ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Arterielle Verschlusskrankheit: getABI-Studie sammelt epidemiologische Daten

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Arterielle Verschlusskrankheit: getABI-Studie sammelt epidemiologische Daten

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): A-1316 / B-1121 / C-1049

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Die Amputation von jährlich 25 000 bis 35 000 großen Gliedmaßen ist das Ergebnis einer versäumten Prävention von peripheren arteriellen Verschlusskrankheiten (pAVK). Die rund 60 000 operativen Eingriffe bei pAVK-Patienten, die jährlich in Deutschland vorgenommen werden, dienen dem Extremitätenerhalt und beeinflussen die Lebensqualität positiv; sie vermindern aber nicht die hohe Mortalität, wie Prof. Jens Allenberg bei einer Pressekonferenz der Firma Sanofi-Synthelabo in Wiesbaden ausführte.
Für den Heidelberger Arzt ist die pAVK eine Markerkrankheit, die ein hohes atherosklerotisches Risiko anzeigt: Rund die Hälfte der symptomatischen Betroffenen leidet an einer koronaren Herzkrankheit, und 70 Prozent davon sterben an einem Herzinfarkt. Zur Prävalenz existieren für Deutschland bis heute keine exakten Zahlen – was sich allerdings bald ändern wird. Denn inzwischen sind rund 6 880 Patienten in die „getABI-Untersuchung“ (german epidemiological trial on ankle brachial index) aufgenommen worden. Erstmals werden dabei unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaften für
Angiologie, Kardiologie, Gefäßchirurgie und der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft epidemiologische Daten zur Häufigkeit bei allgemeinmedizinischen älteren Patienten erhoben. Diagnostische Basis bildet der dopplersonographisch bestimmte Knöchel-Arm-Druck-Index (ankle brachial index – ABI).
Nach europäischen Untersuchungen sind rund elf Prozent der älteren Männer – Frauen etwas weniger häufig – betroffen, wobei ein Drittel symptomlos ist. Nach einer US-Untersuchung von circa 7 000 über 70-jährigen Risikopatienten (Rauchen, Diabetes) wird die Häufigkeit der pAVK massiv unterdiagnostiziert: 29 Prozent wiesen mit einem ABI < 0,9 ein deutliches Indiz für eine pAVK auf, bei mehr als der Hälfte handelte es sich um eine Erstdiagnose – und nur elf Prozent wiesen eine Claudicatio intermittens auf.
Mit diesen Daten ist für Prof. Curt Diehm (Karlsbad) klar belegt, dass die Erkrankung – sowohl aufgrund anderer schmerzhafter Krankheiten als auch durch das unbewusst angepasste Verhalten der Betroffenen – anamnestisch lange stumm bleiben kann, was eine massive Unterdiagnostik zur Folge hat. Dies verhindert eine optimale sekundäre Prävention.
Dazu zählen nicht nur Medikamente, sondern vor allem auch ein angepasstes Training. Denn pAVK-Patienten weisen ein deutlich erhöhtes Sturzrisiko auf, weil sie schlechter Balance halten, weniger Kraft in der Bein-muskulatur aufweisen und häufig eine Koinzidenz mit zerebralen Durchblutungsstörungen vorliegt.
Mehr Patienten als in der Framingham-Studie
Als Risikofaktor mit der höchsten „odds ratio“ hat sich der Knöchel-Arm-Druck-Index bestätigt – die Korrelation ist weitaus stärker als diejenige mit Diabetes, Rauchen, erhöhtem Cholesterin oder dem Alter. In Deutschland wurde deshalb die – wohl weltweit einzigartig – umfangreiche Untersuchung gestartet, mit der repräsentative Aussagen darüber gewonnen werden, wie viele ältere Menschen
(> 65 Jahre) in hausärztlicher Betreuung unerkannt an einer AVK leiden.
Mit rund 6 880 erfassten Patienten weist die von Sanofi-Synthelabo getragene „getABI“-Studie damit mehr Patienten aus als die Framingham-Studie. Mit den Ergebnissen der Untersuchung – erste Daten werden für den Sommer erwartet – soll eine Rationale für die Forderung geschaffen werden, nicht nur bei Risikopatienten, sondern möglicherweise auch bei allen älteren Menschen, den ABI routinemäßig zu bestimmen, um entsprechende sekundäre Prophylaxemaßnahmen vorzunehmen. Überprüft wird auch, ob der in den Vereinigten Staaten geltende Wert eines ABI < 0,9 als Kriterium für eine AVK übertragbar und sinnvoll ist.
Für eine flächendeckende spätere Umsetzung eines derartigen Screenings müssten sich die Allgemeinärzte allerdings mehr mit der Doppler-Sonographie anfreunden, als dies bisher der Fall ist. Prof. Gerhart Terpohl (München) schätzt, dass derzeit nur rund 15 Prozent der Praxen über ein entsprechendes Gerät verfügen – obwohl die Technik relativ einfach und seit Mitte der 70er-Jahre eingeführt ist.
Dr. Renate Leinmüller
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