ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Grenzfragen zwischen Wissenschaft und Ethik: Die Bedrohung der Gattung „Mensch“

DOKUMENTATION

Grenzfragen zwischen Wissenschaft und Ethik: Die Bedrohung der Gattung „Mensch“

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): A-1281 / B-1093 / C-1021

Frühwald, Wolfgang

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LNSLNS Dem „Imperativ des Fortschritts“ in Naturwissenschaft und
Technik begegnet der Imperativ der moralischen Vernunft.

Erinnerungen sind keine Geschichtsquellen, auch wenn sich die so genannte oral history auf das Gedächtnis und die Aussagen von Zeitgenossen stützt. Das Problem der Quellenkritik aber, das Basisproblem historisch arbeitender Disziplinen, stellt sich bei dieser Art von Geschichtsschreibung besonders dringlich und kompliziert. Die individuelle Erinnerung, von der Horst Bienek meinte, sie laufe im Bewusstsein wie ein falsch belichteter Film ab, bei dem nur ab und zu ein Bild scharf gestellt ist, überliefert andere Ereignisse als das kollektive oder gar das kulturelle Gedächtnis.
Nach spätestens 80 Jahren verblasst die Erinnerung, mischen sich Gelesenes und Erlebtes ununterscheidbar. Nach 40 Jahren schon bedarf die Erinnerung der Mitlebenden der kulturellen Stütze, der schriftlichen Aufzeichnung, des Denkmals, des Museums oder gar des Gedenktages, des Sonntags in der gleichförmigen Reihe aller Tage. So haben Jahreszahlen (und damit Jubiläen) eine eigene Magie, der man sich nur schwer zu entziehen vermag.
Für mich war das Jahr 1952 ein wegweisendes Jahr in meinem Leben, weil ich damals, mit 17 Jahren, erstmals meiner Frau begegnet bin. Das mag für einen umgrenzten Kreis von Menschen durchaus bedeutsam geworden sein, für unsere Kinder, vielleicht auch für unsere Enkelkinder. Für die Gesellschaft, in der wir leben, ist dies ein nebensächliches Datum. Für Staat und Gesellschaft, ja für den europäischen Kontinent und den europäischen Kulturkreis, war es sicher bedeutsamer, dass in diesem Jahr 1952 die Hilfslieferungen des Marshall-Planes endeten, dass Europa begann, wieder auf eigenen Füßen zu stehen, dass die Pläne zu einer europäischen Agrar-Union zwar stagnierten, das Gesetz über die Montan-Union aber vom Deutschen Bundestag verabschiedet wurde. Die Verfassungsklage der damaligen parlamentarischen Opposition gegen die EVG wurde abgewiesen. Auch wenn die Europäische Verteidigungsgemeinschaft dann am Widerstand des französischen Parlaments scheiterte – Europa machte sich doch auf den schweren und langsamen Weg seiner Einigung.
1952 war das Jahr, in dem Christian Dior die „fließende Linie“ mit der „wandernden Taille“ in einer eleganten und dem Auge (zumindest dem Männer-Auge) schmeichelnden Damenmode kreierte. Wichtiger für die allgemeine Geschichte aber war wohl das Faktum, dass sich damals eine das Aussehen von Frauen und Männern gleichermaßen verändernde, amerikanische Mode in Europa fast seuchenartig ausbreitete: die aus blauem Baumwollstoff gefertigten Hosen, mit aufgenieteten Taschen, nach der Genueser Herkunft des Stoffes genannt Blue Jeans. Ihre rasche Ausbreitung verweist nicht nur auf eine Mode, sondern auf eine Zeitstimmung, auf die verbreitete Mentalität junger Menschen, die (ähnlich wie das Werther-Fieber im 18. Jahrhundert) aus dem Gefühl der Einsamkeit und der Verlorenheit, aber auch aus Zukunftshoffnung, stiller Rebellion, aus Sehnsucht nach Jugendsolidarität und Selbstironie gespeist wurde. Das Kultbuch der Jeans-Literatur, Jerome David Salingers Roman „The Catcher in the Rye“ (Der Fänger im Roggen), erschien in den USA 1951, in deutscher Übersetzung zuerst 1954.
Damals, mitten im Kalten Krieg, gehörte ein existenziell, aber auch ein sozial gedachtes Christentum zur Basis der antibolschewistischen Stimmung des Westens. François Mauriac, der Dichter verzweifelter Einsamkeit des Menschen, seiner Verfallenheit an das Böse und seiner Erlösung aus Gnade, erhielt in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur; Romano Guardini, der in München eine spezielle Spielart der Existenzphilosophie lehrende Religionsphilosoph, wurde mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Albert Schweitzer war der Friedens-Nobelpreisträger dieses Jahres. Das Preisgeld hat er in sein Urwald-Hospital in Lambarene investiert.
Thomas Mann ist 1952 aus den unter der Kommunistenjagd McCarthys sich verdüsternden USA nach Europa zurückgekehrt. Er hat zu Beginn des Folgejahres die Erzählung „Die Betrogene“ geschrieben, in der eine deutsche Baronin im Klimakterium unter der Berührung durch die Liebe zu einem jungen Amerikaner wieder fruchtbar zu werden meint. Rosalie von Tümmler, die im Zeitpunkt der erzählten Handlung der Novelle etwa so alt ist wie das Jahrhundert im Jahr der Publikation dieses Textes (also 53 Jahre alt), muss schließlich erkennen, dass ihre Blutungen Symptome eines Unterleibs-Karzinoms sind. Thomas Mann hat seiner Rosalie von Tümmler nicht zufällig die Züge der deutschen Schriftstellerin Gertrud von Le Fort (1876–1971) gegeben, das alternde Europa, das sich der Liebe zu dem jugendfrischen Amerika hingibt, meint diese Erzählung, trägt in sich die Krankheit zum Tode.
Man hat später diese hier flüchtig skizzierte Zeitstimmung aus Verzweiflung und Nostalgie, aus noch kaum artikulierter Sehnsucht nach Überwindung der „Welt der alten Männer“ und Selbstironie als „restaurativ“ bezeichnet und dabei übersehen, wie sich im Untergrund die Zukunft vorbereitete, wie sich ein starker demokratischer Kern bildete, der auch die Krisen der 60er- und der 70er-Jahre zu überstehen vermochte. Dabei gab es genügend Signale, die auf die Zukunft verwiesen, doch haben wir als Zeitgenossen diese Signale nur unzureichend gedeutet. 1952, als in Ost und West die ersten Wasserstoffbomben explodierten, als sich die Welt in zwei Machtblöcken verhärtete, gab es bereits Anzeichen jener Mobilität, die das Blocksystem der Welt gleichsam von innen her zerstört hat. Im Jahr 1952 nämlich purzelten die Geschwindigkeitsrekorde nicht nur in der Schiffspassage über den Atlantik, sondern vor allem bei den Langstreckenflügen. In neun Stunden und 50 Minuten flog erstmals ein amerikanischer Düsenbomber non stop über den Pazifik von Alaska nach Japan. Die Gravitationsfelder der Welt begannen sich unmerklich aus dem Westen der Welt in den Osten zu verschieben.
Der stärkste Motor der Veränderung aber war (und ist) die Wissenschaft,
deren technische Anwendungen jetzt von basalen Veränderungen sprachen. Mit dem Jahr 1952 begann das halbe Jahrhundert jener nachmodernen Erfahrungsexplosion, welche die Welt von Grund auf ver-
ändert hat, bis wir in unseren Tagen – um mit Jürgen Habermas zu sprechen – nicht mehr neue Antworten auf alte Fragen suchen, sondern vor Fragen einer anderen Art stehen.
Im Jahr 1952 wurde der Nobelpreis für Medizin an Selman Abraham Waksman für die Mitentdeckung des Streptomycins vergeben, und im gleichen Jahr wurden Bakterien gezüchtet, die gegen dieses Antibiotikum 250 000-mal widerstandsfähiger sind als die Ausgangsform. Im Folgejahr schon (1953) haben Crick und Watson in der Zeitschrift „Nature“ jene klassische Beschreibung der DNA-Doppelhelix publiziert, die das biologische Zeitalter einleitete und die Mikrobiologie als Leitwissenschaft an die Stelle der Atomphysik setzte.
Dass sich die Bundes­ärzte­kammer im Jahr 1952 einen Wissenschaftlichen Beirat geschaffen hat, war somit eine weitreichende und eine vorausschauende Entscheidung. Von nun an nämlich wurde der Zusammenhang von Biologie oder besser von Biochemie und Medizin so eng, dass der Abstand zwischen Grundlagenforschung und Entwicklung rasch zu schrumpfen begann, wissenschaftliche Entdeckungen und Entwicklungen das soziale Leben revolutionierten und die Entwicklungen bereits der Grundlagenforschung in wirtschaftliche und ethisch relevante Bereiche eindrangen. Die Aufgabe der Ärztekammern, für einen wissenschaftlich und ethisch hoch stehenden Ärztestand Sorge zu tragen, war ohne fachkundige Beratung in beiden Bereichen nicht mehr zu erfüllen.
Dass sich Ethik, insbesondere ärztliches Ethos, und Wissenschaft widersprechen können und solche Widersprüche in neuerer Zeit auch unter demokratischen Verhältnissen häufiger werden, liegt vermutlich an der besonderen Art, in der sich Naturwissenschaft und Technik weiterentwickeln. Der Begriff des „Fortschritts“, der seit wenigstens 1795 im heutigen Wortgebrauch überliefert ist, als „Vermehrung der Einsichten, der Erfahrung, des Muts, der Fertigkeit im Guten oder auch im
Bösen“, gehört zu den Naturwissenschaften und zur Technik in einem ganz anderen Maße als zu Kunst, Literatur und Geisteswissenschaften.
Naturwissenschaft und Technik sind geradezu durch ihren Fortschritt definiert, „Die Kernphysik überwindet die Alchimie; durch die Molekularbiologie wird die Physiologie der Körpersäfte überholt. Dasselbe gilt für die Anwendungen: E-Mail stellt eine Verbesserung gegenüber dem Semaphor dar, ein Überschallflugzeug überflügelt eine Galeone, das Chloroform veranschaulicht das Heraustreten des Menschen aus unvorstellbaren Schmerzen. Keine Winde der Mode werden Naturwissenschaft oder Technologie in die Vergangenheit zurückwehen“ (G. Steiner). Durch die Beschleunigung des Erfahrungswandels, welche das grundlegende Kennzeichen der Moderne und der Nachmoderne ist, sind wir alle in der Lage, solche Fortschritte am eigenen Leibe zu prüfen: Wer in seiner Kindheit die Gefahren der Poliomyelitis gesehen hat, weiß, welch kluge Entscheidung es war, die wenigen zur Verfügung stehenden Mittel in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts nicht in die Perfektionierung der Eisernen Lungen, sondern in die virologische Grundlagenforschung und damit in die Entwicklung eines Impfstoffes zu investieren.
Der Fortschritt in den Naturwissenschaften aber hat es an sich, dass er von Einzelnen kaum zu beeinflussen ist, dass er sich prozesshaft, gleichsam aus sich selbst heraus fortschreibt, dass damit auch alle Grenzen, welche die Forschung sich selbst setzt und sich selbst setzen will, nicht haltbar sind. Die Summe der naturwissenschaftlichen Fortschritte, sagt George Steiner, übersteige „exponentiell ihre einzelnen Teile, und seien sie auch noch so sehr von persönlichem Genie inspiriert“. In einem gewissen und starken Sinne sei der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt demnach „träge und ozeanisch“, ließen sich „naturwissenschaftliche Theorien und Entdeckungen [nur]. . . als anonym denken. Die große Flut kommt herein“. Der ganze Unterschied aber zu der „anderen“ Kultur, der ganze Unterschied zwischen „science“ und „literature“, ist dann in Steiners Frage enthalten, die da lautet: „Was stellt im Gegensatz hierzu einen Fortschritt gegenüber Homer oder Sophokles, gegenüber Platon oder Dante dar?“ So fügt er an diese – absurde – Frage die lapidare Antwort an: „Ernsthafte Werke werden weder überholt noch verdrängt; große Kunst wird nicht antiquarischem Status überantwortet; [die Kathedrale von] Chartres altert nicht.“ Dies bedeutet, dass „in den bildenden Künsten, in der Literatur und der Musik . . . Dauer nicht Zeit“ ist, dass auch die ethischen Fragen der Menschheit nicht altern, weil es tatsächlich so etwas gibt wie „den“ Menschen und seine Verfasstheit in der Welt.
Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine immer wieder vergessene Einsicht, die schon Goethe unter dem Eindruck der auf naturwissenschaftlicher Grundlage entstehenden Technik seiner Zeit so formuliert hat: „Neue Erfindungen können und werden geschehen, allein es kann nichts Neues ausgedacht werden, was auf den sittlichen Menschen Bezug hat.“ Der Humanitäts-Diskurs ist von anderer Art als der moderne Wissenschafts-Diskurs. Dort, wo sich beide Diskurse nicht durchdringen und widerständig aufeinander beziehen, gerät die Welt aus dem Gleichgewicht. So steht die Geschichte der Einsamkeit (und die ethische Entscheidung gehört zu ihr) gegen die Geschichte des Fortschritts, die Geschichte zeitloser Dauer gegen die der Geschwindigkeit wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Entwicklungen, die Geschichte der prozesshaft und „ozeanisch“ sich ausbreitenden naturwissenschaftlichen Einsicht in die Welt gegen die dem
Zufall, der Gewalt und dem Irrtum ausgesetzte Geschichte des Individuums und – da die Geschichte der Naturwissenschaft zugleich eine Geschichte des Rückzugs der Sprache ist – die Geschichte der sprachlichen Erklärung gegen die der Formel und die erst kurze Geschichte der Visualisierung hochkomplexer Zustände. Auf diesem völlig unübersichtlichen Gelände ist der Wissenschaftliche Beirat (nicht nur der Bundes­ärzte­kammer) positioniert, auf einem Feld, auf dem sich unterschiedliche Denkkulturen mit jeweils starken Eigentraditionen begegnen und herrisch ihr Recht fordern.
Dem „Imperativ des Fortschritts“ in Naturwissenschaft und Technik begegnet der Imperativ der moralischen Vernunft. Dieser Imperativ aber fordert, Grenzen und Dämme dort zu ziehen, wo der Erkenntnisstrom längst über die Ufer getreten ist, damit ein Stück bewohnbares Land für die Menschen verbleibt. Pragmatismus, in den viele vor der komplexen Problemlage heute zu flüchten versuchen, hilft in einer solchen Situation nur dem, der sich bereits mit Haut und Haaren dem „magischen Turnus der Investitionen und Auslöschungen“ (D. Grünbein) verschrieben hat. Ein solcher Turnus zerstört unser Gedächtnis ebenso wie die Grundlagen unseres Zusammenlebens.
Kein historischer Vergleich hat derzeit so Konjunktur wie der des „Rubikon“. Seit der Streit um die Forschung an embryonalen Stammzellen des Menschen in Europa und den USA begonnen hat, ist der kleine Fluss, der südlich von Ravenna in die Adria mündet, zu einer Leitmetapher in der Frage nach der ethischen Grenzziehung in Biologie und Medizin geworden. Es sei noch viel Raum diesseits des Rubikon, hat der Bundespräsident am 18. Mai 2001 in seiner berühmt gewordenen Berliner Rede über einen Fortschritt nach menschlichem Maß gesagt und damit heftigen Widerspruch geerntet. Das Grenzbild nämlich bezieht sich auf die Forschung an embryonalen Stammzellen des Menschen, für deren Gewinnung menschliche Embryonen in vitro hergestellt und innerhalb der ersten 14 Entwicklungstage getötet werden müssen. Es bezieht sich auf die weitgehend unbeantwortete Frage, weshalb die ethisch unproblematische Forschung an adulten Stammzellen nicht priorisiert wird, weshalb nicht wenigstens die Tierversuchsreihen abgeschlossen werden, ehe auf „menschliches Material“ übergegriffen wird? Es bezieht sich schließlich darauf, dass die Debatte in Deutschland nur eine Variante im weltweiten Embryonenstreit ist, die hier einer gegebenen Gesetzeslage gerecht zu werden versucht, aber keine grundsätzlich andere Debatte als die internationale Diskussion ist. Die Maximalforderungen der Forschung in Deutschland stimmen mit den Forderungen der Forschung überein, die weltweit auf verbrauchende Embryonenforschung zielen.
Johannes Rau, Hubert Markl, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Jür-
gen Habermas, Konrad Beyreuther und viele andere bemühen den Rubikon, um eine endlich erreichte Grenze des Wissens und die Gefahr oder die Chance der Grenzüberschreitung anschaulich zu machen. Der Rubikon ist jener Grenzfluss zwischen der Provinz Gallia Cisalpina und dem römischen Stammland, den Caesar im Jahr 49 v. Chr. mit seinen Legionen in Richtung auf Rom überschritten und damit die Lex Cornelia Majestatis gebrochen hat, die es einem Feldherrn untersagte, seine Armee aus der von ihm befehligten Provinz herauszuführen. Caesar hat mit dieser Entscheidung einen drei Jahre dauernden Bürgerkrieg eröffnet. Der Rubikon ist im Streit um Embryonenverbrauch und Stammzellenimport, um Präimplantationsdiagnostik (PID) und Keimbahnintervention, um therapeutisches und reproduktives Klonieren, um das Designer-Baby, den künstlichen Uterus und letztlich jenes body net, in welcher der Mensch „in einer Molekülkette, die theoretisch ununterbrochen sein könnte, zu einer Episode seiner oder ihrer früheren Inkarnationen werden könnte“ (G. Steiner), zum Bild der Grenze geworden, welche die Gesellschaft der Wissenschaft zu setzen versucht. Schließlich vergeht kein Tag, an dem nicht neue Sensationsmeldungen aus Pränatal- und Perinatalmedizin durch die Weltmedien geistern, an denen der „Imperativ des Fortschritts“ nicht nachdrücklich und durchaus staunenswert bewusst gemacht wird.
Es scheint, als stehe nach den schon von Sigmund Freud konstatierten Kränkungen des Menschen, die nach dem Befund von Jürgen Habermas allesamt „Dezentrierungen“ gewesen sind, nun eine dritte Kränkung bevor. Sie wird jedem von uns auf den Leib rücken und nicht nur das kollektive Bewusstsein beeinflussen. Nach der kopernikanischen Wende, welche die Erde aus dem Mittelpunkt des Kosmos genommen hat, war die Darwinsche Kränkung, die den Menschen – Krone der Schöpfung! – an die Kette seiner natürlichen Abstammung gelegt hat, die zweite Dezentrierungs-Erfahrung der Menschheit. Jetzt aber hat es den Anschein, als könne der Mensch eine nicht nur vorgestellte, sondern seine leibhafte Mitte verlieren, seinen nur ihm zugehörigen Leib, der gezeugt, nicht erzeugt ist, den er frei verschenken und sogar zerstören kann, der aber (noch) nicht zu manipulieren und nach dem Willen anderer irreversibel zu programmieren und zu verändern ist. Es hat den Anschein, als könne schon in absehbarer Zukunft der Mensch nicht mehr „Leib sein“, sondern nur noch „Körper haben“ (H. Plessner). Dies nämlich wäre die notwendige Konsequenz einer nicht nur im Einzelfall, sondern seriell durchgeführten Präimplantationsdiagnostik. Die Konjunktur der Körpermoden, der Körper-Erforschung, der Leichen-Plastinierung, der ästhetischen Präsentation plastinierter Körper in anatomischen Ausstellungen, der Paradigma-Bildung um Körper und Körperlichkeit in historischen und philologischen Wissenschafts-Disziplinen, aber auch der Körperverachtung in terroristischen Attacken und neuen Waffen, verweist in ihrer Massierung vermutlich doch eher auf eine Verlusterfahrung als auf die triumphale Entdeckung neuer Körperlichkeit.
„Leibhaftig“ heißt die (2002 erschienene) Erzählung von Christa Wolf, in der eine schwer kranke Frau die Entfremdung von ihrem eigenen Kör-
per zu überwinden sucht, versucht, wieder Leib zu sein, statt nur noch einen Körper zu haben, der nach dem Zusammenbruch des Immunsystems sich selbst aufzufressen beginnt: „Das Martyrium und der Untergang der Leiber“, heißt es in diesem Text in schlagzeilenartiger Erinnerung an das blutige 20. Jahrhundert, „mein Leib mitten unter ihnen.“
Im kollektiven Bewusstsein entsteht heute allmählich die Vorstellung, dass der Mensch seine leibhafte Mitte verlieren könnte, dass sich die letzte ihm verbliebene biologische Gewissheit auflösen könnte in die Beliebigkeit austauschbarer, zu züchtender Einzelorgane. Im gleichen Maße, in dem „immer rudimentärere Lebensformen [entdeckt oder im Modell entworfen werden], die der Schwelle zum Anorganischen immer näher stehen“, im gleichen Maße, in dem in den Tiefen des Weltinnenraums und des Kosmos das geschichtliche Bild des Menschen in die Kälte der Äonen entschwindet, verblasst auch die Vorstellung von der Würde, der Unverwechselbarkeit, der Nichtaustauschbarkeit der einen und einzelnen, in ihrer Einzelheit kostbaren, unwiederholbar konkreten Person. Das nicht-personale Zeitalter, in das wir, nüchtern gesehen, vor etwa 50 Jahren eingetreten sind, ist ein naturwissenschaftlich-technisch dominiertes Zeitalter, in diesem Zeitalter verändert sich nicht nur das Verhältnis des Menschen zur Natur (auch des eigenen Leibes), verliert dieses Verhältnis nicht nur die Anschaulichkeit, in dieser Ära wird die Realisierung einer bisher nur in den Mythen und Sagen der Menschheit existierenden Vorstellung wahrscheinlich, dass in nicht allzu ferner Zeit „genetisches Material, das zur Selbstreproduktion fähig ist, im Laboratorium geschaffen werden wird. Der adamische Akt und die Erschaffung des Golems sind rational denkbar“. (G. Steiner)
So gewinnt die Medizin, die es trotz, vermutlich sogar wegen ihrer naturwissenschaftlichen Grundlegung mit der verblassenden leibhaften Mitte des Menschen, mit dem konkreten, ganzen und komplexen Men-
schen zu tun hat, auf dem Konfliktfeld von naturwissenschaftlicher und sozialer Bestimmung des Menschen eine Position, die ihr die Rolle des Vermittlers in einem Wertekonflikt zuschreibt, wie er zugespitzter kaum denkbar ist. Denn um einen Wertekonflikt geht es bei der
Embryonendebatte in den Wissenschaftsländern der Welt, nicht so sehr um eine naturwissenschaftlich mit dem Sachverstand der Molekularbiologie zu entscheidende Frage. Es geht um die Frage, was schützenswertes menschliches Leben ist, welche Erbgutmanipulationen wir uns erlauben dürfen, welche Mittel der therapeutische Zweck fordert.
Der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer wird in Zukunft immer stärker von solchen Grenzfragen zwischen Wissenschaft und Ethik gefordert sein, weil dies die Fragen sind, in denen Gesellschaft und Politik nun vermehrt Beratung brauchen, in denen der einseitig (naturwissenschaftlich oder sozial) gepolte Sachverstand nicht ausreicht, um urteilsfähig zu sein. Ein solides naturwissenschaftliches Fundament des Wissens, die Fähigkeit zur sozialen Einbettung der zu entscheidenden Fragen in die Gemeinschaft von Werten und Kulturen und der Mut zur öffentlichen Aussprache der gefundenen Entscheidung sind die drei Säulen, auf denen die Stellungnahmen des Wissenschaftlichen Beirates beruhen. Es lohnt sich deshalb, die Rede des Bundespräsidenten von Mai 2001 nachzulesen, in der Fortschritt und Maß miteinander korreliert sind, eben jene beiden Begriffe, die den genannten Entscheidungen zugrunde liegen. „Auch wenn wir über die neuen Möglichkeiten der Lebenswissenschaften sprechen“, sagte Johannes Rau, „geht es nicht in erster Linie um wissenschaftliche oder um technische Fragen. Zuerst und zuletzt geht es um Wertentscheidungen. Wir müssen wissen, welches Bild vom Menschen wir haben und wie wir leben wollen.“
Wie weit heute schon die naturwissenschaftliche Beurteilung von möglichen medizinischen Methoden in das soziale Leben eingreift, ist vermutlich am Beispiel der Präimplantationsdiagnostik am einleuchtendsten zu beschreiben. Es steht dort nämlich inzwischen nicht mehr Zulassung oder Verbot eines diagnostischen Verfahrens zur Debatte, sondern die Begriffe von Gesundheit und Krankheit in einem relativen oder normativen Verständnis überhaupt. Eine der großen Überraschungen des Humangenomprojekts, sagt Konrad Beyreuther, sei das Faktum, dass sich „die Entstehung des Humangenoms auf ein unglaubliches Gemisch von Bruchstücken unterschiedlichster Herkunft zurückführen“ lasse. „Im Genom finden sich zahlreiche Kopien ehemaliger Viren. Virusinfektionen, die unsere Vorfahren erlitten, haben sich als ‚Immigranten‘ im Genom niedergelassen.“ Das bedeutet doch nichts anderes, als dass wir durch Krankheit gesund sind, dass Gesundheit und Krankheit nicht normativ, sondern nur entwicklungsgeschichtlich zu bestimmen sind, weil die Genkombinationen scheinbare Krankheitsdispositionen in Vorteile
für die Genträger verwandeln können? „Warum konnten sich krankheits-
disponierende Varianten bestimmter Gene durchsetzen?“ fragt Konrad Beyreuther. „Was ist ihr Vorteil?“ Und er antwortet: „Bei der Sichelzellanämie, die bei 40 Prozent der Nordafrikaner vorkommt, kennt man den Grund. Die Veranlagung schützt vor Malaria. Sie hat aber den Nachteil, dass bei schwerer körperlicher Arbeit die sichelförmige Veränderung der roten Blutzellen zu Verstopfung der Blutgefäße führt und damit tödlich sein kann.“ Eine Menschenzüchtung also, die abstrakt und rationalistisch seriell nach Design und Programm fragt und die unvorstellbare, überkomplexe Fülle des Lebens vernachlässigt, wird Monstren, nicht Menschen, jedenfalls nicht Menschen nach dem heute noch gültigen und anschaulichen Bild dieser Spezies, herstellen. Der Eingriff in die Erbanlagen des Menschen unterliegt gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Wertentscheidungen. „Was heute als nutzlose oder schädliche Genvariante erscheinen mag, kann sich morgen als Schlüssel zum Fortbestand der Spezies Mensch erweisen. Klar scheint jedenfalls zu sein, was genetisch sinnvoll ist, kann sich binnen kurzem verändern, und das Abnorme kann sich über Nacht zur Norm entwickeln. Die Normalität des genetisch Abnormen macht offensichtlich Sinn. PID ohne strengste Indikationen und Keimbahnmanipulationen beim Klonen von Menschen wären gefährliche Eingriffe in dieses Reservoir.“ (K. Beyreuther)
In die gesellschaftliche und wissenschaftliche Debatte um die Konkurrenz verblassender, sich spaltender und vielleicht sogar auflösender Menschenbilder hat Jürgen Habermas mit der Frage nach der Gattungsethik des Menschen ein Argument eingeführt, das in der kasuistischen deutschen Diskussion um Gesetzeslücken und Stammzellenimport unterzugehen droht. Habermas meint, dass der heutige Umgang mit vorpersonalem menschlichen Leben Fragen eines Kalibers aufwerfe, die normale Differenzen der Denkkulturen oder auch der Kulturkreise weit überschreiten. „Sie berühren nicht diese oder jene Differenz in der Vielfalt kultureller Lebensformen, sondern intuitive Selbstbeschreibungen, unter denen wir uns als Menschen identifizieren und von anderen Lebewesen unterscheiden – also das Selbstverständnis von uns als Gattungswesen.“ Die emotionalen Reaktionen auf die verbrauchende Embryonenforschung, auf die „Zeugung von Embryonen unter Vorbehalt“ und die „Vernutzung“ von menschlichen Embryonen, die ja bis zum Vorwurf „archaisch-kannibalistischer Praktiken“ reichen, drückten den „Abscheu vor etwas Obszönem“ aus. Er sei zu vergleichen dem „Ekel beim Anblick der chimärischen Verletzung der Artgrenzen, die wir naiverweise für unverrückbar gehalten hatten“. Das „ethische Neuland“, das wir beträten, bestehe „in der Verunsicherung der Gattungsidentität“. Wenn dieser Befund richtig ist, und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, dann müssen wir vermutlich lernen
einzusehen, dass es zu dem von uns (von uns Menschen) erzeugten und entwickelten, umstrittenen und geglaubten Bild des Menschen, das seit den ersten Manifestationen menschlichen Bewusstseins in der leibhaften Identität des Gattungswesens Mensch wurzelt, eine Alternative zu geben scheint: die Auflösung dieser leibhaften Identität durch die genetische Vor- und Umprogrammierung gezüchteter Menschen. Ein von seinen Eltern oder seinen Erzeugern irreversibel und programmgemäß geschaffener Mensch wird ein anderes Verhältnis zu seiner und seiner Mitlebenden Existenz haben als ein aus der Zufallsentscheidung der Natur entstandener Mensch. „Die Vergegenwärtigung der vorvergangenen Programmierung eigener Erbanlagen mutet uns gewissermaßen existenziell zu, das Leibsein dem Körperhaben nach- und unterzuordnen.“
Das sind weitreichende Fragen und sie stellen sich jetzt. Auch wenn die Apologeten der umstandslosen Forschung an embryonalen Stammzellen des Menschen nur ganz kleine Brötchen zu backen meinen, hat ihre „Ethik des Heilens“ gegenüber diesen Grundfragen des Menschseins etwas rührend Naives an sich. Zeugung und Erzeugung von menschlichem Leben sind unterschiedliche Ursprungsweisen. Der genetische Zufall des bunten Menschengewimmels ist etwas grundsätzlich anderes als die technisierte Planung eines optimierten, eines gezüchteten Menschen.
Menschenzucht liegt sicher (noch) nicht in der aktuellen Absicht der seriösen Forschung an menschlichen Embryonalzellen und gehört derzeit noch zum Propaganda-Arsenal der „Spinner“, aber, und das wird allzu oft übersehen, sie liegt in der Entwicklungstendenz dieser Forschung. „Embryonenzucht und PID“, konstatiert Habermas, „erregen die Gemüter vor allem deshalb, weil sie eine Gefahr exemplifizieren, die sich mit der Perspektive der ‚Menschenzüchtung‘ verbindet. Zusammen mit der Kontingenz der Verschmelzung von jeweils zwei Chromosomensätzen verliert der Generationenzusammenhang die Naturwüchsigkeit, die bisher zum trivialen Hintergrund unseres
gattungsethischen Selbstverständnisses gehörte.“
Es könnte also sein, dass durch die Fortschritte der Genetik und ihrer Anwendungsform, der Gentechnologie, die überlieferte Weise der vom Menschen ausgeübten Herrschaft über die Natur verändert wird. „Mit den humangenetischen Eingriffen schlägt Naturbeherrschung in einen Akt der Selbstbemächtigung um, der unser gattungsethisches Selbstverständnis verändert – und notwendige Bedingungen für autonome Lebensführung und ein universalistisches Verständnis von Moral berühren könnte.“ Wer von den ihm Vorangehenden (seinen Eltern, seinen Erzeugern, seinen Ei- und Samenspendern) nicht durch natürliche Zufallsentscheidung, sondern durch technische Intervention irreversibel genetisch programmiert ist, verliert nichts weniger als die Freiheit gegenüber dem vorherbestimmenden, auch gegenüber dem erzieherischen Willen der Eltern. Zwar ist dies eine Frage, die stärker das Bewusstsein als den Organismus betrifft, doch ist es die Kernfrage nach dem Selbstverständnis des Menschen. „. . . warum sollen wir moralisch sein wollen“, heißt es bei Habermas, „wenn die Biotechnik stillschweigend unsere Identität als Gattungswesen unterläuft?“ Anders gefragt: Warum sollten wir moralisch sein wollen, wenn wir durch Programm und Design vorbestimmt, optimiert und in eine Entwicklungsbahn gezwungen sind, der wir nicht entkommen können?
Mit der durch Programm und Design zerstörten Freiheit der Entscheidung könnte der „Impuls des moralischen Wollens“ aus der Welt entschwinden. „Aber das Leben im moralischen Vakuum [so nochmals Habermas], in einer Lebensform, die nicht einmal mehr moralischen Zynismus kennen würde, wäre nicht lebenswert. Dieses Urteil drückt einfach den ‚Impuls‘ aus, ein menschenwürdiges Dasein der Kälte einer Lebensform vorzuziehen, die von moralischen Rücksichten unberührt ist.“ Dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen. Die Perspektive, unter der wir diskutieren, ist die aktuelle Bedrohung nicht mehr nur des Individuums oder der Gesellschaft, sondern die Bedrohung der Gattung „Mensch“. Wir streiten nicht um neue oder veraltete wissenschaftliche Methoden, nicht um Gesetzeslücken und Gesetzesnovellierung, nicht einmal um Forschungsfreiheit und Menschenwürde, wir streiten um die bisher naturwüchsige, scheinbar alternativenlose leibhafte Basis unserer Urteile und Entscheidungen, um den Begriff des Menschen und seines Leibes, um den Begriff menschlicher Freiheit und die physischen Möglichkeiten humanen, ethischen Wollens. Einen solchen Streit hat es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben. Hier stellen sich tatsächlich „Fragen anderer Art“, und darum lohnt sich der Streit. Die Stimme des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer hat in diesem Streit Gewicht.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Ärztebl 2002; 99: A 1281–1286 [Heft 19]

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. phil. Wolfgang Frühwald
Römerstädter Straße 4 k, 86199 Augsburg
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