ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Famulatur in Guatemala: Mais, Malaria und mehr

STATUS

Famulatur in Guatemala: Mais, Malaria und mehr

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): A-1324 / B-1108 / C-1036

Bettker, Ralf

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Ralf Bettker
Foto: Ralf Bettker
Mal wieder lärmen Hühner und Truthähne um die Wette. Es ist sechs Uhr morgens, die Sonne brennt bereits, und in Ak’Tenamit, dem Projekt im Regenwald von Guatemala, beginnt ein neuer Tag.* Gerädert von der Nachtbereitschaft, gehe ich die Treppe runter und stehe in der „Clinica“, der einzigen medizinischen Versorgungsstelle für rund 7 000 Mayas, die auf Dutzende Dörfer verteilt leben. Zum Frühstück gibt’s Bohnen und Maisfladen.
Letzte Nacht gab es einen Notfall: Ein 16-jähriges Mädchen klagte über starke vaginale Blutungen. Mit Alejandro, dem „promotor de salud“, einem angelernten Einheimischen, der von Queq’chi ins Spanische übersetzt, stellte ich fest, dass sie schwanger war. Nach einer manuellen Untersuchung und der Kontrolle der fetalen Herztöne mit einem kleinen Dopplergerät wusste ich, dass wir sie nicht hier behalten konnten. (Da eine weitergehende Diagnostik nicht möglich ist – nachts ist sogar nur zum Teil Strom verfügbar –, müssen alle Fälle außer Geburten ins nächste Krankenhaus.) Also „versorgte“ ich die Patientin mit einer NaCl-Infusion und rief Jorge, den Bootsfahrer dieser Nacht. Zusammen mit den Eltern machten wir uns auf den rund einstündigen Weg über den Fluss Rio Dulce in die Provinzhauptstadt Puerto Barrios . . .
Vom Frühstück kommend, denke ich noch an das Mädchen, deren Kind leider nicht überlebte, da entdecke ich schon andere „promotores de salud“ und Katy, die für die „Clinica“ verantwortliche amerikanische Ärztin, mit der sich die Studenten die Arbeit teilen. Die „promotores“ übernehmen die Anamnese, weil die meisten Patienten kein Spanisch sprechen, und bitten uns dann zu Untersuchung und Therapie. Wie in vielen anderen Entwicklungsländern stehen Infektionen und parasitäre Erkrankungen im Vordergrund; HIV ist ein unter den Mayas zwar noch kleines, aber wachsendes Problem.
Heute beginnt der Arbeitstag normal. Alejandro befragt eine Mutter mit ihren fünf Kindern. Eines hat eine Mittelohrentzündung, ein anderes eine Bronchitis, und alle Scabies. Die Mutter wünscht noch Tabletten zur Wurmbehandlung und -prophylaxe sowie Eisentabletten für ihre sechste Schwangerschaft. Auch wenn Wurmbefall mit Ascariden die Hauptursache für Durchfall ist, können ebenso virale Infekte oder Giardia, manchmal auch Shigellen der Grund sein. Leider sind Anamnese und Untersuchung oftmals die einzigen Mittel zur Diagnosefindung, da bis auf Thermometer und Blutdruckmanschette nur noch eine Zentrifuge und Urinstreifen zur Verfügung stehen.
Der nächste Patient hat sich vor einigen Tagen mit einer Machete an der Hand verletzt und kommt zum Fädenziehen. Macheten dienen als Schneidewerkzeug für vieles, vom Öffnen der Kokosnuss bis zum Rasen„mähen“ – Verletzungen sind häufig. Kinder, bei denen die Wunden nicht heilen, werden auch schon mal mit Ketamin außer Gefecht gesetzt, bleiben aber dann bis zum Abend oder nächsten Morgen zur Beobachtung in einem der vier Krankenbetten. Mit einem Malariafall geht es weiter (hier gibt es fast nur Plasmodium vivax) . . .
Neben der selbstständigen Arbeit in der „Clinica“, bei der man enorm viel lernt, finden regelmäßig ein- oder mehrtägige Dorfreisen statt. Ausgerüstet mit zwei großen Rucksäcken voller Medikamente, gehen ein „promotor“, eventuell die einheimische Hebamme Adela und jemand vom ärztlichen Personal zur Basisversorgung in ein entlegenes Dorf. Die Anreise nimmt zumeist mehrere Stunden mit dem Boot und zu Fuß in Anspruch. Hier erlebt man nicht nur atemberaubende Naturschönheiten des tropischen Regenwaldes, sondern erfährt auch hautnah die immense Armut, in der viele dort leben. Informationen über die Arbeit in einem tollen Land gibt’s bei Ralf Bettker, E-Mail: Ror ro@gmx.net oder unter www. aktenamit.org. Ralf Bettker
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.