ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Die griechische Klassik: Ein Windhauch von weither

VARIA: Feuilleton

Die griechische Klassik: Ein Windhauch von weither

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): A-1313 / B-1101 / C-1027

Lange, Joachim

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Fotos: Staatliche Museen zu Berlin
Fotos: Staatliche Museen zu Berlin
Die Ausstellung vermittelt eine Vorstellung davon, wie das klassische Hellas zur Bezugsgröße werden konnte.

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin stellt mit ihrem Thema „Die griechische Antike – Idee oder Wirklichkeit“ eine Frage, deren Antwort sie dann, in einer Balance zwischen Wissenschaft und Kunst, nicht nur beantwortet, sondern regelrecht inszeniert. Dafür hat der Theatermann Karl-Ernst Herrmann ästhetisch Räume in Szene gesetzt.
Da treffen eine thematische Gliederung, akribische Kommentare und die sinnliche Anschauung aufbereiteter Zeugen aufeinander. Manchmal geht das auf, manchmal aber in der Fülle der rund 750 Exponate von immerhin 115 Leihgebern auch unter. Am überzeugendsten ist die Ausstellung da, wo die Plastiken und Modelle für sich sprechen. Von besonderem Reiz ist die Abteilung „Maß, Vermessung, Akribie und Größe“. Nicht nur weil die römischen Kopien von Polyklets Speerträger den Kanon klassischer Schönheit und Perfektion demonstrieren, sondern auch, weil an zwei prominenten Beispielen, dem Parthenon auf der Athener Akropolis und dem Maussolleion von Halikarnassos, die Höhepunkte klassischer, griechischer Architektur im 5. und 4. Jh. v. Chr. als Modell zu bestaunen sind.
Der Lichthof des Martin-Gropius-Baus ist zugleich Entree und Mittelpunkt der Ausstellung. Er simuliert eine Agora, die auch der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens war. Luftig herabhängende weiße Tücher umgeben diesen Raum. Bänke laden zum Sitzen und Miteinanderreden ein. Im Zentrum auf einem hohen Podest prunkt in zwölf Meter Höhe, von vier Adlern umkreist, eine Rekonstruktion der Siegesgöttin des Bildhauers Painios aus Olympia. Zu ebener Erde in Augenhöhe blicken die römischen Kopien der Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton (aus Neapel angereist) aus dem 5. Jahrhundert vor Christus aufrecht in die Zukunft.
Wenn der Besucher diesen Raum verlässt, begibt er sich auf eine Expedition durch acht räumlich um den Innenhof gruppierte Themenbereiche. Da steht etwa in der Abteilung „Leben in Bildern und leben mit Bildern“, die den Konventionen der griechischen Lebensweise nachspürt, eine Statue des Dichters Anakreon, um die herum acht Kränze aus Efeu, Minze oder Myrte gruppiert sind.
Kessel aus Ton, Triptolemos auf einem mit Schlangen gezogenen Flügel-Wagen, um 470 v. Chr., Los Angeles, J. Paul Getty Museum
Kessel aus Ton, Triptolemos auf einem mit Schlangen gezogenen Flügel-Wagen, um 470 v. Chr., Los Angeles, J. Paul Getty Museum
So waren einst die Teilnehmer eines Symposiums – wie die sagenhaften Trinkgelage hießen – bekränzt. Die Modelle landwirtschaftlicher Pro-
duktion wiederum sind, wie in der Abteilung „Basis der Klassik“, in ein riesiges Kornfeld gebettet.
Ein Bild der athenischen Gesellschaft mit den Porträts von Geistesgrößen der europäischen Geschichte wie Aristoteles, Sophokles und Perikles zeichnet die Abteilung „Politik und Öffentlichkeit in klassischer Zeit“, während unter dem Motto „Athen und Welt im 5. Jahrhundert v. Chr.“ ein Bild jener Kulturen rund um das Mittelmeer angedeutet wird, mit denen die Griechen damals im Austausch standen.
Dann geht es von der Abteilung „Drei Wege zur Klassik“ über die erste große Rezeption „Die neue Klassik im römischen Imperium“ zu den verschiedenen Renaissancen und Klassizismen. Das schließt die künstlerische Auseinandersetzung und politische Vermarktung der Antike im 20. Jahrhundert ein, bis hin zu ihrer Pervertierung durch die Riefenstahl-Ästhetik. Auch diese Fernwirkungen sind zum Teil mit aus-
gesuchten Exponaten, aber doch mehr sporadisch belegt.
All diese Räume um die Agora lassen sich nacheinander abarbeiten oder einfach durchwandern. Am besten beides, mehrmals und vor allem mit etwas Zeit. Denn die Fülle des Materials fordert die Mitarbeit des Besuchers, sei es beim Studieren der Details oder nur beim Spiel mit den eigenen Assoziationen.
So entsteht ein Bild der Antike oder besser noch das Bild ihres Widerhalls über die Epochen hinweg. Und es formt sich eine Vorstellung davon, wie das klassische Hellas mit seiner Architektur und seinen Skulpturen, mit seiner Philosophie und den politischen Formen für alles, was dann folgte, zur Bezugsgröße werden konnte. Dr. Joachim Lange
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