ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2002Ärzte gegen Atomkrieg: Die Gefahr ist nicht gebannt

POLITIK

Ärzte gegen Atomkrieg: Die Gefahr ist nicht gebannt

Dtsch Arztebl 2002; 99(20): A-1335 / B-1138 / C-1066

Jachertz, Norbert

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Friedensnobelpreisträger (von links): Bernard Lown, Evgenij Tschasow (für die IPPNW) und Willy Brandt („auch er einer, der den Nobelpreis im Streit bekommen hat“, so Bundespräsident Johannes Rau) Foto: IPPNW
Friedensnobelpreisträger (von links): Bernard Lown, Evgenij Tschasow (für die IPPNW) und Willy Brandt („auch er einer, der den Nobelpreis im Streit bekommen hat“, so Bundespräsident Johannes Rau) Foto: IPPNW
Die IPPNW, eine ärztliche Organisation in der Friedensbewegung,
feierte 20-jähriges Jubiläum. Sie wendet sich unverändert
gegen den Einsatz von nuklearen Waffen und spricht sich gegen
„strukturelle Gewalt“ im Gesundheitswesen aus.

Die atomare Bedrohung sieht heute anders aus als vor 20 Jahren. Damals wurde die Ärzteorganisation IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War), Teil der weltweiten Friedensbewegung, von dem Amerikaner Bernard Lown und dem (Sowjet-)Russen Evgenij Tschasow, zwei Kardiologen, ins Leben gerufen, zusammen mit weiteren, zum Teil recht prominenten Medizinern. Damals wandte sich die IPPNW gegen das atomare Wettrüsten der beiden Supermächte USA und Sowjetunion. Heute ist als Supermacht nur mehr die USA übrig geblieben, die Gefahr nuklearer Auseinandersetzungen ist aber keineswegs gebannt. Die IPPNW ist gar der Meinung, sie sei präsenter denn je.
1982 wurde auch die deutsche Sektion der Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges gegründet; Gründungsmitglieder waren unter anderen Horst-Eberhard Richter und Ulrich Gottstein. Die beiden waren nun auch beim 20-Jahres-Jubiläum am 9. Mai 2002 in Berlin dabei. Und mit ihnen viele Aktivisten der letzten 20 Jahre. Die IPPNW ist halt älter geworden und mit ihr auch ihre Mitglieder. Gleichwohl krähte zwischendurch auch mal ein Baby im Konzerthaus auf dem Berliner Gendarmenmarkt.
Bundespräsident Johannes Rau war Festgast beim Festakt und hielt eine Rede, die selbst IPPNW-Mitglieder, denen die Staatsnähe ein vages Unbehagen bereitet, gefallen haben wird. Rau rief zu einer modernen Sicherheitspolitik auf, die müsse den Ursachen der Friedensstörungen nachgehen und Strategien der Vorbeugung entwickeln. Nur so lässt sich (laut Rau) die bedrückende Alternative vermeiden: Schuld auf sich laden durch Wegsehen oder Schuld auf sich laden durch Einsatz von Gewalt, die Unschuldige trifft.
Rau stellte die rhetorische Frage, ob die IPPNW durch den Gang der Geschichte nicht überholt sei, und er beantwortete sie gleich selbst, indem er auf aktuelle Konfliktfelder hinwies und auf Aufgaben „jenseits des Namens“, die die IPPNW sich selbst gestellt hat. Rau spielte damit auf die Verdienste der Organisation bei der Aufklärung ärztlicher Vergangenheit in Deutschland an. Die IPPNW hatte bereits 1986 diesen Themenkreis aufgegriffen und hat ihn in zwei weithin beachteten Kongressen (1996 und 2001) weiter fortgeführt.
Dabei blieb es nicht allein bei der Analyse von Medizin und Gewalt in der Zeit des Nationalsozialismus. Die deutsche Vergangenheit lehre, so Horst-Eberhard Richter beim 20-Jahres-Jubiläum, dass Teile der Ärzteschaft einer Militarisierung des Denkens erliegen und Krieg gegen unwertes Leben führen können. Wörtlich: „Das geschah in brutaler Form in der Unterstützung einer rassistisch und als eugenisch etikettierten Ausrottungsstrategie unter den Nazis. Aber die Manipulationsmöglichkeiten der modernen Molekulargenetik gebären auch neuerdings da und dort Fantasien, diese Macht in unverantwortlicher Weise zu missbrauchen.“ Die Freiheit der Forscher sei zwar zu schützen, „aber wir haben auch einen Anspruch darauf, vor einem egomanischen Missbrauch der Forschung geschützt zu werden“.
Die Mitgliederversammlung der IPPNW am 10. Mai spann solche Gedankengänge weiter und machte auf eine drohende Zunahme „von struktureller Gewalt im Gesundheitswesen als Ergebnis neolibe-
raler Deregulierung“ aufmerksam. Die IPPNW sieht sich in ihrem Einsatz gegen den „Terror der Ökonomie“ nicht allein. Bei der Berliner Tagung war mehrfach von Verbindungen zu der neuen Bewegung „attac“ die Rede.
Den Hauptteil der Jubiläumstagung nahmen freilich Attacken gegen die derzeitige US-Regierung und deren militärische Pläne und Aktionen gegen die Achse des Bösen ein. Sowohl der Krieg in Afghanistan als auch Absichten, gewisse Schurkenstaaten anzugreifen, sind im Visier der IPPNW, zumindest der deutschen Sektion. Aus den USA wurde freilich berichtet, die dortige Sektion, immerhin Gründungsbestandteil der weltweiten IPPNW, habe ihre Schwierigkeiten gehabt, nach dem 11. September die Kriegsführung in Afghanistan zu verurteilen. Inzwischen scheinen die US-Kollegen den weiter gehenden Plänen ihrer Regierung kritischer zu begegnen.
Mit neuen Kernwaffen wollten die USA gegen feindliche Staaten oder
islamistische Kämpfer vorgehen, befürchtet die IPPNW. Nach 20 Jahren ist die IPPNW somit wieder bei ihrem Ausgangspunkt angekommen, dem Kampf gegen Atombomben. Sie hatte in den letzten 20 Jahren dabei durchaus Erfolge aufzuweisen gehabt, zumindest hat sie erheblich dazu beigetragen, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Anerkennung fand das 1985 in der Verleihung des Friedensnobelpreises. Die Verleihung war damals, mitten im Kalten Krieg, heftig umstritten. Kritiker im Westen, darunter auch deutsche Regierungsstellen, warfen der Ärzteorganisation vor, sich vom Osten instrumentalisieren zu lassen.
Auf Unabhängigkeit bedacht
In der Tat liegt hier ein allergischer Punkt der IPPNW. Mitbegründer Tschasow gehörte der sowjetischen Nomenklatura an, und in der Sowjetunion, aber auch in der DDR versuchten Staat und Partei Einfluss auf die IPPNW zu nehmen. So war der Organisationsgrad der IPPNW in der DDR ungleich höher als in Westdeutschland. Die IPPNW hat gleichwohl versucht, ihre Unabhängigkeit zu wahren, mit der Folge, dass es in der DDR zwei unterschiedliche Richtungen in der
IPPNW gab, eine offizielle und eine kritische. Nach der Wende haben ostdeutsche Ärzte, die wussten, was Unterdrückung heißt, auch dazu beigetragen, der IPPNW einen Zusatznamen zu geben: Ärzte in sozialer Verantwortung.
Mit den (offiziellen) Standesorganisationen in Deutschland gab es in den ersten Jahren Auseinandersetzungen, über die Behandlung der NS-Thematik oder nach Tschernobyl. Inzwischen ist auf beiden Seiten mehr Gelassenheit eingekehrt. Die IPPNW zählt nach eigenen Angaben weltweit 200 000 Mitglieder, in Deutschland knapp 9 000. Vorsitzende ist Angelika Claußen;
weitere Informationen unter www.ippnw.de. Norbert Jachertz
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