ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Kritik der Ursachenforschung bei Infektionskrankheiten

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Kritik der Ursachenforschung bei Infektionskrankheiten

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): A-1293 / B-1082 / C-1009

Bartmann, Karl

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LNSLNS Infektiologie: Kausalproblem in der Medizin
Karl Bartmann: Kritik der Ursachenforschung bei Infektionskrankheiten. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 2001, XI, 366 Seiten, kartoniert, 44 €
Es handelt sich um ein weit ausholendes Werk zum Kausalproblem in der Medizin, exemplifiziert am Fachgebiet des Verfassers, der Infektiologie. Die ersten beiden Teile des Buches behandeln Definitionen und Methodologie in der Ära Koch/Pasteur. Diese erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Ausführungen verlangen vom philosophisch weniger vorgebildeten Leser Nachdenken und Durchhaltevermögen, aber es lohnt sich, auch wenn man mit dem Text nicht immer einverstanden ist.
Teil drei bringt dann eine Analyse wichtiger Infektionskrankheiten unter dem Gesichtspunkt des Kausalproblems, zum Beispiel Cholera asiatica (kein Tierversuch, nicht erkrankte Träger), Diphtherie (Toxinwirkung in nicht besiedelten Organen, Serumprophylaxe), Influenza (bakterielle Ko- oder Superinfektion), Lymekrankheit et cetera. Eine Synthese, die ganz besonders lesenswert ist, versucht der Verfasser in Teil vier, den metaanalytischen Bemerkungen, wobei er auch wissenschaftssoziologische Probleme wie Karriere, Akzeptanz in der Wissenschaftsgemeinschaft, Täuschungen diskutiert.
Es ist kein Kunststück, bei einem derart umfassenden Werk mit rund 1 150 Literaturstellen, das von Aristoteles über David Hume und Karl Popper bis in die heutige Molekularbiologie reicht, Schwächen und Fehler zu finden. Nur so viel: Gelegentliche Straffung wäre für den weniger initiierten Leser hilfreich gewesen. Kritik, zum Beispiel an Koch, obwohl durchaus berechtigt, wirkt nicht immer behutsam und dadurch – salopp gesagt – manchmal „kleinkariert“. Trotz des Begriffsregisters und des ausführlichen Inhaltsverzeichnisses wäre ein Index hilfreich. Alte und moderne Probleme der Pathogeneseforschung kommen zu kurz, zumal sie, zum Beispiel Infektionen mit humanen Papillomviren und Karzinogenese, Schwierigkeiten der Ursachenforschung gut beleuchtet hätten.
Dies ist ein scharf analytisches, inhaltsreiches Werk, das allein schon wegen des ein Leben ausfüllenden, sorgfältigen Studiums von Originalliteratur große Beachtung verdient. Ich würde mir wünschen, dass jeder avanciertere Medizinstudent, jeder in der medizinischen Forschung Tätige und nicht zuletzt jeder praktische Arzt die Kraft und Disziplin aufbrächte, das Buch zu studieren. Hans J. Eggers
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