ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Medizinstudium: Kein Verzicht auf solide naturwissenschaftliche Ausbildung
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LNSLNS Was Herr Gebert unter dem Schlagwort der Entrümpelung der theoretischen Lehrinhalte des Medizinstudiums formuliert, ist nichts anderes als das Ansinnen, die klinische Medizin von ihren naturwissenschaftlichen und biologischen Grundlagen zu isolieren. In einer Zeit, in der die Entwicklung der Naturwissenschaften wie nie zuvor unsere diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten bestimmt, entwirft er damit das Bild eines Arztes, dem der Zugang zu den Grundlagen der Regeln seines Handelns verwehrt, zumindest aber erschwert werden soll.
Die von Herrn Gebert suggerierte Analyse der Bedeutungslosigkeit physikalischer Grundkenntnisse für den ärztlichen Beruf bietet ein eindrucksvolles Beispiel, wie ein mangelhafter Zugang zur eigentlichen Fragestellung fehlende analytisch-wissenschaftliche (oder, medizinisch gesprochen, diagnostische) Stringenz zu eklatanten Fehleinschätzungen führt. Die Frage, ob bescheidene Ergebnisse bei der Beantwortung der schriftlichen Physikumsfragen nicht viel eher etwas über die Prüfungsrelevanz dieses Faches aussagen (nur etwa 20 der insgesamt 320 Fragen des Physikums können der Physik zugerechnet werden) als über seine grundsätzliche Bedeutung für Ärzte, die tagtäglich ein imposantes Arsenal physikalischer Prinzipien und Apparate zum Nutzen ihrer Patienten einsetzen, wird überhaupt nicht in Betracht gezogen. Stattdessen werden eine im vorliegenden Kontext nutzlose Diskussion zur statistischen Korrektur der Physikumsergebnisse und extensive Beispiele zu Physikumsfragen vorgelegt. Auch die Frage, inwiefern diese Fragen zur Prüfung ärztlich relevanter Kenntnisse geeignet sind, wird nicht einmal angedeutet.
Hat Herr Gebert den als Quintessenz formulierten Gedanken, dass mangelhafte Prüfungsergebnisse die fehlende Relevanz eines Wissensgebietes nahe legen, wirklich zu Ende gedacht? Die allgemein gehaltene Aussage, die „überwiegend sehr gute bis gute Bewertung der Kandidaten in den abschließenden klinischen Examina“ zeige, dass der Erwerb naturwissenschaftlicher Grundkenntnisse im Grundstudium irrelevant sei, entbehrt jeglichen rational nachvollziehbaren Beleges. Zunächst: Wie viele der Studierenden bestehen die Ärztliche Prüfung mit der Bewertung „sehr gut“? Hier selbst unter Einbeziehung der gut abschneidenden Studierenden von einem „überwiegenden Anteil“ zu sprechen ist schlichtweg irreführend. Hinzu kommt, dass in den von Herrn Gebert extensiv zitierten Durchschnittsergebnissen auch die Resultate derjenigen eingegangen sind, die das Physikum oder die Ärztliche Prüfung letztendlich nicht bestanden haben. Er zeichnet damit ein (wissentlich?) verzerrtes Bild der naturwissenschaftlichen Prüfungsergebnisse unserer Ärzte.
Wenn Herr Gebert vermutet, es gäbe keinen Zusammenhang zwischen klinischen Fähigkeiten und Kenntnissen und einem schon zur Allgemeinbildung gehörenden Grundverständnis der Biologie, Physik und Chemie, so hätte er dies anhand eines Vergleichs der in seinem Hause vorliegenden Daten über die Leistungen in diesen Grundlagenfächern und in den Ärztlichen Prüfungen nachprüfen können und solide Daten und eine adäquate Analyse vorlegen können. Dass er dies unterlässt, mag sein Verhältnis zur naturwissenschaftlichen Methode und Präzision spiegeln. Oder unterstellt Herr Gebert, den Lesern des DÄ mangele die naturwissenschaftliche Bildung, um eine solide Analyse zu verstehen?
Prof. Dr. med. Anke Rohde, Studiendekanin der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. med. Manfred Göthert, Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Karl Schilling, Anatomisches Institut, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Nussallee 10, 53115 Bonn
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