ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Künstliche Keimzellen: Wege der Rekonstruktion

POLITIK

Künstliche Keimzellen: Wege der Rekonstruktion

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): A-1275 / B-1064 / C-1017

Leinmüller, Renate

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wissenschaftler erproben verschiedenen Techniken, die neue Therapieformen bei Infertilität ebnen sollen.


Noch stecken die Forschungen in den Anfängen – aber vielleicht ist der Traum von eigenen Kindern mit dem Erbgut der Eltern auch für Paare zu verwirklichen, bei denen die Frau keine Eizellen oder der Mann keine Spermien produziert. Denn möglicherweise lassen sich diese Keimzellen aus Körperzellen mit „Kloningtechniken“ rekonstruieren. Die heterologe Befruchtung im heutigen Sinne wäre damit überflüssig – Prärequisit ist jedoch in jedem Falle eine intakte Eizelle, deren Kernmaterial verworfen wird.
Die – noch keineswegs ausgereifte – Technik wird von manchen Wissenschaftlern als revolutionär angesehen und basiert auf der Fähigkeit des Ooplasmas, den diploiden Chromosomensatz normaler Körperzellen regelrecht zu teilen und einen Satz davon via Polkörperchen aus der Zelle hinauszubefördern. Es entsteht eine Zelle mit haploidem Kern – eine Keimzelle.
Die Idee für diese Träume haben Fehlschläge beim Klonieren gelegt. Beim berühmten Schaf Dolly wurde eine Eizelle entkernt und anstelle des haploiden Chromosomensatzes der diploide Zellkern einer Körperzelle eingeführt; durch die Aktivierung wurde die normale Zellteilung initiiert. Sehr häufig allerdings war bei diesen Experimenten eine „unerwünschte“ Entwicklung zu beobachten, denn oft kam es anstelle der Klonierung zu einer Reifeteilung, bei der ein Chromosomensatz ausgeschleust wurde – es entstand eine haploide Zelle. Die einzigen Zellen mit einfachem Chromosomensatz sind jedoch Keimzellen. Damit war erstmals die Möglichkeit denkbar, Ei- oder Samenzellen zu „rekonstruieren“ und damit a` la longue vielleicht eine neue Therapieform der Infertilität zu entwickeln.
Im Tierversuch kann eine französisch-brasilianische Gruppe bei Rindern einen „proof of principle“ vorweisen. Allerdings klappte die Haploidisierung und anschließende Fertilisation via intrazytoplasmatischer Spermieninjektion nur in 23 Prozent der Eizellen, die erfolgreich entkernt und mit Kernmaterial von Körperzellen weiblicher Tiere rekonstruiert worden waren. Bei Mäusen ist die Methode in Hawaii und Australien ebenfalls erfolgreich angewandt worden – das Melbourner Team um Dr. Orly Lacham-Kathan hat die „neuen“ Eizellen fertilisiert und die Embryonalentwicklung über neun Tage beobachtet. Von diesen Forschern stammt auch die Idee, den Chromosomensatz männlicher Körperzellen via Kerntransfer zu haploidisieren und diese rekonstruierte Samenzelle dann mit einer Eizelle zu verschmelzen.
Zeitintervalle von Spezies zu Spezies unterschiedlich
Um die derzeit noch sehr bescheidenen Erfolgsraten der Methode zu steigern, ist nach Einschätzung aller Involvierten noch sehr viel Forschungsarbeit notwendig, müssen doch die entscheidenden Mechanismen erst noch entschlüsselt werden. Derzeit gehen die Forscher davon aus, dass zwei Zeitintervalle maßgebend sind für die „Entscheidung“ zwischen Klonierung oder Haploidisierung – einmal die Zeitspanne zwischen Enukleation der Eizelle und Retransfer des „neuen“ Kerns, zum zweiten die „Interaktionszeit“ von Oolemma und neuem Kern vor der Aktivierung: Wird diese sofort vorgenommen, entspricht das einem Signal zur Klonierung, erfolgt sie erst später, werden die Weichen für eine Reifeteilung gestellt. Und offensichtlich sind die Zeitintervalle von Spezies zu Spezies unterschiedlich. Deshalb
ist nicht verwunderlich, dass – was bei Rind und Maus klappt – beim Menschen die Ergebnisse anders aussehen. Dr. Renate Leinmüller
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema