ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Alaska: Überraschungen im Permafrost

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Alaska: Überraschungen im Permafrost

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): A-1319 / B-1130 / C-1031

Scheiper, Renate V.

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Eine Kreufahrt an Bord der „World Discoverer“

Keine zehn Kilometer ist die Packeisgrenze von der Küste entfernt. Vor Vergnügen kreischend aber toben Kinder im für uns Europäer eiskalten Wasser der heranrollenden Wogen der Tschuktschensee herum. Fast kollidieren sie mit einer schweren, vierrädrigen Honda, auf der ein Eskimo den schwarzen Strand entlangbraust, auf dem Gepäckträger ein Karibu, das er draußen in der Tundra erlegt hat – ein Freudenfest für die Familie, denn Wal- und Karibufleisch sind kostbare Speisen in Barrow, dem nördlichsten Ort des amerikanischen Kontinents. Nur während der drei eisfreien Monate Juli bis September können von Seattle Versorgungsschiffe kommen mit allem Sperrigen, was man braucht, wie Bauholz, Dämmmaterial, Fertigteile, Autos und Hondas. Die übrigen Monate im Jahr kann Barrow, die größte Eskimosiedlung Alaskas, nur per Flugzeug erreicht werden. Straßen durch die Tundra gibt es nicht und in Barrow selbst nicht einmal Asphaltstraßen – wegen des Permafrostes, der den Boden im Sommer nur bis höchstens 15 Zentimeter auftauen lässt.
Überaus herzlich und gastfreundlich sind die Inupiat-Eskimos. Spontan werde ich von Sandra, der Schatzmeisterin der Arctic Slope Regional Corporation, für den Abend in ihr Haus eingeladen, um Köstlichkeiten wie Muktuk zu probieren, gefrorene Walhaut mit Blubber, dem vitaminreichen Speck. Er wird in hauchdünne Scheibchen geschnitten, mit Salz bestreut und zergeht mit einem nussartigen Geschmack auf der Zunge. Dazu gibt es Saft. Denn Alkohol ist in Barrow strikt verboten.
Die sieben Orte der Inupiat-Eskimos in Alaska haben sich zu der Corporation zusammengeschlossen, um sich selbst zu verwalten. Trotzdem werden ihnen von Washington die Daumenschrauben angesetzt. Ihre für Landwirtschaft oder Viehzucht nicht nutzbare, aber an Ölvorkommen reiche, riesige Region wurde zum Naturschutzgebiet erklärt. Also dürfen sie die Ölvorkommen nicht ausbeuten – damit das flüssige Gold in der benachbarten Prudhoe Bay, das die USA für sich beansprucht, konkurrenzlos fließen kann.
Vom Zimmer des „Top of the World Hotels“ beobachte ich nachts vorüberziehende Wale, denn im August gibt es nur zwei Stunden Dämmerung.
Tagsüber erkunde ich den Ort mit den auf Stelzen gebauten Holzhäusern. Die tief in den Permafrost gerammten Grundpfeiler würden sonst wanken, weil die Hauswärme den Permafrostboden auftaut. Vor einigen Häusern trocknen Eisbären- und Robbenfelle, in Streifen geschnittenes Robbenfleisch und Vögel.
Die riesigen Kieferknochen eines Wals liegen vor dem Arktisforschungszentrum. Eine Frühwarnstation beschäftigt viele Amerikaner. Kurz darauf ist die Welt zu Ende. „Roads End“ steht auf einem Schild. An der gebogenen Landzunge treffen sich Tschuktschen- und Beaufortsee. Endlose Wollgraswiesen wiegen sich im Wind – trotz der geringen eisfreien Bodentiefe.
Tschuktschensee: Walrosskolonie; Foto links oben: Alaska/Little Diomed: Besuch bei den Eskimos Fotos: Renate V. Scheiper
Tschuktschensee: Walrosskolonie; Foto links oben: Alaska/Little Diomed: Besuch bei den Eskimos Fotos: Renate V. Scheiper
Vor dem Flug nach Kotzebue am Beringmeer erlebe ich noch anmutige Tänze junger Mädchen in ihren typischen Parkas und Mutluks, den warmen Stiefeln aus Seehundfell. Faszinierend ist der Flug über die mit großen Wasserlachen bedeckte Tundra. Wegen des permanent gefrorenen Bodens kann das Schmelzwasser nicht versickern. Noch um Mitternacht toben die Kinder auf einem riesigen Walwirbel herum, der am Strand liegt. Mühsam ernähren sich auch hier die Menschen vom Fischen im Sommer, hoffen auf Wale und Seehunde und auf Karibus im Winter.
Merkwürdige, wie mit Tellern bestückte Stangen umgeben das Hotel, dessen Boden nur gering über dem Erdreich liegt. Mir wird erklärt, dass eine darin ständig zirkulierende Kühlflüssigkeit dafür sorgt, dass das Erdreich nicht auftaut. Ich schließe mich einer Tagestour mit Richard Beneville an, dem Guide in Nome. Er fährt uns hinaus in die Tundra. Bunte Blumen leuchten aus dem dicken Gras: Veilchen, Löwenmäulchen, Anemonen, Mönchshut und sogar der seltene weiße Enzian. Strahlend blau ist der Himmel bei mindestens 15 °C. Kein Bett ist so weich und duftend wie die Tundrawiesen, in die wir uns genüsslich fallen lassen. Die deutsche Ornithologin und Biologin Heidrun Oberg weiht uns ein in die besonderen Überlebensstrategien, die Pflanzen entwickeln, um selbst im härtesten Permafrostgebiet blühen zu können; in das Brutverhalten und die Lebensweise der vielen Vogelarten, die wir auf Inseln in großen Kolonien finden; in das Leben der Wale, die unser Schiff „World Discoverer“ umspielen, und in das der einst fast ausgerotteten Pelzrobben, die wir später auf der Pribiloff-Insel St. Paul mit ihren Jungen beobachten können. Zunächst aber werden wir in der Beringstraße auf die Insel Little Diomed ausgebootet und herzlich empfangen von den Eskimobewohnern. In Point Hope faszinieren der mit einem Zaun aus Walknochen umgebene Friedhof und die früheren Erdwohnungen, Yarangen genannt, deren Konstruktionsmaterial auch Walknochen und -wirbel sind.
Auf den Spuren von Vitus Bering kehren wir zurück über die Alëuten, landen an einsamen, unbewohnten Inseln, deren Pflanzen- und Vogelwelt wir erkunden und wo wir sogar versteinertes Holz finden. Renate V. Scheiper
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