ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2002Drogen am Steuer: Jugendliche sind zu leichtsinnig

VARIA: Wirtschaft - Versicherungen

Drogen am Steuer: Jugendliche sind zu leichtsinnig

Dtsch Arztebl 2002; 99(19): [78]

Combach, Rolf

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Die Verkehrssicherheitswerbung geht offenbar am Lebensgefühl junger Menschen vorbei.

Eine Untersuchung der Forschungsgemeinschaft Auto-Sicht-Sicherheit (ASS) im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) brachte Beunruhigendes an den Tag: Offenbar setzen sich mehr junge Leute im Alter von 18 bis 25 Jahre regelmäßig unter Drogeneinfluss ans Steuer als bisher vermutet. „Besonders alarmierend ist, dass regelmäßig mehrere Drogenarten gleichzeitig konsumiert werden und Alkohol getrunken wird“, sagte Dr. Jörg Kubitzki, der die Studie betreute. Dabei werde geringe Einsicht in das Problem eine kurzfristige Änderung unmöglich machen. Die bisherige Praxis der Verkehrssicherheitswerbung gehe an dem Lebensgefühl der jungen Konsumenten vorbei und sei wirkungslos, sagte Kubitzki.
Die Datenbasis für die Studie war jedoch gering. In den Jahren 2000 und 2001 wurden vor Musikcafés, Kneipen und Diskotheken 225 mutmaßliche Partydrogenkonsumenten anonym zu ihrem Drogenkonsum und der Nutzung eines Fahrzeugs befragt. Danach geben 94 Prozent der Befragten an, regelmäßig unter akutem Drogeneinfluss Auto zu fahren – im Durchschnitt 3,5-mal im Monat. 83 Prozent fahren regelmäßig unter Einfluss von Ecstasy. Ein Viertel gab an, sehr häufig oder gar täglich unter Drogeneinfluss zu fahren, 14 Prozent hatten nach eigenen Angaben bereits einen Unfall unter – unentdecktem – Drogeneinfluss.
Ecstasy vor Speed und Haschisch
Weitere Erkenntnisse: Die Unterscheidung zwischen harten und weichen Drogen wird zunehmend aufgeweicht. Am weitesten verbreitet sind der Erhebung zufolge Ecstasy, Speed und Haschisch. Auch Kokain und psychoaktive Pilze werden häufig konsumiert. Häufig werden Ecstasy, Speed und Haschisch gleichzeitig genommen. In 87 Prozent der im Rahmen der Studie untersuchten Fälle kam zum Drogenmissbrauch noch Alkoholkonsum hinzu. Dazu geht die Einnahme der Partydrogen oft mit Schlafentzug über bis zu drei Tage einher.
Die Mehrheit der Befragten steigt ins Auto, solange die akute Wirkung der Drogen noch anhält. Bei mehr als der Hälfte der befragten Konsumenten waren vom Zeitpunkt des Ecstasykonsums bis zur Autofahrt höchstens vier Stunden vergangen. Haschisch wird überwiegend während der Fahrt geraucht. Die Befragten schilderten eine Fülle subjektiv empfundener Beeinträchtigungen bei ihren Fahrten unter Drogeneinfluss. Sowohl Erschöpfung, Ermüdung und Verlangsamung der Reaktion als auch innere Unruhe und Erregtheit wurden beschrieben. Bei den Schilderungen der Drogenfahrten standen Fahrfehler beim Spurhalten und Kurvenverhalten sowie unangemessene Geschwindigkeit im Vordergrund. Dennoch wurde überwiegend die Überzeugung geäußert, fahrtüchtig gewesen zu sein.
Der Toxikologe Prof. Dr. Manfred Möller von der Universität des Saarlandes in Homburg hat im Auftrag der Versicherer die Zuverlässigkeit von Drogenschnelltests untersucht. Dazu wurden im Saarland bei landesweiten Polizeikontrollen Fahrer, bei denen Drogenkonsum vermutet wurde, mit verschiedenen Methoden getestet. Die Ergebnisse wurden später durch eine Blutuntersuchung verifiziert. Die Tests, so erläuterte Möller kürzlich, seien sehr zuverlässig gewesen. In 98 Prozent der 489 Fälle erwies sich der Test als korrekt. Bei 107 Tests konnte sogar mehr als eine Drogenart nachgewiesen werden. Kein Test erwies sich als falsch-negativ, zeigte also keinen Wert an, obwohl tatsächlich Rauschgift konsumiert worden war.
Mehr nächtliche Kontrollen gefordert
Damit ist nach Ansicht des Saarländer Toxikologen bewiesen, dass Drogenschnelltests bei der Polizei bundesweit eingeführt werden sollten. Nebeneffekt der im Rahmen der Studie durchgeführten Kontrollen war, dass sich die Zahl der Verkehrsopfer in der relevanten Zielgruppe der 18- bis 25-Jährigen erheblich reduziert. Die Zahl der Getöteten dieser Gruppe ging im Untersuchungszeitraum gegenüber dem Vorjahreszeitraum im Saarland um 68 Prozent zurück (Deutschland gesamt: –2,8 Prozent), die Zahl der Schwerverletzten um 34,4 Prozent (Deutschland gesamt: –8,9 Prozent).
Die Autoversicherer fordern deshalb, vor allem nächtliche Kontrollen zu verstärken, eine bessere Ausbildung der Polizei, um Drogengebrauch zu erkennen, und mehr Schnelltests. Allerdings kostet ein Teströhrchen heute noch zehn Euro – zu teuer, wenn man in Deutschland flächendeckend Drogentests durch die Polizei vornehmen lassen will. Rolf Combach
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