kann. Umgekehrt müssen sich Kinder nicht zwangsläufig zu Schlägern entwickeln, wenn sie zu Hause erleben, dass Konflikte nur mit Gewalt beantwortet werden. Womöglich fehlt ihnen jedoch der Raum, angemessenes Verhalten zu erlernen. Mit fatalen Folgen: Denn „Aggression ist stärker als Intelligenz“, sagt Cierpka. Wie ein roter Faden ziehe sie sich durch das Leben eines Menschen. Wer in seiner Kindheit nicht gelernt habe, mit seiner Aggressivität angemessen umzugehen, neigt während des gesamten Lebens zu impulsivem und vielleicht auch gewalttätigem Verhalten. Cierpka möchte nicht stigmatisieren. Die Kinder, die mit Faustlos arbeiten und spielen, werden nicht geoutet. In der Klasse können potenzielle Täter und Opfer gleichermaßen von dem Präventions-Programm profitieren. Impulsivität und Gewaltbereitschaft sollen vermindert, die soziale Kompetenz der Kinder hingegen soll erhöht werden.
Faustlos hat seine Evaluationsphase hinter sich. Mit verblüffendem Erfolg: Das delinquente Potenzial der Kinder in den 30 Faustlos-Klassen wurde deutlich verringert. In den 14 Vergleichsklassen, in denen ein Regelunterricht durchgeführt wurde, blieb die Neigung, Probleme mit den Fäusten zu lösen, unverändert hoch. Cierpka wertet das Projekt, das von seiner Abteilung und der Pädagogischen Hochschule Heidelberg im Auftrag des Kultusministeriums Baden-Württemberg erprobt wurde, als Erfolg. Ein Erfolg, an dem künftig auch andere teilhaben können. Das Curriculum soll der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung wurde es bereits wegen seiner „überregional beispielhaften Qualität“ ausgezeichnet.
Fraglich bleibt, ob potenzielle Einzeltäter vor ihren Gewalthandlungen gestoppt werden können. Manfred Cierpka gibt sich wissenschaftlich zurückhaltend: Nach der kurzen Zeit könne man bei einem Präventionsprogramm noch nicht von einem Effekt sprechen. Ganz unwissenschaftlich direkt äußert sich Ulrike Flachs. „Wir sind super damit klargekommen“, sagt die Lehrerin und bezieht ihre Klasse gleich mit ein. „Die Kinder sind zwar keine Engel. Ärger gibt es immer noch. Aber sie sprechen und überlegen, anstatt zu prügeln – und das ist ein überwältigender Erfolg.“ Andrea Schneider
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema