ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Evidenzbasierte Medizin: Aufwertung der Hausärzte ist nicht so falsch

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Evidenzbasierte Medizin: Aufwertung der Hausärzte ist nicht so falsch

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): A-1291 / B-1099 / C-1027

Praetorius, Frank

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LNSLNS Die Fähigkeit, „Entscheidungen im Zustand der Unentschlossenheit zu treffen“, wird von Porzsolt und Strauss zu Recht als Teil der ärztlichen Kunst bezeichnet. Sie sei bei wenig belegten Therapien besonders gefragt. Ebenso wichtig bei der Ausbildung junger Ärzte sei die Erziehung zum „Zweifel am Nutzen unzureichend gesicherter Maßnahmen“. Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen, sofern dabei auch die methodischen Zweifel an der Evidenzbasierten Medizin (EbM) selbst nicht zu kurz kommen, wie sie etwa von Rogler und Schölmerich und uns (Praetorius und Sahm 2001) kürzlich dargelegt wurden.
Aber wo sind die statistisch gesicherten Ergebnisse der von den Autoren angesprochenen „wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der EbM“, nach denen es „unmöglich ist, beide Fähigkeiten, das Vertrauen in eine Versorgungsleistung und die kritische Beurteilung dieser Versorgungsleistung, in einer Person zu vereinigen“? Die Autoren wollen auf dieser Basis den weitreichenden und eigentlich politischen Schluss akzeptieren, dass es eine Zweiteilung der medizinischen Versorgung mit „verschiedenen Wegen der Sozialisation des Arztes“ geben müsse, eine Koppelung beider (Praktiker versus Theoretiker) sei nicht möglich.
Als Kardiologe habe ich erfahren müssen, dass auch aus den Fehlern ausschließlicher Spezialisierung zu lernen ist. Die diagnostische Relevanz und die Prävalenz anamnestischer Angaben ändert sich mit dem Abstand vom Hausarzt, und die Resultate diagnostischer Methoden hängen in der Praxis (nicht nur in der Forschung) von der Stichprobe ab, in der sie durchgeführt werden (vergleiche das Bayes-Prinzip). Wir müssen zugeben, dass die gesundheitspolitischen Bestrebungen im Sinne einer Aufwertung der Hausärzte gegenüber den Spezialisten nicht so falsch sind, wie entgegenstehende wirtschaftliche Interessen manchmal hören lassen. Das wäre eine gesündere Zweiteilung als die von Porzsolt und Strauss angestrebte. Die Beobachtungen während ihrer Kurse – „Die Studenten in Jena haben uns in der Annahme bestärkt . . .“ (!) – verführen zu dem Fehlschluss (naturalistic fallacy), es müsse auch so sein wie beobachtet. So etwas kann jedem passieren, aber es ist keine EbM.
Literatur beim Verfasser
Dr. med. Frank Praetorius, Lauterbornweg 27, 63069 Offenbach/ Main
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