ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2002Klinikbewertungen: Von zweifelhaftem Wert

AKTUELL: Akut

Klinikbewertungen: Von zweifelhaftem Wert

Dtsch Arztebl 2002; 99(20): A-1329 / B-1113 / C-1041

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS So genannte Fünfsternekliniken bieten den Patienten nicht unbedingt die beste Behandlung, wie eine Studie im amerikanischen Ärzteblatt resümiert (JAMA 2002; 287: 1277–1287). Dort wird Kritik an der nicht immer gerechten Bewertung von Kliniken auf Internet-Seiten geäußert. Patienten können in den USA die Homepage von HealthGrades.com ansteuern. Dort finden sie die Bewertung von 5 000 Kliniken und 620 000 Ärzten. Nach Eingabe des Wohnortes und der gewünschten Behandlung oder Diagnostik erscheinen die Leistungsdaten einzelner Kliniken und Ärzte, die mit einem bis fünf Sterne bewertet sind. Bei den Kliniken beruht die Bewertung vor allem auf den in den USA öffentlich verfügbaren Daten aus dem Medicare-Programm, das Angaben zu Todesraten und Komplikationen enthält. Ein nicht näher spezifiziertes Computerprogramm errechnet daraus die Bewertung.

Harlan Krumholz, ein Epidemiologe der Yale-Universität, hat die Bewertungen von HealthGrades.com zu 3 363 Kliniken unter die Lupe genommen. Er verglich sie mit den Daten des Cooperative Cardiovascular Project, einer retrospektiven systematischen Auswertung der Krankenakten von 141 914 Medicare-Empfängern. Diese Studie liefert detaillierte Informationen zur Behandlungsqualität beim akuten Myokardinfarkt. Neben der Kliniksterblichkeit werden auch andere Aspekte, etwa die indikationsgerechte Gabe von Medikamenten, berücksichtigt. Die Auswertung zeigt ein differenziertes Bild. Tatsächlich waren die Fünfsternekliniken in einigen Aspekten vorbildlich. Sie behandelten ihre Patienten häufiger als Einsternkliniken mit ASS bei der Klinikaufnahme sowie bei der Entlassung. Auch Betablocker wurden großzügiger eingesetzt. Bei den ACE-Hemmern gab es jedoch keine Unterschiede. Eine akute Reperfusionsbehandlung erhielten die Patienten am häufigsten in Zweisternekliniken (60,6 Prozent) und am seltensten in Fünfsternekliniken (53,6 Prozent). Im wichtigsten Parameter, der risikoadaptierten 30-Tage-Sterblichkeit, lagen die Fünfsternekliniken jedoch wieder vorne. Hier starben nur 15,9 Prozent der Patienten statt 21,9 Prozent in den Einsternkliniken.

Doch diese Zahlen täuschen nach Auskunft von Krumholz: Im direkten Vergleich hatten nur 3,1 Prozent der Einsternkliniken eine statistisch signifikant niedrigere 30-Tage-Sterblichkeit als die Fünfsternekliniken. Krumholz kommt zu dem Schluss, dass die Ratings von HealthGrades.com nicht sinnvoll sind. Rüdiger Meyer
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